„Eine reine Hinhaltetaktik“

Das Ziel einer Vollakademisierung der Therapieberufe ist in weite Ferne gerückt. Die Reform der Berufsgesetze wurde verschoben und die Modellstudiengänge verlängert. Den Wissenschaftler Bernhard Borgetto ärgert das.

Die große Koalition hatte vor, die Gesundheitsfachberufe neu zu ordnen und die veralteten Berufsgesetze zu modernisieren. Wie groß ist die Enttäuschung, dass daraus in dieser Legislaturperiode wohl nichts mehr werden wird?
Die Enttäuschung ist sehr, sehr groß. Seit mehr als 20 Jahren wird der Reformbedarf der Gesundheitsfachberufe – und damit auch die Angehörigen der Berufe – missachtet. Aber auch die sich ändernden Versorgungsbedarfe der Patientinnen und Patienten werden mit der Verschiebung zum wiederholten Mal ignoriert.

Haben Gesundheitspolitiker in Bund und Ländern während der Pandemie anderes zu tun?
Natürlich ist es nachvollziehbar, dass Corona gewisse Verzögerungen verursacht. Allerdings sind ja nicht alle Menschen nur mit der Bewältigung der Pandemie beschäftigt. Zum Beispiel wurde im vergangenen November ein Gesetz zur Reform der technischen Assistenzberufe in der Medizin in erster Lesung debattiert und an den zuständigen Gesundheitsausschuss überwiesen. Es geht also durchaus voran, nur eben nicht bei den Therapieberufen. Diese Prioritätensetzung ist völlig unverständlich.

Seit 2009 ist es mit der Modellklausel möglich, für einige Therapieberufe probeweise Bachelorstudiengänge anzubieten. Nun soll diese Probephase bis Ende 2026 verlängert werden. Ist das nötig?
Aus meiner Sicht ist alles geklärt, was für die Reform von Bedeutung ist. Die Modellstudiengänge wurden positiv evaluiert, sowohl im Hinblick auf die Studierbarkeit als auch im Hinblick auf die Vermittlung der notwendigen praktischen wie theoretischen Kompetenzen. Dies hatte die Bundesregierung bereits 2016 bestätigt. Gleichzeitig wurde beanstandet, dass Fragen zu den langfristigen Auswirkungen, dem Nutzen und den Kostenfolgen einer akademischen Qualifikation offengeblieben seien. Um solche Fragen zu beantworten, wäre eine externe, insbesondere gesundheitsökonomische Evaluation erforderlich gewesen. Aber wie schon in der ersten Modellphase ist seitens der zuständigen Ministerien in Bund und Ländern nichts dergleichen angegangen worden. Von daher erscheint das Ganze manchmal wie eine reine Hinhaltetaktik, die zulasten der Gesundheit und nicht zuletzt der Arbeitsfähigkeit der Bevölkerung geht.

Welche Folgen könnte diese Entwicklung für die Studiengänge selbst haben?
Die Verzögerung ist ein Rückschlag für die sich akademisierenden Therapieberufe, denn sie birgt eine große Gefahr für die bereits etablierten Modellstudiengänge. Denn durch die Einführung einer Ausbildungsvergütung im vergangenen Jahr stehen die jungen Leute jetzt vor der Wahl, entweder während ihrer Ausbildungszeit in der Berufsfachschule mehr als 1.000 Euro pro Monat zu verdienen oder für ihr Studium an einer Hochschule Verwaltungs- oder gar Studiengebühren bezahlen zu müssen. Selbst wenn man unterstellte, dass ihnen klar wäre, dass eine hochschulische Ausbildung die flexibleren und zukunftsfähigeren Kompetenzen und damit auch Karrierechancen vermittelt, muss man keine besonderen prophetischen Gaben haben, um sich vorzustellen, dass die Zahlen der Absolventinnen und Absolventinnen an den Hochschulen zurückgehen würden.

Eine Vollakademisierung würde die Berufsfachschulen existenziell bedrohen – richtig?
Als Organisationsform wären die Berufsfachschulen tatsächlich in ihrer Existenz bedroht. Die Menschen aber, ihre fachlichen Kompetenzen, ja, teils auch die materiellen Strukturen sind in dem auszubauenden Hochschulausbildungssystem nicht nur willkommen, sie werden dort auch dringend benötigt. Der Hochschulverband Gesundheitsfachberufe hat gemeinsam mit dem Dachverband der Fachschullehrerverbände in einem Strategiepapier dargelegt, dass der Transformationsprozess – wenn denn endlich eine Entscheidung für die Vollakademisierung gefallen ist – für alle drei Therapieberufe in etwa zehn bis 15 Jahren zu bewältigen wäre. Zeit genug, um die überwiegend ja bereits bestehenden Kooperationen zwischen Berufsfachschulen und Hochschulen auszubauen und auf das Ziel einer Integration in die Hochschulen weiter zu entwickeln, sodass möglichst weder Menschen noch Know-how auf der Strecke bleiben.

