Ein Jahr mit Licht und Schatten

Für Heilmittelerbringer im Allgemeinen und Logopäden im Besonderen war 2020 ein Jahr mit Licht und Schatten. Dagmar Karrasch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie (dbl), zieht im Interview Bilanz.

Am Ende des Jahres scheint sich einiges für die Logopäden noch zum Guten zu wenden. Zum einen: Das Bundesgesundheitsministerium hat einen Entwurf für ein weiteres Digitalisierungsgesetz vorgelegt, in dem diesmal alle Heilmittelerbringer berücksichtigt wurden.
Ja, das war für uns sehr überraschend und wir begrüßen das natürlich sehr. Jens Spahn scheint die digitale Transformation des Gesundheitswesens sehr am Herzen zu liegen. Um so irritierender fanden wir es daher, dass er uns Logopädinnen dabei bislang immer außenvorgelassen hat. Dass dies nun korrigiert werden soll, ist wichtig, richtig und überfällig.

Überraschend ist auch, dass sich die Heilmittelerbringer nun nicht nur der Telematik-Infrastruktur (TI) anzuschließen dürfen, sondern das sogar müssen. Begrüßen Sie das ebenfalls?
Im Grunde genommen: ja. Wer Teil des Gesundheitssystems ist und als Partner auf Augenhöhe wahrgenommen werden will, muss auch im System angeschlossen sein und nicht außerhalb des Systems stehen. Zudem versprechen wir uns ja auch viel von der TI, was beispielsweise den Bürokratie-Abbau angeht, aber auch eine Verbesserung der Patientenversorgung. Daher sind wir sehr dafür, dass alle Heilmittelerbringer und damit deren Patienten auch möglichst schnell davon profitieren können.

Ein weiterer Punkt, der sich in diesem Jahr noch zum Guten wenden könnte, ist ein erfolgreicher Abschluss der Verhandlungen mit dem GKV-Spitzenverband. Wie ist da der Stand?
Es waren lange Verhandlungen und beim Thema Vergütung gibt es immer harte Auseinandersetzungen – das ist nichts Neues. Wir hoffen, dass es uns noch gelingt, den Versorgungsvertrag rechtzeitig zu schließen, damit er zum 1. Januar 2021 in Kraft treten kann. Mehr lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt (Anmerkung: Redaktionsschluss war der 1. Dezember) leider noch nicht sagen.

Dann kommen wir zu den Schattenseiten des Jahres 2020. Und da müssen wir mit Corona anfangen.
Corona war und ist eine große Herausforderung – für die ganze Gesellschaft, wie auch für unsere Berufsgruppe. Dem Gesundheitsministerium ging es am Anfang der Krise vor allem darum, schnell und unbürokratisch zu helfen. Das ist gelungen und die meisten unserer Praxen haben unter dem Rettungsschirm Platz gefunden. Allerdings dürfen wir jene Praxen nicht vergessen, die durch das Raster gefallen sind und keine Hilfen bekommen haben. Dass es hierfür keine Härtefallregelung gab, ist mehr als bedauerlich und nicht nachvollziehbar.

Ansonsten waren Sie aber mit der Unterstützung seitens der Politik zufrieden?
Nur teilweise. Dass wir anfangs nicht mit Schutzausrüstung versorgt wurden, hat uns zum Beispiel betroffen gemacht, vor allem, weil dadurch zum Beispiel Menschen mit Sprach- und Schluckstörungen nicht versorgt oder zusätzlichen Risiken ausgesetzt wurden. Und die Hygienepauschale ist bis heute ein großes Ärgernis: 1,50 Euro pro Verordnung mag reichen, wenn man glaubt, es werde nicht viel mehr als ein einfacher Mund-Nasen-Schutz benötigt. Aber das entspricht nicht der logopädischen Arbeitsrealität! Und, last but not least, war es natürlich auch ein absolutes Unding, noch während der laufenden Pandemie die Videobehandlung über einen Zeitraum von fünf Monaten nicht zu erlauben. Deshalb wurden manche Patienten schlichtweg schlechter oder gar nicht versorgt.

