Ausländische Fachkräfte - Nur wenig multikulti

Warum arbeiten so wenige Migranten als Therapeuten? Eine wichtige Frage – nicht zuletzt vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels

Andelina Budimir ist Physiotherapeutin. 2014 verließ sie ihre Heimat Kroatien, um sich in Deutschland eine neue Existenz aufzubauen. Ähnlich Faisal Hamdo: Der Syrer ist ebenfalls Physiotherapeut und kam im gleichen Jahr in die Bundesrepublik. Die Geschichte ihrer ersten Zeit in der neuen Heimat ist auf dem Informationsportal „Anerkennung in Deutschland“ nachzulesen: Beide mussten zuerst die sprachlichen Hürden überwinden, stellten dann einen Antrag auf Anerkennung ihrer Berufsausbildungen und absolvierten zudem einen Anpassungslehrgang, um die wesentlichen Unterschiede zur deutschen Ausbildung auszugleichen.

Inzwischen haben beide eine Festanstellung. „Ich war zwar überrascht, wie lange alles gedauert hat, aber der Aufwand hat sich gelohnt“, wird Andelina Budimir in ihrem Erfahrungsbericht zitiert. Bleibt die Frage, warum das alles so lang gedauert hat. Denn das war nicht immer so. „Als ich 1983 von Polen nach Deutschland kam, musste ich nur zum Gesundheitsamt gehen und dann noch ein Praktikum in einem Krankenhaus machen“, erzählt Ivona Wrobel. All die Hürden, die es heutzutage gibt, hätte es damals bei der Anerkennung ihrer Ausbildung nicht gegeben. Inzwischen hat sich die Physiotherapeutin in Bielefeld eine eigene Praxis aufgebaut, in der sie ganz gezielt auch Therapeuten mit Migrationshintergrund einstellt; neben Deutsch und Polnisch wird dort Englisch, Türkisch und Russisch gesprochen. „Das ist ein großer Standortvorteil für meine Praxis, weil Patienten aus diesen Ländern hier Menschen vorfinden, die die gleiche Sprache sprechen und aus dem gleichen Kulturraum kommen.“

Anerkennungsverfahren sind zu zeitaufwendig

Tatsächlich geändert hat sich allerdings bislang nicht viel – bestätigt Angelika Heck-Darabi, Ausbildungsexpertin von Physio-Deutschland. „Die Hürden sind nach wie vor hoch und die Bearbeitungszeit ist oft sehr lange.“ Die Anforderungen, die Therapeuten aus dem Ausland erfüllen müssen, sind zudem in jedem Bundesland unterschiedlich, auch die für die Prüfung der Gleichwertigkeit der Ausbildung zuständigen Stellen gehen keineswegs einheitlich vor. „Was nutzt es, wenn Gesetze geändert werden, um die Antragstellung zu beschleunigen, dann aber nicht dafür gesorgt wird, dass die Kapazitäten in der Verwaltung so aufgestockt werden, dass dies auch zügig umgesetzt werden kann?“, fragt sich Heck-Darabi. Zu dem zeitlichen Aufwand für das Anerkennungsverfahren käme dann noch der finanzielle. Neben den Verfahrenskosten entstehen beispielsweise durch die Teilnahme an notwendigen Sprachkursen und weiteren bis zu drei Jahre dauernden Anerkennungslehrgängen erhebliche Kosten, die von den Antragssuchenden selbst übernommen werden müssen. „Auch im Interesse der Praxisinhaber, die händeringend Mitarbeiter suchen, sollte sich da dringend etwas ändern“, so Heck-Darabi. Immer mehr Mitglieder würden sich diesbezüglich an den Verband wenden und um Beratung bitten.

Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels lohnt auch ein Blick auf die Zahlen des Statistischen Bundesamts: So arbeiten in den nichtärztlichen Therapieberufen – zu denen neben Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie auch die Heilkunde sowie die Diät- und die Musik-/Kunsttherapie zählt – laut aktuellem Mikrozensus rund 390.000 Menschen. 14,9 Prozent, also 58.000 Menschen, haben davon einen Migrationshintergrund. Zum Vergleich: Deren Anteil unter allen Erwerbstätigen liegt bei 23,8 Prozent, der in der Altenpflege sogar bei 28,9 Prozent – also knapp doppelt so hoch. Das Problem nur auf die fehlende Einwanderung in die Heilmittelberufe zu schieben, greift indes zu kurz. Zwar wird weder der Anteil der Schüler mit Migrationshintergrund (also inklusive Deutsche mit migrantischen Wurzeln) noch der Ausländeranteil in den Gesundheitsschulen bundesweit erfasst.

