Autonomie für Therapeuten

Während Deutschland über die Einführung eines Direktzugangs zur Physiotherapie debattiert, zeigt die Erfahrung aus anderen Ländern: Das Konzept funktioniert. Vorausgesetzt, bestimmte Rahmenbedingungen sind erfüllt.

Als die Physiotherapeutin Christine Hamilton 1979 an der University of Queensland in Brisbane (Australien) ihren Bachelor absolvierte, hatte das Land bereits seit drei Jahren eine Regelung eingeführt, die das dortige Gesundheitssystem über die nächsten Jahrzehnte maßgeblich prägen sollte: den Direktzugang zur Physiotherapie. Nach einer Registrierung beim National Registration Board hatte Hamilton die Befugnis, Patienten ohne ärztliche Anordnung zu behandeln. „Unsere Ausbildung war darauf angelegt, Patienten selbst zu untersuchen und zu entscheiden, wen wir sofort behandeln dürfen und wer aufgrund seiner Symptome und Befunde von einem Facharzt gesehen werden muss“, so Hamilton. Etwa, um mithilfe bildgebender Verfahren eine ernsthafte Erkrankung auszuschließen.

Nun praktiziert Hamilton schon lange in Deutschland, aber sie kann sich noch gut erinnern, wie heftig der damals neue Ansatz in Australien diskutiert wurde. „Es gab natürlich Widerstand vonseiten der Ärzteschaft, die argumentierten, dass die Diagnostik einzig und allein in ihren Händen bleiben müsse. Sonst sei die Sicherheit der Patienten nicht gewährleistet.“ Letztlich habe sich die Argumentation des Verbandes Australian Physiotherapy Association (APA) durchgesetzt, die darauf zielte, die Beweislast umzukehren. „Die Ärzte sollten doch bitte nachweisen, dass Physiotherapeuten nicht dazu in der Lage sind, sicher genug zu behandeln.“

Red-Flag-Situationen zu erkennen, ist Teil der Ausbildung

Dass die Auseinandersetzung zugunsten des Direktzugangs ausging und die Regelung inzwischen fest in das australische Gesundheitssystem integriert ist, liegt für Hamilton vor allem an den Ausbildungsinhalten. „Wir werden als Physiotherapeuten im Studium in Australien sehr genau darin geschult, ernsthafte Pathologien, sogenannte Red-Flag-Situationen, zu erkennen“, so Hamilton. „Wir können also sehr gut entscheiden, wann ein Patient richtig bei und ist und wann nicht.“ Das wiederum führe zu einem entscheidenden Vertrauensverhältnis zu den Patienten, die genau wüssten, sie müssen sich mit ihren Beschwerden nicht sofort bei einem Facharzt vorstellen. Ob dies notwendig ist, entscheidet der Therapeut.

Genau hier sieht Hamilton, die durch ihre langjährige Arbeit in zwei physiotherapeutischen Praxen in Erlangen auch das deutsche System gut kennt, einen der Gründe, warum der Direktzugang hierzulande noch nicht realisiert wurde und nach wie vor so heftig debattiert wird. „Dass Physiotherapeuten mit entsprechender Ausbildung grundsätzlich kompetent genug sind, Erstuntersuchungen durchzuführen beziehungsweise klinische Triage anzuwenden, wissen wir inzwischen nicht nur aus Australien, sondern aus vielen anderen Ländern, die den Direktzugang praktizieren.“ Im Augenblick sind das die USA, Kanada und viele europäische Länder wie Finnland, Norwegen, Schweden, die Niederlande oder Großbritannien. „Man muss sich nur gesundheitspolitisch dafür entscheiden“, so Hamilton.

Die Ärzte sollen doch bitte nachweisen, dass Physiotherapeuten nicht in der Lage sind, sicher genug zu behandeln.
Australian Physiotherapy Association (APA)
Clinical Reasoning als Stärke der akademischen Ausbildung

Genau dann würde man nämlich auch die Debatte um die in Deutschland fehlenden Ausbildungsinhalte konstruktiv voranbringen. Zwar gäbe es im Ausbildungsberuf sehr wohl einige Inhalte, die ergänzt werden müssten. Nur: „Wenn der Wille da ist, Physiotherapeuten mehr Verantwortung zu geben, werden sich auch die Ausbildungsinhalte anpassen.“ Eine Meinung, die auch Sina Weeber, Physiotherapeutin am Klinikum Itzehoe und Autorin eines 2017 erschienenen Buches, zum Thema vertritt. „Auch wenn die dreijährige Ausbildung bei uns meiner Meinung nach noch nicht zum Direktzugang befähigt, ist das bei den immer häufiger angebotenen Studiengängen für Physiotherapie sehr wohl der Fall“, so Weeber.

Zentral sei dabei besonders die Schulung in den Bereichen „evidenzbasierte Praxis und Forschung“ und die „Kompetenz zu klinischen Schlussfolgerungen“. Diese Fähigkeit zu „Clinical Reasoning“ ist für Hamilton eine der großen Stärken der akademischen Physiotherapieausbildung, wie sie in den Ländern mit Direktzugang Standard ist. „Es befähigt uns dazu, multimodal zu denken und nicht nur vorläufige Diagnosen zu stellen, sondern auch Hypothesen zu entwickeln. Genau das nämlich, was bei allen Patienten unbedingt notwendig ist, bei denen es gar keine eindeutige bildliche Diagnose gibt.“

Wenn es, wie Christine Hamilton sagt, auch auf politischen Willen zur Veränderung ankommt, stellt sich die Frage nach der Umsetzung. „Nötig wäre eine gesetzliche Änderung, die die Kompetenz zur selbstständigen Ausübung der Heilkunde für ihren Arbeitsbereich auf Physiotherapeuten überträgt – zumindest für die Durchführung von Projekten“, so Ute Repschläger, Vorsitzende des Vorstands des Bundesverbandes selbstständiger Physiotherapeuten. Sämtliche Fragen zur Qualifikation, Sicherheit, aber auch Wirtschaftlichkeit ließen sich dann in einem Modellvorhaben kontrolliert und sicher erproben. „Dann müssten wir endlich nicht mehr darüber reden, was sein könnte, sondern endlich darüber, welche Ergebnisse auf dem Tisch liegen und wie diese zu bewerten sind.“

Für Hamilton ist, auch mit Blick auf Australien, vor allem die klarere Aufgabenteilung zwischen Ärzten und Physiotherapeuten ein großer Pluspunkt der Direktversorgung. „Orthopäden tut es gut, sich auf das zu konzentrieren, was sie sehr gut können, nämlich Unfallchirurgie. Und wir bekommen mehr Autonomie und Handlungskompetenz in einem Feld, für das wir meiner Meinung nach sogar besonders gut ausgebildet sind. Nämlich den Umgang mit unspezifischen muskuloskelettalen Beschwerden.“


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