Das eRezept: „Die wichtigste Hürde ist die Akzeptanz im Alltag“

In Hessen startet jetzt das Pilotprojekt MORE. Das Fachmagazin ZukunftPraxis hat mit Dr. Silvia Bellmann gesprochen. Sie betreut das Projekt bei der AOK Hessen und berichtet von ersten Erfahrungen und nächsten Schritten.

Frau Dr. Bellmann, die AOK Hessen startete Ende April in Hessen gemeinsam mit der Kassenärztlichen Vereinigung, dem Hessischen Apothekerverband, der DAK-Gesundheit, der Techniker Krankenkasse und dem Abrechnungs-Dienstleister Optica das Pilotprojekt „MORE – Mein Online-Rezept“. Patienten in Hessen, die sich vorher registriert haben, können sich in einer vom Ärztlichen Bereitschaftsdienst angebotenen Videosprechstunde ein elektronisches Rezept ausstellen lassen. Gibt es bereits erste Erfahrungen, wie das Angebot ankommt?
Noch ist es zu früh für eine fundierte Bewertung. Immerhin: Wir hatten bei Projektstart bereits 90 registrierte Apotheken, und nach zwei Wochen stehen wir bei knapp 400 eingeschriebenen Apotheken. Das ist vielversprechend. In der Startphase wird es nun vor allem darum gehen, dass sich interessierte Versicherte auf der Registrierungsseite des Ärztlichen Bereitschaftsdienst eintragen. Wir hatten den Projektstart aufgrund der Coronavirus-Krise etwa zwei Wochen vorgezogen, um dem aktuell erhöhten Interesse an Videosprechstunden entgegenzukommen, und warten jetzt die Resonanz ab.

Hinter dem eRezept steckt ein umfassendes Konzept, um Datenschutz und Sicherheit zu gewährleisten. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen mit der Technik, läuft alles rund?
In den Feldversuchen im Vorfeld mit simulierten Dummyrezepten hat alles zuverlässig funktioniert, auch der Zugriff auf Daten von den verschiedenen Systemen aus. Dies gilt auch für mich aus der Perspektive als Anwenderin. Eine „echte“ Videosprechstunde habe ich selbst aber noch nicht in Anspruch genommen. Nun bin ich auch im Rhein-Main-Gebiet mit einer guten Bandbreite versorgt. Interessant wird es, wie das in den ländlichen oder infrastrukturell schwächeren Regionen funktioniert. Aber dazu haben wir bislang noch keine Erkenntnisse.

Und was hören Sie von den beteiligten Apotheken?
Eine Registrierung für Apotheken war schon vor dem eigentlichen Projektstart möglich, aber die flächendeckende Kampagne für die Einschreibephase der Apotheken haben wir auch erst kürzlich aufgenommen. Die 90 Apotheken, die bereits zu Projektbeginn registriert waren, ergaben eine sehr gute Abdeckung im Rhein-Main-Gebiet. Daher bieten wir das E-Arzneimittelrezept im Modellvorhaben im ersten Schritt nur in dieser Region an und noch nicht hessenweit. Wir wollen vermeiden, dass sich weite Wege oder sonstige Frustrationen für Patientinnen und Patienten ergeben, die ein eRezept einlösen wollen. Der Hessische Apothekerverband (HAV) ist ein zentraler Vertragspartner, sodass von dieser Seite die Apotheken grundsätzlich eingebunden sind. Darüber hinaus muss aber jede Apotheke ihre Teilnahme individuell erklären. Sie bekommt dann Unterstützungstools an die Hand, um die Technik gut anwenden zu können. Das Ganze ging erst vor drei Wochen so richtig in die heiße Phase.

Das war von vornherein so geplant?
Nun ja, zunächst hat die Covid-19-Pandemie unseren Zeitplan verschoben – und dann wieder beschleunigt. Da wir gerade unter diesen Umständen die Videosprechstunde implementieren wollten, haben wir uns dafür entschieden, trotz der geringeren Anfangsdichte bei der Apothekenregistrierung zu starten.

