Burnout: Feuer & Flamme

Viele Therapeuten brennen für ihren Beruf. Um dabei nicht auszubrennen, ist jedoch eine ausgewogene Work-Life-Balance wichtig.

Wenn Ariane Willikonsky von ihrer Arbeit berichtet, spürt man die Leidenschaf für den Beruf. Aber genauso die damit verbundene Belastung. „Ich arbeite im Schnitt sicher zwölf bis 14 Stunden und bin trotzdem nie fertig“, berichtet die Sprechtherapeutin. Urlaub? „Ehrlich gesagt: selten.“ Freie Wochenenden? „Auch nicht sehr oft.“ Allerdings, und das ist ihr wichtig zu betonen, sieht sie darin kein Problem. Denn sie trenne nicht zwischen Arbeit und Leben. „Ich bin zwar ein unverbesserlicher Workaholic“, gibt Willikonsky zu. „Aber ich mache nur Dinge,
die mich glücklich machen. Was soll daran schlecht sein?“

Gerade bei Therapeuten im Allgemeinen und Praxisinhabern im Besonderen ist eine solche Haltung häufig ausgeprägt. Dabei ist es in der Tat nicht problematisch, wenn man Feuer und Flamme für seinen Job ist. Zum Problem wird es nur, wenn der Betroffene dabei regelrecht ausbrennt. Stichwort: Burn-out. Der Begriff  wurde 1974 von dem Psychoanalytiker Herbert Freudenberger geprägt – und ist seitdem gerade in der Fachwelt nicht unumstritten. Zum einen, weil mit ihm oftmals eine handfeste Depression verschleiert wird. Zum anderen, weil er schwammig und unscharf ist.

„Es gibt keine allgemeingültige Definition für Burn-out“, bestätigt Dr. Sabine Gregersen, Psychologin bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW). „Ausgebranntsein ist eher ein Oberbegriff für meist beruflich bedingte Erschöpfung.“ Herausforderungen werden dann zur Überlastung, dauerhafter Stress und Anspannung können nicht mehr bewältigt werden. Nicht immer sofort erkennbar, gibt es jedoch Warnsignale, die aufhorchen lassen sollten: Wenn man beispielsweise an chronischer Erschöpfung oder Schlafstörungen leidet, sich zunehmend kraft- und antriebslos fühlt, das Gefühl innerer Leere verspürt oder sich sehr niedergeschlagen erlebt, kann dies ebenfalls auf ein Burn-out hinweisen. Auch bei Konzentrationsschwächen, erhöhter Infektanfälligkeit, zunehmenden Suchttendenzen, Verlust an Lebensfreude oder sozialem Rückzug lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Das Burn-out-Syndrom ist kein Zustand, sondern eher ein schleichender Prozess, wie die Expertin erläutert: „Die Verausgabung hält über eine längere Zeit an – und irgendwann ist die so ausgeprägt, dass der Akku leer ist und nicht mehr aufgeladen werden kann.“

„Es gibt keine allgemeingültige Definition für Burn-out“
Dr. Sabine Gregersen, Psychologin bei der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW)
Unzureichende Selbstfürsorge führt zu Erschöpfung

Dass gerade Therapeuten davon häufig betroffen sind, kommt nicht von ungefähr. Denn die Bedingungen, unter denen sie arbeiten, sind oftmals kräftezehrend. Körperlich, aber auch psychisch. Der zeitliche Druck durch engmaschige Behandlungen, gepaart mit dem eigenen Perfektionismus, geht an die Energiereserven. Hinzu kommt der weitverbreitete Wunsch vieler Therapeuten, sich möglichst empathisch und mit voller Hingabe um die Belange der Patienten zu kümmern – auch, indem man zuweilen die eigenen Bedürfnisse zurückstellt. „Die Selbstfürsorge eines Therapeuten ist in der Regel sehr schlecht“, weiß Burn-out-Coach Johannes Gönnenwein: „Lägen sie bei sich selbst auf der Bank, würden sie auf jeden Fall den Tipp geben, mehr auf sich aufzupassen.“ Doch bei ihnen selbst fehlt offenbar diese Achtsamkeit, bis hin zur Selbstaufopferung.

