Corona als Treiber der Digitalisierung im Heilmittelbereich?

Die Kosten für die Videobehandlung werden nicht länger von den gesetzlichen Krankenkassen getragen. Hat die Corona-Pandemie der Digitalisierung im Heilmittelbereich dennoch neue Impulse verliehen?

Bis zum 30.06.2020 haben die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten für telemedizinische Behandlungen übernommen. Der GKV-Spitzenverband hatte dies im Zuge der Kontaktbeschränkungen durch die Corona-Pandemie ermöglicht. Welche Erfahrungen haben die Therapeuten mit der Videobehandlung gemacht? Hat der Lockdown neue Impulse für die Digitalisierung im Heilmittelbereich gebracht? Was sind die nächsten Schritte hin zur digitalen Versorgung? Wir haben darüber mit Uwe Eisner, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e.V. gesprochen. Er war vor seiner Zeit als Physiotherapeut Informatiker und ist im Verbandsvorstand Ansprechpartner für die Digitalisierung.
 

Welche Chancen hat der Lockdown im Hinblick auf die Digitalisierung im Heilmittelbereich aufgezeigt?

Uwe Eisner: Die CoVid-19-Empfehlungen der Krankenkassen hatte den Therapeuten im Heilmittelbereich die Möglichkeit zur Videobehandlung eingeräumt und teilweise von den Kollegen genutzt. Aber nicht alle Praxen konnten sie anwenden, da die technischen Voraussetzungen nicht gegeben waren. Es hat sich jedoch gezeigt, dass die Videotherapie eine gute Alternative zum Zeitpunkt der Kontaktbeschränkungen darstellte. 
 

Welche Erfahrungen haben die Therapeuten mit der Videobehandlung gesammelt?

Uwe Eisner: Die Videobehandlung ist eine sinnvolle Ergänzung zur Therapie in den Praxisräumen. Es gibt für die digitalen Therapieformen im Grunde drei mögliche Anwendungsszenarien: erstens zur Übungskontrolle und zweitens zur Übungsanleitung, der Therapeut kann Übungen per Video vormachen und die Ausführung kontrollieren. Die dritte Anwendungsmöglichkeit, die nicht unerheblich ist, ist der edukative Bereich, die Aufklärung, die Verhaltensberatung. Nichtdestotrotz ist die Physiotherapie zuallererst ein klassisches „Handwerk“, das eine face-to-face Behandlung impliziert. Die Branche ist deswegen noch wenig digital aufgestellt: Es mangelt vielerorts an technischer Ausstattung und an Erfahrungswerten.


Hat die Pandemie den Digitalisierungsprozess im Heilmittelbereich beschleunigt?

Uwe Eisner: Die Videobehandlung hat in jedem Fall einen Schub bekommen: Vorher gab es schlicht nicht die Möglichkeit, sie flächendeckend anzuwenden. Die Frage ist nun, in welcher Form wir es schaffen, die gesammelten Erfahrungen in eine Regelversorgung zu überführen. Die privaten Krankenkassen ermöglichen zum Teil auch weiterhin eine Videobehandlung. Es wird sich nun bei den Verhandlungen zum neuen Bundesrahmenvertrag zeigen, wie sie in Zukunft eingesetzt werden kann. 
 

Die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein: Zentral sind für uns das Wohl der Patienten und der Mehrwert, der für sie und die Therapeuten aus der Digitalisierung entsteht.
Uwe Eisner, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e.V. 

Warum ermöglichen die gesetzlichen Krankenversicherungen die Videobehandlung nicht weiterhin?

Uwe Eisner: Die Möglichkeit zur Videobehandlung wurde für die Zeit der Kontaktbeschränkungen auf den Weg gebracht, um die Patientenversorgung weiterhin sicherzustellen. Aktuell ist die reguläre Therapie wieder möglich. Für eine Aufnahme der Videobehandlung in die Regelversorgung steht die Versorgungsqualität im Zentrum. Dabei geben Untersuchungen aus anderen Ländern Hinweise darauf, dass sie eine sinnvolle Ergänzung in der Therapie sein kann. 