Um welchen Zeitraum haben Sie denn den Projektstart aufgrund von Corona vorgezogen?
Letztlich geht es um zwei, drei Wochen. Ursprünglich wollten wir die Apothekeneinschreibung rechtzeitig vor dem Go Live beginnen. Doch die Pandemie hat auch die Apotheken voll mit der Versorgung und Sondermaßnahmen rund um Corona ausgelastet. Aber um die Vorteile der Videosprechstunde zügig anbieten zu können und mit der vorhandenen hohen Beteiligung von Apotheken im Frankfurter Großraum haben wir dann den Projektstart doch wieder nach vorne verlegt.

Wie hängen die beiden Produkte Videosprechstunde und eRezept-Portal zusammen?
Die Videosprechstunde und das eRezept-Portal MORE sind rechtlich zwei verschiedene Sachverhalte. Bei der Videosprechstunde handelt es sich um ein Angebot der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) im Ärztlichen Bereitschaftsdienst, die damit allen gesetzlich versicherten Patientinnen und Patienten offensteht. Das eRezept hingegen wird im Rahmen eines Modellvorhabens der Vertragsparteien KVH und HAV und der drei beteiligten Krankenkassen sowie Optica angeboten. Ein solches Modellvorhaben hat vom gesetzlichen und vertraglichen Rahmen her einen ganz besonderen Charakter, es müs-sen sehr viele Einwilligungen im Rahmen des Registrierungsvorganges eingeholt werden, weil gesetzliche Regelungen für elektronische Verordnungen noch nicht in allen Bereichen bestehen.

Was ist im Hinblick auf Heilmittelleistungserbringer wie Physiotherapeuten geplant?
Diese können sich laut Gesetz ab Juli 2021 freiwillig in die Telematik-Infrastruktur einklinken. In einer zweiten Phase des Pilotprojekts folgt die elektronische Verordnung für Heilmittelleistungserbringer, die wir voraussichtlich noch in 2020 zunächst im Raum Frankfurt/Wiesbaden anbieten wollen. Ab 1. Oktober gilt für die Heilmittelverordnung ein neues Muster 13, und die damit verbundenen neuen Standards für das Dokument und den Prozessablauf werden wir dann bereits im Projekt eVerordnung umsetzen. Wir wollen damit auch einen Service für die Heilmittelleistungserbringer anbieten, um sie bei der Abwicklung des Prozesses, auch der Abrechnung, zu unterstützen. Bis zum Start von Phase zwei werden wir mit dem eRezept schon Erfahrungen gesammelt haben, daher fängt die Entwicklung nicht bei null an. Auch der gesamte Vertrags- und Entwicklungsprozess wird kürzer sein. Allerdings ist eine etwas andere Prozesskette bei den Krankenkassen erforderlich, weil die Vorgänge schließlich nicht die-selben sind wie beim Arzneimittelrezept. Und wir wollen die elektronische Verordnung auch gleich eine Stufe weiterentwickeln.


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Worin bestehen denn die grundlegenden Unterschiede zwischen eRezept und eVerordnung?
Zum einen sind andere Partner an der Versorgung beteiligt, Heilmittelleistungserbringer statt Apotheken, zum anderen haben wir ein anderes Setting: Es gibt keine vorgeschaltete Videosprechstunde, sondern eine Untersuchung und Behandlung in der ärztlichen Praxis. Die internen Vorgänge weichen ab: Bei der Arzneimittelverordnung haben wir immer den Ablauf „erst zahlen, dann prüfen“, bei der Heilmittelverordnung ist es gerade umgekehrt. Dies müssen wir im digitalen Prozess entsprechend abbilden. Hinzu kommt: Der Registrierungsvorgang erfolgt beim eRezept über die Kassenärztliche Vereinigung (KV), weil die Videosprechstunde des Ärztlichen Bereitschaftsdiensts im Verantwortungsbereich der KV liegt. Bei der Heilmittelverordnung wollen wir die Registrierung direkt bei uns vornehmen – auch um eine Grundlage für weitere Leistungsprozesse zu schaffen.

