"Da muss noch was kommen"

Bilanz 2019, Ausblick 2020: Ute Repschläger, die Vorsitzende des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV) hat sich einiges vorgenommen.

Frau Repschläger, wie ist unter dem Strich ihre Bilanz für 2019?
Insgesamt war es sicherlich ein erfolgreiches Jahr, in dem wir einiges erreicht haben. Es bleiben aber natürlich immer Dinge übrig. Aber die muss man sich dann eben für das nächste Jahr vornehmen.

Dann gehen wir doch mal die Punkte durch: Wie bewerten Sie die monetären Zugewinne für die Heilmittelberufe?
Positiv, aber nicht ausreichend. Wir haben durch das Heil- und Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) und jetzt das Terminservice- und Versorgungsgesetzes (TSVG) insgesamt seit 2017 rund 39 Prozent mehr bekommen. Das ist erst einmal gut, reicht aber aus unserer Sicht auf keinen Fall aus. Mitarbeiter in Krankenhäusern die nach dem Tarifvertrag für den Öffentlichen Dienst bezahlt werden, verdienen zum Beispiel immer noch deutlich mehr als wir. Und ein Praxisinhaber bekommt in aller Regel auch weniger als ein leitender Angestellter im Krankenhaus, obwohl ersterer noch das wirtschaftliche Risiko trägt, meist besser qualifiziert ist und im Schnitt zehn bis 25 Prozent mehr arbeitet.

Das heißt, hier wollen Sie weiterverhandeln?
Unbedingt! Wir warten sehr gespannt auf die Auswertung des WAT-Gutachtens, weil wir dann noch genauer sehen und zeigen können, an welchen Stellen noch dringend nachgebessert werden muss. Zum 1. Juli müssen wir dann ja wieder neue Preis mit dem GKV-Spitzenverband verhandeln – so steht es im TSVG. Und ich gehe davon aus, dass das die härtesten Verhandlungen sein werden, die wir je geführt haben, weil es ja zum ersten Mal um die Preise für das gesamte Bundesgebiet geht.

Uns stehen die härtesten Verhandlungen bevor, die wir je geführt haben.
Ute Repschläger, Vorsitzende des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV)

Der nächste Punkt ist die Blankoverordnung, die nun eingeführt wird. Ebenfalls ein Erfolg?
Das Beurteilen die Verbände unterschiedlich. Die Mitglieder des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten (IFK), waren mehrheitlich gegen die Blankoverordnung. Aber das ist Schnee von gestern. Jetzt haben wir den gesetzlichen Auftrag und von daher müssen wir das Beste daraus machen.

Warum war der IFK dagegen?
Der IFK befürchtet, dass der Direktzugang dadurch verhindert oder zumindest ausgebremst werden könnte und der Gesetzgeber sich nach der Einführung der Blankoverordnung erst einmal zurücklehnt, weil er ja schließlich schon etwas für uns gemacht hat. Alle anderen Verbände sahen darin allerdings eher einen Meilenstein auf dem Weg zu einem Direktzugang. Aber wie auch immer: Einig sind wir darin, dass das Ziel der Direktzugang sein muss und dass dieser auch nicht auf den Sankt-Nimmerleins-Tag verschoben werden darf. Dafür arbeiten wir – auch hinter den Kulissen – sehr intensiv.

Ein weiterer wichtiger Punkt war 2019 der Abbau der Bürokratie. Wie ist da Ihre Bilanz?
Hier können wir sicherlich noch nicht ganz zufrieden sein. Manches ist in diesem Jahr zwar bereits passiert – so wurden die Zulassungsverfahren vereinfacht und mit den neuen Heilmittelrichtlinien werden voraussichtlich im kommenden Oktober die Genehmigungspflichten wegfallen. Dennoch ist das noch nicht ausreichend und wir werden den Minister an sein Versprechen erinnern, im nächsten Jahr noch zu einen Runden Tisch zum Thema Bürokratieabbau einzuladen. Da muss auf jeden Fall noch etwas kommen. Da ist Minister Spahn noch in der Pflicht.

Nicht ganz zufrieden sind Sie – so war zu lesen – auch beim Thema Digitalisierung.
Ja, das ist richtig. Wir fordern vehement eine konsequentere Einbindung aller Heilmittelberufe in die Telematikinfrastruktur. Zum einen, weil wir davon überzeugt sind, dass dies zu einem weiteren Bürokratieabbau führen würde. Zum anderen würde es aber auch die Qualität der Arbeit verbessern – gerade wenn wir Lese- und Schreibberechtigungen für die elektronische Gesundheitsakte hätten, die bald eingeführt werden soll. Leider sträuben sich die Ärzte noch dagegen, aber unsere Forderung ist ja gerade die interprofessionelle Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Allerdings werden Sie sich mit diesem Wunsch nach Einbindung in die Telematikinfrastruktur auch in den eigenen Reihen nicht nur Freunde machen. Kleine Praxen haben ja manchmal noch nicht einmal einen Computer...
Es wird sicherlich einige geben, die sich dagegen wehren werden. Aber wir können auch nicht eine ganze Branche ausbremsen, weil einige wenige noch nicht auf dem heutigen Stand der Technik sind. Digitalisierung findet ja gesamtgesellschaftlich überall im Leben statt, da können wir als Heilmittelerbringer nicht außenvor bleiben.