Wofür setzen Sie sich als Verband in der Digitalisierung besonders ein?

Uwe Eisner: Die Digitalisierung darf kein Selbstzweck sein: Zentral sind für uns das Wohl der Patienten und der Mehrwert, der für sie und die Therapeuten aus der Digitalisierung entsteht. Im Prinzip gibt es zwei Bereiche der Digitalisierung in der Physiotherapie. Erstens die Digitalisierung von Organisations- und Verwaltungsprozessen wie beispielsweise Praxisverwaltungsprogramme, und zweitens der digitale Zugang und Tools für den Behandlungsprozess am und mit dem Patienten. Außerdem ist es uns ein besonderes Anliegen, als Physiotherapeuten in der Digitalisierung nicht weiter als fünftes Rad am Wagen außen vor gelassen zu werden. Wir müssen vollwertige Partner im Digitalisierungsprozess sein, nur dann profitieren die Patienten insgesamt von der Digitalisierung im Gesundheitswesen. 
 

Welche Möglichkeiten bietet die Digitalisierung im Heilmittelbereich?

Uwe Eisner: Wir sehen neben den edukativen Anwendungen in der Videobehandlung speziell eine sinnvolle Ergänzung in der Krankengymnastik. Die digitale Behandlung eröffnet neue Zugangswege zum Patienten. Das wird zukünftig in ländlichen Regionen an Bedeutung gewinnen, wenn es dort aufgrund von Fachkräftemangel keine Therapeuten mehr in der Nähe gibt. Außerdem ist es für eine bessere Versorgungsqualität zentral, dass wir Zugriff auf die elektronische Patientenakte (ePA) erhalten. Das trägt zu einer besseren Kommunikation mit Ärzten und Patienten bei. Wir können so die Patientenhistorie nachvollziehen und auch einen Medikationsplan oder Notfalldaten einsehen. Schließlich eröffnet die Digitalisierung eine optimierte Dokumentation und Abrechnung, wenn E-Rezepte beispielsweise direkt geprüft, angepasst und bei der Krankenkasse eingereicht werden können. 
 

Wie ist der aktuelle Stand in der Umsetzung des Digitale Versorgung-Gesetzes (DVG)?  

Uwe Eisner: Mit dem DVG haben Physiotherapie-Praxen die Möglichkeit erhalten, an die Telematikinfrastruktur angeschlossen zu werden. Hier laufen aktuell die technischen und inhaltlichen Vorbereitungen, die wir in engem Austausch mit der Gematik und Politik mitgestalten. Ein wichtiger Aspekt zur Nutzung ist die Ausstellung eines elektronischen Heilberufsausweises. Dazu wird aktuell ein Staatsvertrag ratifiziert, der unter anderem regelt, dass es zukünftig eine zentrale Ausgabestelle in Nordrhein-Westfalen geben wird.  
 

Was sind die nächsten Schritte für die Digitalisierung im Heilmittelbereich?

Uwe Eisner:  Die größte Herausforderung war bisher der Heilberufsausweis. Der nächste Schritt ist nun die Anbindung an die Telematikinfrastruktur und die Definition sinnvoller Anwendungsszenarien- und Anwendungen. Außerdem muss der Zugriff auf relevante Patientendaten möglich werden. In einem weiteren Schritt gilt es, das E-Rezept auf den Weg zu bringen. Und schließlich ist es uns ein wichtiges Anliegen, die Branche fit zu machen für die Digitalisierung. Wir wollen den Mehrwert digitaler Behandlungsmöglichkeiten aufzeigen und entsprechendes Know-how vermitteln. Wir müssen Anwendungsszenarien aufzeigen und entwickeln, die einen echten Mehrwert bringen. 

Herr Eisner, vielen Dank für das Gespräch!
 

Uwe Eisner, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e.V. 


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