Gibt es unter den Partnern Einigkeit in diesem Punkt, oder würde gerne jeder die Registrierung über seine Server laufen lassen, weil er dann auch die Daten hat?
In unserem Projektteam sind wir uns zu der Rollenverteilung einig. Und auf der großen politischen Bühne ist vielleicht gar nicht in erster Linie das der Streitpunkt als vielmehr, wessen Konzept sich am Ende durchsetzt oder am besten anpassungsfähig an zentrale Vorgaben ist. Da muss man Positionen abwägen, das stimmt. Letztlich sind wir aber auch schon alle in der Pflicht. Alle Beteiligten in der Gesundheitsversorgung haben inzwischen einige gesetzliche Aufträge und Aufgaben in der Digitalisierung der Versorgung , z. B. die elektronische Patientenakte, den elektronischen Medikationsplan, die elektronische Gesundheitskarte, den elektronischen Impfausweis oder das elektronisch gestützte Entlassmanagement. Ich glaube, wenn sich alle Beteiligten an einen Tisch setzen und überlegen, wie man diese Aufgaben sinnvoll und effizient lösen kann, dann bleibt nur ein Weg: Gemeinsam! - Und dabei sind die Krankenkassen für ihre Versicherten eine wichtige erste Anlaufstelle.

Es gibt in Deutschland mehrere Pilotprojekte zum eRezept. Wie unterscheidet sich das hessische Modellvorhaben von anderen?
Das Besondere unseres Projektes besteht darin, dass sich unterschiedliche Teilnehmer des Gesund-heitswesens eingebracht haben und wir so den gesamten Prozess abbilden – im Gegensatz zu anderen Lösungen, die sich darauf beschränken, einen Ausschnitt papierlos zu ersetzen. Hierbei hat sich vor allem Optica als technischer Koordinator unseres Projekts sehr darum bemüht, ein System aufzubauen, das von Anfang bis Ende alle mitnimmt, und auch für alle Beteiligte an dem Prozess mindestens einen Effizienzgewinn in Aussicht zu stellen.

Sind auch andere AOKs in Pilotprojekte involviert?
Ja, auch andere AOKs sind an Projekten beteiligt, nicht alle haben sich das Arzneimittelrezept ausgesucht, manche sind auch an anderen Leistungsprozessen dran. Nicht zu vergessen ist, dass es ja ohne die Kostenträger letztlich nicht geht – denn die elektronischen Dokumente müssen schließlich von den Krankenkassen zur Abrechnung akzeptiert werden, auch ohne das Original in Papierform. Das besagt noch lange nicht, wieviel sie als Partei am Konzept mitgestalten dürfen.

Und die Projekte werden dann um die Realisierung konkurrieren?
In der Hinsicht bin ich entspannt. Einerseits ist es so: Wir sind alle gleichermaßen den Vorgaben der Gematik unterworfen, und wir können nur alle frühzeitig darauf achten, dass wir so viel wie möglich von den Spezifikationen antizipieren und auch schon umsetzen. Andererseits wird es immer noch Bereiche geben, in denen jeder auch mit individuellen Lösungen arbeiten kann, und dann ist man da bedingt auch in Konkurrenz. Hinzu kommt, dass es auch Projekte gibt, in denen man Dinge gemeinsam entwickelt und sich überlegt, was vielleicht AOK- oder auch GKV-übergreifend gute Lösungen sind. Ein Beispiel wäre das Digitale Gesundheitsnetzwerk DiGeN – da sind wir vernetzt, und ich habe den Eindruck, dass bei diesem Thema keiner um den Wettbewerbsvorteil ringt.

