Digitalisierung: Die Richtung stimmt

Das Gesundheitsministerium hat einen Fahrplan für die Digitalisierung im Heilmittelbereich vorgelegt. Für die Verbände geht er in die richtige Richtung. An einigen Punkten sollte aber noch gefeilt werden.

Der im November 2020 vorgelegte Referentenentwurf für ein Gesetz zur digitalen Modernisierung von Versorgung und Pflege (DVPMG) widmet sich ausführlich den Heilmittelerbringern. Auch sie werden digitale Gesundheitsanwendungen künftig vergütet bekommen, die Videotherapie wird zur Regelversorgung. Bis in fünf Jahren müssen sich alle Heilmittelerbringer an die Telematik-Infrastruktur anschließen, kurz darauf sind elektronische Verordnungen Pflicht. Schon übernächstes Jahr sollen Leistungserbringer und Versicherte digitale Identitäten erhalten, um sich zum Beispiel für eine Videosprechstunde sicher ausweisen zu können. Das Gesetz soll laut Ministerium Mitte 2021 in Kraft treten.

Zusammengefasst: Gesundheitsminister Jens Spahn drückt ordentlich aufs Gas. Das kommt gut an bei den Verbandsexperten, bei denen sich Zukunft Praxis umgehört hat – sie meinen aber auch: Da geht noch mehr.

Der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV), in dem fünf Verbände aus Physiotherapie, Ergotherapie und Podologie zusammengeschlossen sind, begrüßt den Referentenentwurf ausdrücklich. In einer Stellungnahme benennt er vier Punkte, die sich aber noch verbessern ließen. Erstens: Eine Kostenerstattung für den Anschluss an die Telematik-Infrastruktur (TI) sollte es nicht erst ab Mitte 2024, sondern schon ab Anfang 2022 für alle Heilmittelerbringer geben. Physiotherapeuten können bereits ab Mitte dieses Jahres andocken. Die Heilmittelerbringer sollen zweitens über ihre Spitzenorganisationen an der Entwicklung der elektronischen Verordnung beteiligt werden. Drittens sollten sie darüber hinaus vollständige Zugriffsrechte auf die elektronische Patientenakte erhalten, sofern Patienten dem zustimmen. Schließlich und viertens sollten sie therapieunterstützende Apps selbst verordnen können.

Physiotherapeuten: guter Entwurf, Knackpunkt Kostenübernahme

Auch Uwe Eisner, stellvertretender Vorsitzender des SHV-Mitgliedsverbands PHYSIO DEUTSCHLAND, lobt den Referentenentwurf, „weil er konkretisiert, wann die elektronische Verordnung kommt und ab wann Therapeuten angeschlossen sein müssen“. Sein Kritikpunkt: Physiotherapeuten könnten sich dieses Jahr schon an die Telematik-Infrastruktur anbinden lassen, eine Kostenübernahme der Kassen hierfür sei grundsätzlich vorgesehen, aber im aktuellen Referentenentwurf heiße es, die Einzelheiten seien erst bis 2024 zu verhandeln. „In unseren Augen kommt die verbindliche Kostenübernahme der Krankenkassen zu spät.“

Der Verbandsexperte, der selbst einige Semester Informatik studiert hat, rät Praxen, die sich vorbereiten wollen, sich im ersten Schritt „mit Praxisverwaltungssoftware auseinanderzusetzen und den Markt zu sondieren – denn über diese Programme wird die Anbindung an die TI realisiert werden. Da kann man in nächster Zeit schon mal schauen, was einem liegt.“

Ergotherapeuten: früherer Anschluss wünschenswert, keine überstürzten Investitionen

„Ein sehr positiver Entwurf aus unserer Sicht, ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt auch der Ergotherapeut Andreas Pfeiffer, seit Jahresbeginn neuer Vorsitzender des Spitzenverbandes der Heilmittelverbände (SHV), der sich hier aber in seiner Funktion als Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Ergotherapeuten (DVE) äußert. Die Pluspunkte: „Vieles führt zur Klarstellung, es werden Termine genannt, es gibt Aussagen zur Kostenerstattung, die E-Verordnung wird konkretisiert, was große Bedeutung hat, die Videobehandlung wurde ins Gesetz aufgenommen – alles sehr positiv. Aber ich würde mir wünschen, dass sich Ergotherapeutinnen und Ergotherapeuten noch vor dem Juli 2024 anschließen können – denn dann könnte sich auch der Ansturm auf elektronische Heilberufeausweise und Konnektoren über eine längere Phase erstrecken.“