Kommen wir zum nächsten Punkt, der in der Jahresbilanz für Sie sicherlich auf der negativen Seite steht: die Verschiebung der Reform der Gesundheitsfachberufe und die geplante Verlängerung der Modellstudiengänge.
Allerdings! Wir – also der dbl und alle anderen Mitglieder des „Arbeitskreis Berufsgesetz“ – sind darüber wirklich empört und haben dafür auch keinerlei Verständnis. Es gibt dafür absolut keinen sachlichen Grund – außer der mangelnden Bereitschaft, sich jetzt für eine hochschulische Ausbildung zu entscheiden. Denn die Auswertung der Modellstudiengänge liegt schon lange auf dem Tisch. Von 2015 bis 2020 wurden Evaluationen vorgenommen, dafür brauchen wir nun nicht noch mehr Zeit.

Mit dem Thema der hochschulischen Ausbildung hätten wir schon vor Corona durch sein können.
Dagmar Karrasch, Präsidentin des Deutschen Bundesverbands für Logopädie (dbl)

Man muss dem Bundesgesundheitsministerium aber vielleicht auch zugestehen, dass es derzeit sehr viele Baustellen hat.
Ja, das mag sein, aber eigentlich hätten wir mit dem Thema der hochschulischen Ausbildung auch schon vor Corona durch sein können! Wir wurden zu lange hingehalten und immer wieder vertröstet. Die bestehenden Studiengänge sind ja immer noch an das alte Berufsgesetz von 1980 gebunden und müssen dementsprechend lehren und prüfen. Zu der Zeit gab es aber zum Beispiel noch kein kompetenzorientiertes Lernen und viele Störungsbilder waren damals noch nicht bekannt. Das führt zu der absurden Situation, dass wir heute viel besser ausbilden, als das Gesetz eigentlich vorsieht.

Das heißt, Sie werden bei dem Thema weiter auf Tempo drängen?
Ja, wir haben das Thema für diese Legislaturperiode keineswegs schon aufgegeben und werden auf jeden Fall dafür kämpfen, dass es nicht weiter verzögert wird. Ich verstehe auch nicht, warum man die Modellklausel jetzt gleich um fünf Jahre verlängern will und nicht beispielsweise nur für ein Jahr – verbunden mit der Zusicherung, sich gleich an das Schreiben des neuen Berufsgesetzes zu machen, anstatt die Aufgabe einfach nur an die nächste Regierung weiterzureichen. In unserer Wahrnehmung lautet die Botschaft der Politik: „Wir kümmern uns nicht darum, die Zukunft Eurer Berufe ist nachrangig“. Ich bitte aber zu bedenken: Unsere Berufe sind es, die die Patientenversorgung übernehmen. Der Trend der Berufsflucht muss gestoppt werden und dazu benötigt es politische Entscheidungen und Verantwortungsübernahme.

Heilmittelerbringer beklagen ja häufiger, sich mit ihren Forderungen gegenüber der Politik nicht durchsetzen zu können. Abhilfe könnte ein starker Dachverband bieten, den es ja mit dem Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) im Grunde genommen seit einigen Jahren gibt. Warum sind Sie kein Mitglied?
Die Gründe dafür sind vielschichtig: Wir sind eine vergleichsweise kleine Berufsgruppe, die sich – zumindest in der Vergangenheit – auch anders positioniert hat als Verbände der Physio- und Ergotherapeuten. Zum Beispiel haben wir schon sehr früh für die grundständige Akademisierung, evidenzbasiertes Arbeiten, eine eigenständige Diagnostik und den Direktzugang gekämpft – zu einem Zeitpunkt als das für andere Verbände zum Teil noch kaum ein Thema war. Und dann ist unsere Erfahrung mit der Vorgängerorganisation BHV – in der wir ja zunächst Mitglied waren –, dass wir dort für unsere Themen nicht ausreichend Raum hatten, nicht zuletzt, weil die Verbände der Physiotherapie den damaligen Zusammenschluss mit ihren Themen dominierten – zum Beispiel durch das Thema Zertifikate, das für uns aber völlig irrelevant war.