Die Kassen müssen für den Anschluss der Heilmittelerbringer an die Telematik-Infrastruktur Kosten übernehmen. Um welche Beträge wird es da gehen?
Einzelheiten werden noch in den bundesweit geltenden Rahmenverträgen festgelegt, daher gibt es noch keine konkreten Zahlen. In unserem Modellvorhaben und in den Projekten bemühen wir uns immer darum, dass möglichst wenig Aufwände bei den einzelnen Beteiligten entstehen, damit sie auch möglichst wenig ändern müssen, sondern einfach erstmal die technische Machbarkeit und auch das rechtliche Sicherheitskonzept kennenlernen und Vertrauen entwickeln.

Die gevko, AOK-Tochter und auch technischer Projektpartner von Optica bei MORE, bietet auf ihrer Internetseite bereits eine Datenschnittstelle für die eVerordnung an. Ist das noch eine rein fiktive Angelegenheit?
Nein, rein fiktiv nicht, aber einen Flächenrollout gibt es auch nicht. Es ist eine Entwicklung innerhalb von AOK-übergreifenden Projekten.

Das heißt, im Zusammenhang mit einem anderen AOK-Projekt wird die eVerordnung bereits getestet?
Ja, aber ich persönlich bin nicht damit befasst. Auch bei uns intern laufen diese vielfältigen Themenfäden in einer Hand zusammen, wir koordinieren projektübergreifende Ressourceneinsätze und die Konzeptstrukturen, um Synergien zu nutzen und die Gesamtzielstellung im Blick zu behalten.

Ein wesentlicher Aspekt bei der Digitalisierung liegt in der Einsparung von Aufwand durch die automatisierte Freigabe beispielsweise von Verordnungen. Gibt es Erkenntnisse oder Einschätzungen, wie hoch die Zeitersparnis der Kassen sein wird?
Wenn automatische Prozesse, die wir Dunkelverarbeitung nennen, mit einem entsprechenden Katalog hinterlegt sind, können manuelle Schritte nahezu vollständig entfallen. Es wird zwar immer auch Fälle geben, die eine manuelle Bearbeitung erfordern, aber ein Großteil lässt sich automatisch abwickeln und dann in der Datenbank hinterlegen. Damit spart man diese zugehörigen manuellen Aufwände komplett ein. Der Effekt, also wieviel Zeit pro Fall man dann einspart, hängt von den Aufgaben ab, die man damit ablöst. Jährlich wiederkommende Pflichtprozesse etwa zu Auskünften zur Familienversicherung oder Einkommenssituation bei Selbstständigen können in dieser Weise automatisiert werden. Wenn der Kunde diese Auskünfte online fehlerfrei erfasst, sind keine Nachbearbeitungen erforderlich, sondern diese können direkt ins System übernommen und als positiv erfüllt eingetragen werden – der manuelle Arbeitsschritt entfällt komplett.

Wie ist der Stand bei der Digitalisierung generell, alles im Plan?
Ab 2021 sind die Kassen ja gesetzlich verpflichtet, eine elektronische Patientenakte anzubieten. Das können wir voraussichtlich gewährleisten. Die wichtigste Hürde ist aber die Akzeptanz und die tatsächliche Anwendung im Alltag. Und dass Informationen der verschiedenen Akteure des Gesundheitswesens im Bedarfsfall zur Verfügung stehen. Da haben wir, glaube ich, noch einen etwas längeren Weg vor uns. Ich finde es in dem Zusammenhang gut, dass die elektronische Arzneimittelverordnung ab 1. Januar 2022 Pflicht ist, denn nur so wird man dahin kommen, dass dies auch Standard wird. Alle anderen Varianten mit Wahlmöglichkeiten würden mit sich bringen, dass sich die Entwicklung lange hinzieht. Wir haben noch eine ganze Menge zu tun, um das Vertrauen zu schaffen und den breiten Einsatz vorzubereiten, und es wird am Ende nur über klare Vorgaben funktionieren.


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