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Digitale Therapiehelfer

Die Telemedizin erreicht nun auch die therapeutische Praxis. Doch wie gut sind die digitalen Methoden und was sie taugen diese?

Michael Schellenberger muss nicht lange überlegen, um ein Beispiel dafür zu finden, was in seinem Beruf durch digital gestützte telemedizinische Methoden besser werden könnte: „Nehmen wir eine typische Kniegruppe mit vielleicht zwölf Patienten und unterschiedlichen Knieproblemen. Der eine ist überfordert, die andere unterfordert. Der eine schafft nur fünf Kniebeugen, da geht es erst einmal darum, das Knie zu stabilisieren, und wer 30 schafft, sollte besser an einer Treppe üben.“ Aber alle, kritisiert der ausgebildete Physiotherapeut, „werden in eine Gruppe gestopft. Das habe ich schon in meiner Ausbildung gehasst.“ Telemedizin hingegen „macht eine individuellere Behandlung möglich“, fasst Schellenberger die Vorteile zusammen. Dabei könne Telemedizin nicht nur Gruppentherapien sinnvoll ergänzen oder ersetzen, vielmehr biete sie eine ganz neuartige Möglichkeit im Behandlungsspektrum von Therapeuten und sei daher nicht nur als Hilfsmittel zu betrachten. Gründe genug für ihn, die Entwicklung voranzutreiben. Als Vorstand des Deutschen Telemedizin-Zentrums engagiert sich der Gesundheitsökonom für die Etablierung der neuen digitalen Möglichkeiten in Deutschland. Der bereits 2002 gegründete gemeinnützige Verein, dem 60 Mitglieder aus Medizin und Wissenschaft angehören, koordiniert Forschungsaktivitäten, unterstützt Gesundheitseinrichtungen bei der Einführung von Telemedizin und bietet Schulungen an, bislang für das Behandlungssystem EvoCare.

Heute steht der Therapeut im Zentrum des Behandlungsgeschehens, die Fachkräfte sind der einzig wirkliche Garant für die Qualität.
Achim Hein - ist Experte im Gesundheitswesen, Berater, Referent und Erfinder der EvoCare-Teletherapie

Dieses Verfahren hat es, so sein Erfinder Achim Hein, „als erstes geschafft, in der Regelversorgung als digitalisierte Behandlungsleistung vergütet zu werden.“ Seit Anfang des Jahres haben Einrichtungen der Deutschen Rentenversicherung die Möglichkeit, EvoCare in Therapie und Nachsorge einzusetzen. Um dieses Etappenziel zu erreichen, musste der promovierte Ingenieur dicke Bretter bohren: Schon 2001 habe er erstmals die Zulassung seines Verfahrens beantragt. Sein seitdem weiterentwickeltes Behandlungsangebot enthält Therapieprotokolle für Orthopädie, innere Medizin, Neurologie und Psychosomatik, es umfasst insgesamt rund 10 000 Übungen, darunter Ergometertraining, Sprachtherapie, kognitive Therapie und Psychomotorik. Die Patienten erhalten in der Klinik eine Therapieeinweisung und einen Tabletcomputer, beginnen ihr Training unter therapeutischer Anleitung und setzen es zuhause fort. Ihre Therapeuten können die Fortschritte beobachten, etwa mittels Video, und Feedback geben oder die Übungen anpassen.

Therapeut im Zentrum

„Vor zehn Jahren habe ich vieles falsch gemacht“, berichtet Hein: „Zum Beispiel Apps gebaut, die Therapeuten ersetzen können – heute steht der Therapeut im Zentrum des Behandlungsgeschehens, die Fachkräfte sind der einzig wirkliche Garant für die Qualität.“ Bereits vier Jahre Erfahrung mit dem Behandlungssystem in der Nachsorge hat Oliver Zörner, der in der VAEB Gesundheitseinrichtung Bad Schallerbach in Österreich die Physiotherapie- Abteilung koordiniert. Drei geschulte Therapeuten passen die Übungen kontinuierlich an. Zörner ist zufrieden mit dem System, bei einer internen Patientenbefragung habe das Angebot „sehr gut abgeschnitten“. Die Logopädin Jeannette Martin setzt das Programm an der Median-Klinik Grünheide bei Berlin ein, ihr Fazit lautet ähnlich: „Wir sind sehr zufrieden, arbeiten schon seit zwölf Jahren damit – mittlerweile kommen gezielt Patienten wegen des EvoCare-Programms in unsere Klinik“.

Ein anderes Konzept verfolgt die App Kaia. Das Start-up hat bereits eine ganze Reihe von Krankenkassen als Kooperationspartner gewonnen, darunter Barmer, AOK Nordost, die Debeka und die Gothaer. Die als zertifiziertes Medizinprodukt zugelassene Anwendung läuft auf Tablets und Smartphones. Eine künstliche Intelligenz (KI) stellt anhand von Angaben des jeweiligen Nutzers aus 300 Rückenübungen ein individuelles Trainingsprogramm zusammen. Die KI beobachtet die Übungen und gibt per Sprachbefehl Tipps, der Nutzer kann aber auch einen Coach in der Kaia-Zentrale konsultieren. Macht sie Therapeuten künftig überflüssig? Co-Gründer und Marketingchef Gabriel Thomalla verneint dies: „Auch wenn unsere App ähnliche Aufgaben übernimmt wie ein Physiotherapeut, was die Auswahl und Anleitung von Übungen angeht, sehen wir uns keinesfalls in Konkurrenz zum Angebot der Therapeuten, sondern vielmehr als wertvolle Ergänzung.“

App im Praxistest

Janosch Priebe, Psychologe und Neurowissenschaftler am Klinikum rechts der Isar in München, organisiert einen Test, der zeigen soll, was die mobile Gesundheits-App taugt. Dafür werden die Behandlungsergebnisse von über tausend Patienten, die unter unspezifischem Rückenschmerz leiden, analysiert. 80 Hausärzte sind dabei, die Hälfte setzt Telemedizin ein, die andere herkömmliche Methoden. „Erste Erfahrungen deuten darauf hin“, berichtet Priebe, „dass telemedizinische und digitale Elemente wie eine Trainingsapp die Symptome noch stärker verbessern könnten als die Regelversorgung.“ Ziel solcher Forschungsprojekte sei, das Gesundheitssystem zu entlasten. Auch Björn Pfadenhauer, Geschäftsführer des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten – IFK in Bochum betont, dass die Innovationen nur als Ergänzung sinnvoll seien: „Wir sind beim Thema Digitalisierung in der Therapie grundsätzlich für neue Methoden offen. Wir reden hier aber über therapieunterstützende Maßnahmen. Das darf beispielsweise nie einen Händedruck oder die manuelle Therapie ersetzen.“

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