Aber da hat sich ja inzwischen etwas verändert.
Genau, das ist heute in der Tat ganz anders. Inzwischen haben sich in vielen Bereichen die Positionen angeglichen, was sich auch an unserer Zusammenarbeit zum Beispiel im „Bündnis Therapieberufe“ oder beim WAT-Gutachten zeigt. Ob wir einen Schritt weitergehen und auch Teil des Spitzenverbands SHV werden sollten, prüfen wir immer wieder – übrigens auch ganz aktuell. Denn wir sehen natürlich, dass eine starke Interessensvertretung und die Kraft, die daraus entstehen kann, auch zu unserem Vorteil gereichen würde. Und damit auch zum Vorteil der Patientenversorgung.

Eine Bündelung der Kraft stünde aber eigentlich auch erst einmal innerhalb Ihrer Disziplin an. Allein an berufspolitischen Verbänden gibt es neben dem dbl noch den Deutschen Bundesverband für akademische Sprachtherapie und Logopädie (dbs), den Deutschen Bundesverband der Atem-, Sprech- und Stimmlehrer/innen (dba) sowie die kleineren Verbände Logo-Deutschland und den Verband für LogopädInnen, Sprach- und SprechtherapeutInnen (VDLS). Ist das nicht ein Problem?
Ja, das ist tatsächlich manchmal ein Problem! Aber die Verbändelandschaft ist nun mal in Teilen historisch gewachsen und dies hat natürlich auch seine Berechtigung. An meiner eigenen Person kann man sehen, wie ausdifferenziert dies im Bereich der Logopädie ist. Denn als Atem-, Sprech-und Stimmlehrerin könnte man ja annehmen, mein Verband sei eigentlich der dba oder – weil ich eben auch eine akademische Ausbildung abgeschlossen habe – der dbs. Präsidentin bin ich aber beim dbl.

Sehr verwirrend – auch für Ihre Ansprechpartner in der Politik!
Das ist zweifellos so, aber die Situation in der Gesundheitsversorgung ist eben komplex. Und als politisch Verantwortlicher muss ich bereit sein, mich dieser politischen, aber natürlich auch fachlichen Komplexität zuzuwenden, das lässt sich nur begrenzt vereinfachen. Und, wenn ich das als politisch Verantwortlicher als hinderlich empfinde, könnte ich auch mit dazu beitragen, die Rahmenbedingungen neu zu regeln: Ein einheitliches neues Berufsgesetz, in dem ein Bachelorstudium als Regelausbildung verankert ist und somit den Ausbildungsweg akademisiert und vereinheitlicht, könnte daran etwas ändern.

Es bleibt also viel zu tun. Was steht sonst noch 2021 an?
Wenn der Versorgungsvertrag abgeschlossen ist, steht als Nächstes die Ausgestaltung der Blankoverordnung an. Wir sind gesetzlich beauftragt, sie umzusetzen, und das werden wir auch bestmöglich tun – selbst wenn wir die Blankoverordnung nach wie vor als Rückschritt ansehen. Wir hätten es lieber gesehen, gleich den Direktzugang zu erproben, zumal die Versorgung in der Logopädie/Sprachtherapie schon seit Jahren die eigene, selbstverantwortliche Diagnostik umfasst. Wir kennen genug Beispiele aus anderen Ländern, in denen dieses System des Direktzugangs hervorragend funktioniert. Im Unterschied dazu ist die Blankoverordnung ein rein deutsches „Spezial“, das an unserem hierarchischen Gesundheitssystem festhält und in unseren Augen keinen Fortschritt in der Versorgung darstellt.

Können Sie das noch etwas begründen?
Ich gebe Ihnen ein einfaches Beispiel aus der Praxis: Der größte Teil aller Kinder, die zu uns geschickt werden, kommt kurz vor der Einschulung. Und das, obwohl wir schon bei Kindern im Alter von zwei, spätestens drei Jahren in aller Regel sehen könnten, ob es therapiebedürftig ist. Das heißt, viele der schulischen Probleme, die Kinder in den ersten Schuljahren aufgrund sprachlicher Defizite entwickeln, wären absolut vermeidbar. Damit wäre den betroffenen Kindern und den Eltern sehr geholfen. Aber auch dem Gesundheitssystem würde es nutzen, denn eine rechtzeitige Behandlung kann Kosten sparen.


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