Viele Gründe für einen geringen Ausländeranteil in der Ausbildung

Eine Stichprobenumfrage von „Zukunft Praxis“ ergibt jedoch eindeutig: Vergleichsweise wenige Migranten entscheiden sich für eine Ausbildung zum Physiotherapeuten, noch viel weniger für eine Ausbildung zum Ergotherapeuten oder Logopäden. Stellt sich die Frage: Warum? Die Sprachbarriere ist zu hoch, vermutet eine Schulleiterin aus Baden-Württemberg. Manch einer hätte nicht die erforderliche Mittlere Reife, sagt ein Kollege aus Bayern. Dann sei da noch die Sache mit dem Schulgeld, die gerade bei weniger finanzstarken Familien eine solche Ausbildung nicht attraktiv machen würde, heißt es unisono. Wenigstens diese Hürde dürfte demnächst der Vergangenheit angehören.

Was nutzt es, wenn Gesetze geändert werden, um die Antragstellung zu beschleunigen, dann aber nicht dafür gesorgt wird, dass die Kapazitäten in der Verwaltung so aufgestockt werden, dass dies auch zügig umgesetzt werden kann?
Angelika Heck-Darabi, Ausbildungsexpertin von Physio-Deutschland
Ich war zwar überrascht, wie lange alles gedauert hat, aber der Aufwand hat sich gelohnt.
ANDELINA BUDIMIR, Physiotherapeutin
Wege in die Ausbildung
Das mehrsprachige Portal „Anerkennung in Deutschland“ informiert darüber, wie ausländische Berufsabschlüsse in Deutschland anerkannt werden können. Darüber hinaus bündelt es wichtige Informationen zu den rechtlichen Grundlagen, zu den Anerkennungsverfahren in den einzelnen Berufen und zu Beratungsangeboten. Mehr Informationen erhalten Sie hier.

Das EU-Förderprogramm „Integration durch Qualifizierung (IQ)“ will die Arbeitsmarktchancen für Menschen mit Migrationshintergrund verbessern und im Ausland erworbene Berufsabschlüsse – unabhängig vom Aufenthaltstitel – häufiger in eine bildungsadäquate Beschäftigung münden lassen. Mehr Informationen finden Sie hier.

Das mehrsprachige Portal „Make it in Germany“ der Bundesregierung richtet sich an Fachkräfte aus dem Ausland. Es informiert Einwanderungsinteressierte, wie sie ihren Weg nach Deutschland erfolgreich gestalten können – von den Vorbereitungen im Herkunftsland bis zur Ankunft und den ersten Schritten in Deutschland. Mehr Informationen finden Sie hier.
Im Netzwerk der Bundesagentur für Arbeit ist die Zentrale Auslands- und Fachvermittlung (ZAV) vor allem für die Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland und für die Vermittlung besonderer Berufsgruppen verantwortlich. Mehr Informationen finden Sie hier.

Um so mehr ärgert es Wrobel, dass es so schwierig geworden ist, Therapeuten aus dem Ausland nach Deutschland zu holen. „Die ganze Bürokratie nervt“, sagt sie. „Wir brauchen hier doch ganz dringend Fachkräfte, warum machen wir es dann den Leuten so schwer, hierherzukommen?“ Erkannt hat dieses Problem auch der Gesetzgeber: Bereits vor 13 Jahren wurde die Anerkennung von beruflichen Qualifikationen von EU-Bürgern erleichtert. Mit dem Berufsanerkennungsgesetz wurden 2012 die Änderungen auf Drittstaaten ausgeweitet; zudem hat man nunmehr einen Rechtsanspruch auf Prüfung der Qualifikation sowie auf eine zeitnahe Mitteilung des Prüfungsergebnisses. 2017 wurden Physiotherapeuten und Logopäden als Mangelberufe anerkannt und auf eine Positivliste der Bundesagentur für Arbeit geschrieben, was eine erleichterte Visumsvergabe zur Folge hatte. Nun soll im März dieses Jahres das Fachkräfteeinwanderungsgesetz in Kraft treten; mit ihm entfällt vor allem die Vorrangprüfung weg, in der Praxisinhaber vor der Einstellung eines Ausländers aus einem Drittstaat erst einmal nachweisen mussten, dass kein Deutscher oder EU-Bürger gerne den Job hätte.


Branchen-News automatisch in Ihr Postfach

Geänderte gesetzliche Vorgaben, aktuelle Absetzungen, spannende Events: Wir bringen Wissenswertes per E-Mail für Sie auf den Punkt – immer Mitte des Monats und bei besonderen Ereignissen auch ganz aktuell.  

Jetzt anmelden



Funktionalität eingeschränkt! Bitte aktivieren Sie JavaScript.