Selbst wenn noch nicht alles erreicht ist: Täuscht der Eindruck oder scheint seit einigen Jahren die Interessenvertretung der Therapeuten in der Politik etwas mehr Gehör zu finden?
Nein dieser Eindruck täuscht nicht. Früher standen wir oft etwas mit dem Rücken zur Wand, mussten zum Beispiel verhindern, dass wir nicht ganz aus dem Leistungskatalog rausgeschmissen werden. Und so etwas lässt sich natürlich auch nicht unbedingt als großer Erfolg verkaufen – weil wir ja schließlich nur verhindert haben, dass es noch schlimmer wurde. Aber eine gute Arbeit haben die Verbände schon damals geleistet.

Woran liegt es, dass Sie nun nicht mehr mit dem Rücken zur Wand stehen?
Zum einen, weil der Fachkräftemangel inzwischen nicht mehr nur von uns behauptet wird, sondern belegt ist. Darauf musste die Politik reagieren. Zum andern ist aber auch einfach etwas mehr Geld in den Kassen; ohne konjunkturellen Aufschwung hätten wir es sicherlich schwerer gehabt, unsere Forderungen durchzubekommen. Und dann war es sicherlich hilfreich, dass die ganze Branche geschlossen in ein Horn gestoßen hat. All das zusammen hat dazu geführt, dass endlich Bewegung ins System kam.

Welche Rolle spielen und spielten dabei die verantwortlichen Politiker?
Natürlich ist es hilfreich, wenn Politiker am Ruder sind, die eine klare Haltung haben und weitsichtig agieren. Schon bei Bundesgesundheitsminister Gröhe hatte man den Eindruck, dass er schaut, was das Gesundheitswesen braucht und dann zügig handelt. Und das gleiche gilt jetzt auch für seinen Nachfolger. Spahn macht ja keineswegs alles, was wir wollen. Er sagt zum Beispiel klipp und klar, dass es mit ihm keine Vollakademisierung geben wird. Aber er hört gut zu und hat zumindest ein offenes Ohr für unsere Anliegen.

Und welche Rolle spielt die Interessensvertretung der Therapeuten? Lag es vielleicht auch an der Zersplitterung der Verbändelandschaft, dass man in der Vergangenheit manches nicht so schlagkräftig durchsetzen konnte?
Die Vielfalt der Verbände ist meiner Ansicht nach grundsätzlich nicht das Problem. Man muss eben nur unter einem guten Dach zusammenarbeiten und dann auch in der Lage sein, mit einer Stimme sprechen zu können. Das ist uns in der letzten Zeit gut gelungen.

Trotzdem hört man von Seiten der Politik nach wie vor den Vorwurf, dass Sie nicht einen Ansprechpartner haben, sondern es mit einer sehr heterogenen Gruppe zu tun hat, die eben auch oft ganz unterschiedliche Ziele vertreten?
Das muss man differenzieren: Zum einen macht es sich die Politik manchmal etwas leicht, wenn sie von uns erst einmal fordert, dass wir in allen Punkten einer Meinung sein sollen. Meinungspluralität und Einzelinteressen gibt es schließlich auch bei den Ärzten und den Krankenkassen. Nur bei uns heißt es immer, das wäre ein Problem. Auf der anderen Seite ist es natürlich richtig, dass wir es leichter haben, bei bestimmten, wichtigen Fragen mit einer Stimme zu sprechen, weil wir dann unsere Interessen viel nachdrücklicher umsetzen können. Deswegen arbeiten wir daran, dass wir den SHV weiter stärken.

Jens Spahn hört gut zu und hat zumindest ein offenes Ohr für unsere Anliegen.
Ute Repschläger, Vorsitzende des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV)

Könnte man dann mit einem stärkeren SHV auch auf eine Kammer verzichten – wie sie sie ja auch zuweilen gefordert wird?
Das ist genau so ein Thema, bei dem es unter dem Dach des SHV unterschiedliche Einschätzungen gibt. Darüber diskutieren wir also noch. Für mich persönlich ist eine Kammer derzeit aber zumindest nicht prioritär. Viel wichtiger ist, dass wir maßgeblichen Verbände auf Augenhöhe mit den Vertretern des Kassenärztlichen Bundevereinigung (KBV) sowie mit dem GKV-Spitzenverband verhandeln können.

Was heißt das konkret?
Ich habe das Ziel vor Augen, die maßgeblichen Verbände noch mehr zusammenzuführen, sodass wir tatsächlich irgendwann noch schlagkräftiger werden und als Körperschaft öffentlichen Rechts mit einer starken Stimme sprechen können. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, aber es geht in die richtige Richtung. Zum Beispiel haben wir Arbeitsgemeinschaften zu all den Themen gebildet, die wir mit den Kassen verhandeln – von der Vergütung bis zur Weiterbildung. Darüber freue ich mich.

Dann kommen wir am Ende des Gesprächs noch zu Ihrer persönlichen Bilanz: Kommen Sie bei all der Verbandsarbeit überhaupt noch dazu, selbst in Ihrer Praxis zu arbeiten?
Da ich für den Verband auch viel am Wochenende arbeite, schaffe ich es meistens, zumindest drei Tage in der Woche in der Praxis zu sein. Das ist mir auch sehr wichtig, weil ich einfach unglaublich gerne als Therapeutin arbeite.


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