Doch plötzlich, berichten Betroffene, gehe die Freude am eigenen Tun verloren – und damit auch die Lebenszufriedenheit. Beides jedoch ist Voraussetzung, um diese altruistische „Der-Nächste-bitte-wem-kann-ich-noch-helfen- Haltung“ trotz aller Belastungen aufrechterhalten zu können. Früher oder später kann dann die innere Kündigung folgen, der Idealismus ist passé und die negative Einstellung zur Arbeit und der Frust darüber überwiegen. Der Therapeut schiebt auf einmal nur noch Dienst nach Vorschrift, wird immer unflexibler und sperrt sich gegen jegliche Zusatzaufgaben, auf die er sich früher begeistert gestürzt hat. Umso wichtiger ist es für die Praxisinhaber, auf entsprechende Anzeichen bei ihren Mitarbeitern aufmerksam zu achten und im Zweifelsfall frühzeitig gegenzusteuern. Denn es gilt: Je später ein drohender Burn-out erkannt wird, desto schwieriger ist es, ihn noch aufzuhalten. Wenn der Mitarbeiter erst einmal richtig ausgefallen ist, geht es ohne professionelle Hilfe in der Regel gar nicht mehr. Von daher sollten Inhaber nicht nur im Blick haben, wie leistungsfähig das Team ist, sondern auch, ob alle ein halbwegs ausgewogenes und gesundes Verhältnis zwischen Arbeit und Privatleben haben – die „Work-Life-Balance“. Denn: „Wer viel sägt, muss auch irgendwann mal die Säge wieder schärfen, sonst wird sie irgendwann stumpf“, sagt Burn-out-Coach Gönnenwein, der selbst Geschäftsführer einer Reha- und Therapieeinrichtung in Neumünster ist.

Organisations- und Zeitmanagement für Praxisinhaber

Allein: Was ist, wenn Praxisinhaber selbst vergessen, ihre Säge zu schärfen? Ein Phänomen, das vermutlich bei ihnen sogar noch deutlich häufiger verbreitet ist, da sie eben auch noch die unternehmerische Verantwortung tragen. „Der Raubbau an den eigenen Ressourcen ist bei Praxisinhabern fast schon systemimmanent“, weiß Gönnenwein aus zahlreichen Workshops und Seminaren. Sie würden zwar darüber nicht gleich zusammenbrechen – auch weil ihnen der für ein Burnout meist mitverantwortliche Druck vom Vorgesetzten fehlt –, die Folgen seien aber oft nicht minder schwer. Zudem reiche bei ihnen meist nicht der Appell, doch einfach mehr auf ihre Work-Life-Balance zu achten. Denn viele Inhaber hielten sich in der Praxis schlicht für unersetzlich: Sie sind der letzte Puffer, wenn mal ein Mitarbeiter ausfällt. Hinzu kommen die Abende und Wochenenden, an denen sie allein in ihrer Praxis sitzen, um sich um die Verwaltung zu kümmern. Um einen Ausgleich zur Arbeit – wie Hobbys, Sport, soziale Kontakte und Freizeitaktivitäten – überhaupt erst möglich zu machen, ist es daher notwendig, sich zunächst mit ganz grundsätzlichen Organisations- und Managementfragen auseinanderzusetzen. „Es geht darum, die Arbeit anders zu organisieren“, zeigt sich Gönnenwein überzeugt. „Dabei müssen lästige Dinge wie Verwaltung, Bürokratie und Abrechnung konsequent delegiert oder outgesourct werden.“ Denn so würde die Arbeit bald wieder mehr Freude machen und gleichzeitig hätte man auch wieder mehr Zeit für sich. Beides zwei Grundvoraussetzungen, um nicht auszubrennen.

    Was jeder tun kann, um sich vor dem „Ausbrennen“ zu schützen:
     
    • Sich nicht vom Lob der Patienten, Kollegen und Vorgesetzten abhängig machen.
    • Keinen übersteigerten Perfektionismus an den Tag legen.
    • Achtsam sein – auch sich selbst gegenüber.
    • Distanz zur Arbeit bewahren und nichts „mit nach Hause“ nehmen.
    • Chronische Überlastung vermeiden und die Gründe für deren Entstehung beseitigen.
    • Arbeitsabläufe überdenken und – wenn nötig – ändern.
    • Die Grenzen der eigenen Möglichkeiten erkennen und akzeptieren.
    • Probleme aktiv im Team ansprechen und gemeinsam Lösungen finden.
    • Unterstützung – auch professionelle – suchen und Hilfe annehmen.
    • Freiräume für andere Gedanken, Menschen und Aktivitäten schaffen.
     

     

    „Irgendwann ist jeder Akku leer“

    Praxisinhaber sollten bei sich, aber auch bei ihren Mitarbeitern auf Erholungszeiten achten – sagt Dr. German Quernheim, Pflegewissenschaftler und Burn-out-Coach.

    Das ganze Interview lesen Sie hier.


     


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