Den Verbandsmitgliedern rät Pfeiffer zum Abwarten: Investitionen seien nur sinnvoll, wenn sie sich unabhängig vom Gesetzesvorhaben sofort nutzen lassen. „Es macht wenig Sinn, schon jetzt für 2024 und danach weitreichende finanzielle Entscheidungen zu treffen. Im Gegenteil, wir wollen unsere Mitglieder vor überstürztem Handeln bewahren, der Referentenentwurf liefert kein Argument dafür. Wir haben bereits Anrufe von verunsicherten Verbandsmitgliedern bekommen, da der eine oder andere Software-Anbieter schon relativ offensiv wirbt, jetzt zu investieren.“

Logopäden: Videotherapie und E-Verordnung top, aber mehr Beteiligung der Verbände erwünscht

„Wir freuen uns darüber, dass Logopädinnen und Logopäden anders als bei bisherigen Entwürfen ausdrücklich mitgedacht sind,“ sagt Dagmar Karrasch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie (dbl), zur Gesetzesvorlage.
Allerdings sollten die Verbände und Berufsgruppen stärker in die Entwicklung der elektronischen Verordnung einbezogen werden: „Dadurch lässt sich die Zahl der Fehlerquellen reduzieren und gleichzeitig die Akzeptanz bei den Leistungserbringern erhöhen – ein ganz wichtiges Thema“, sagt Karrasch. Konkret hieße das: „Wir wünschen uns einen Platz im Beirat der Gematik.“ Ebenso notwendig sei es, die Verbände in die Entwicklung und Bewertung digitaler Gesundheitsanwendungen und telemedizinischer Leistungen wie der Videotherapie einzubeziehen.

Aufgrund der Corona-Pandemie hatten die gesetzlichen Kassen im vergangenen Jahr die Behandlung per Videosprechstunde erlaubt. Nach einer Umfrage haben über vier Fünftel der antwortenden logopädischen und sprachtherapeutischen Praxen die Kommunikation per Video in ihren Praxisalltag integriert, über die Hälfte würde das auch gerne auf Dauer anbieten.Judith Heide, stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Bundesverbands für akademische Sprachtherapie und Logopädie (dbs), würde daher besonders die Aufnahme der Videobehandlung in die Regelversorgung begrüßen, denn „wir haben damit sehr gute Erfahrungen während der Corona-Pandemie gemacht, auch die Resonanz von Patientinnen und Patienten war positiv“.
Irritiert habe sie nur, dass die Videobehandlung im Entwurf als ergänzende Leistung beschrieben werde, aber „es geht dabei nicht um Extras, sondern tatsächlich um die Sprach-, Sprech- und Stimmtherapie an sich“. Als weiteren wesentlichen Pluspunkt sieht die am Department Linguistik der Universität Potsdam tätige akademische Sprachtherapeutin die E-Verordnung. Von der erhofft sie sich, „dass Prozesse schneller und papierlos ablaufen und damit Bürokratie abgebaut wird“.

Der Digitalisierung-Fahrplan

Wie bereits bekannt, können sich ab 1.7.21 Physiotherapie-Praxen freiwillig an die Telematik-Infrastruktur anschließen und erhalten Kosten erstattet. Ab 1.7.24 gilt das auch für alle anderen Heilmittelerbringer, bis 1.1.26 müssen alle an die Telematik-Infrastruktur angebunden sein.

Bis zum 30.9.21 sollen GKV-Spitzenverband und Berufsverbände klären, welche Leistungen als Videobehandlung möglich sind; sie verhandeln auch die Vergütung für – vom Bundesinstitut für Arznei- und Medizinprodukte freigegebene – digitale Gesundheitsanwendungen (DiGAs).

Bis 1.1.24 soll die Telematik- Infrastruktur für ärztliche Verordnungen von Heilmitteln in elektronischer Form vorbereitet sein. GKV-Spitzenverband und Berufsverbände vereinbaren bis dahin Einzelheiten zur Kostenerstattung. Bis 1.7.24 müssen die vertraglichen und technischen Voraussetzungen für die E-Verordnung stehen. Ab 1.7.26 müssen Heilmittel in elektronischer Form verordnet werden, Ausnahmen aus technischen Gründen sind möglich.

Angaben ohne Gewähr – Einzelheiten können sich während des Gesetzgebungsverfahrens ändern.


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