Ein Nebeneinander von unterschiedlichen Ausbildungswegen ist problematisch, weil es zu unterschiedlichen Versorgungsqualitäten für die Patientinnen und Patienten führt.
Prof. Dr. Bernhard Borgetto, Professor für Gesundheitsförderung und Prävention und Vorsitzender des HVG

Wenn man sich das vor einem Jahr veröffentlichte Eckpunktepapier zur Reform der Gesundheitsfachberufe anschaut, wird aber deutlich, dass eine Vollakademisierung wohl ohnehin allenfalls für Logopäden in Frage kommt. Für die Physiotherapie- und Ergotherapie-Ausbildung wird es wohl eher auf eine Teil-Akademisierung hinauslaufen. Oder?
Es ist richtig, dass man eine solche Tendenz aus dem Eckpunktepapier herauslesen könnte. Es handelt sich jedoch um die Formulierung von Prüfaufträgen, für die völlig einseitige Kriterien formuliert wurden. Diese sind vorrangig auf den Aufwand bezogen, den die Politik für die Vollakademisierung der jeweiligen Berufsgruppe betreiben müsste. Das waren also eher wirtschaftliche, monetäre Argumente und keine, die auf die Gesundheit der Bevölkerung abzielen.

Und dieser Aspekt wurde Ihrer Ansicht nach vernachlässigt?
Ich finde, es verdeutlich sehr gut die Prioritäten der Bund-Länder-Arbeitsgruppe, dass eben kein ausdrücklicher Auftrag zur Prüfung der Notwendigkeit einer Vollakademisierung für die Sicherstellung der bestmöglichen therapeutischen Versorgung formuliert wurde. Als wären die Konsequenzen der Reform für die Patientinnen und Patienten nicht von Belang. Dabei sind sie es doch, die im Zentrum der Überlegungen stehen sollten!

Was spricht für Sie gegen ein Nebeneinander verschiedener Ausbildungswege?
Ein Nebeneinander von unterschiedlichen Ausbildungswegen ist problematisch, weil es zu unterschiedlichen Versorgungsqualitäten für die Patientinnen und Patienten führt. Im Sozialgesetzbuch V ist in § 70 festgelegt, dass die Versorgung auf der Grundlage des allgemein anerkannten Stands der medizinischen Erkenntnisse in der fachlich gebotenen Qualität erbracht werden muss. Eine nicht im Sinne des therapeutischen Prozesses konzipierte evidenzbasierte Praxis würde diesem Kriterium nicht entsprechen. Das Prüfergebnis kann entsprechend nur lauten: Die Arbeitsprozesse der Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie sind ohne größere Qualitätsverluste nicht teilbar. Jede Therapeutin, jeder Therapeut muss in der Lage sein, selbst aktuelle Studienergebnisse kritisch rezipieren zu können, um sie fallbezogen anwenden zu können. Eine Kompetenz, die nur an der Hochschule vollumfänglich vermittelt werden kann. Man würde ja auch nicht sagen, dass Hausärztinnen und Hausärzte eigentlich gar nicht studieren müssten, weil sie überwiegend einfache Erkrankungen behandeln.

Bislang ist das Gesundheitsversorgungsentwicklungsgesetz (GVWG) noch nicht beschlossen, noch geht es nur um einen Referentenentwurf. Glauben Sie, die Verlängerung der Modellstudiengänge noch abwenden zu können?
Am 16. Dezember letzten Jahres hat die Bundesregierung den Kabinettsentwurf des GVWG verabschiedet, es hat also die nächste Stufe des Gesetzgebungsverfahrens hinter sich gelassen. Damit haben sich die Chancen, die Verlängerung noch abzuwenden, verringert. Aber die Hoffnung stirbt ja bekanntlich zuletzt. Die Lesungen und Anhörungen im Bundestag und der zweite Durchgang im Bundesrat liegen noch vor uns. Mein persönliches Credo ist: Der Handlungsdruck auf die Politik, die Reformen noch in dieser Legislaturperiode anzugehen und die Modellklausel nicht zu verlängern, muss aufrechterhalten werden. Das Thema darf nicht aus der politischen und öffentlichen Wahrnehmung verschwinden.

Haben Sie denn eine Erklärung dafür, dass die Modellklausel gleich so lange verlängert werden soll? Man könnte ja auch ein Zeichen setzen: In dieser Legislaturperiode klappt es leider nicht mehr, aber wir beeilen uns jetzt.
Es ist in der Tat schon etwas merkwürdig, dass die Verlängerung gleich über die nächste Legislaturperiode hinausreichen soll. Das öffnet Spekulationen Tür und Tor. Für mich ist auf jeden Fall klar, dass, falls eine Verlängerung der Modellklausel am Ende leider doch unumgänglich sein sollte, nur eine Verlängerung um maximal zwei Jahre tolerabel wäre. Es muss sichergestellt werden, dass sich die Politik dann in der kommenden Legislaturperiode prioritär mit dem Reformprozess beschäftigen muss – und nicht erst in fünf Jahren in der übernächsten Legislaturperiode!


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