Erste Schritte in die digitale Zukunft

Von der Patientenakte zum Rezept: Die Zukunft des Gesundheitswesens ist digital. Aber was bedeutet das für Therapeutinnen und Therapeuten?

Für Versicherte der Techniker Krankenkasse lohnt der Blick aufs Handy. Mit ihrer TK-App können sie seit vergangenem Herbst die von IBM entwickelte elektronische Patientenakte TK-Safe nutzen. Rund 90.000 Versicherte haben die Anwendung schon aktiviert. Auch Versicherte der DAK, der IKK classic, der privaten Allianz sowie einer ganzen Reihe anderer gesetzlicher und privater Kassen und Versicherungen erhalten eine Handyakte vonihrer Versicherung gestellt, die Vivy-Akte. Sie hat, orchestriert von umfangreicher PR, mittlerweile sechsstellige Download-Zahlen. Dabei bleibt es nicht: Die Barmer hat für Anfang 2019 eine Ausschreibung für eine Patientenakte angekündigt. Und die AOKen basteln an einer digitalen Gesundheitsplattform, die unter anderem eine E-Akte enthält.

All das heißt aber nicht, dass die Akten auch tatsächlich schon stark genutzt würden. Die Krankenkassen legen dennoch Tempo vor – unter anderem deshalb, weil Bundesgesundheitsminister Jens Spahn elektronische Handy-Akten bis spätestens 2021 für alle Versicherten gesetzlicher Krankenversicherungen einführen möchte. Das entsprechende Gesetz soll Anfang 2019 im Deutschen Bundestag verabschiedet werden. Allerdings wird nicht jede Krankenkasse machen können, was sie will. Am Ende sollen die Akten technisch einheitlich sein und auch gemeinsamen Sicherheitsstandards folgen. Medizinische Einrichtungen, die mit den neuen elektronischen Akten arbeiten wollen, sollen dies auf Dauer nur dann können, wenn sie an ein sicheres Kommunikationsnetz angebunden sind, die so genannte Telematikinfrastruktur. An sie sind mittlerweile über 40.000 niedergelassene Ärzte angeschlossen.

Wann Heilberufe eingebunden werden, ist noch offen

Bis Mitte 2019 soll die große Mehrheit der Ärzte online sein, seit diesem Jahr folgen Schritt für Schritt auch die Krankenhäuser. Die Patienten wiederum sollen mit den elektronischen Akten ihrer Krankenkassen eine Art persönliches Medizinarchiv aufbauen, über das sie frei verfügen können.

Doch was ist mit nichtärztlichen Heilberuflern? Macht ein digitaler Datensafe für Physiotherapeuten, Apotheker, Logopäden oder Pfleger überhaupt Sinn? Tatsächlich wird das, was in den Medien meist verkürzt als „Patientenakte“ bezeichnet wird, auf Dauer kein reiner Daten-Safe sein, sondern eher eine Plattform, die einen digitalen Austausch von Informationen unter der Hoheit des Patienten ermöglicht. Und das ist auch für Nichtärzte relevant. Das klassische Beispiel ist das Arzneimittelrezept, das der Patient auch in einer digitalen Welt in einer Apotheke seiner Wahl einlösen will. Es soll bald über die persönliche Gesundheits-App auf dem Handy transportiert (oder an eine Versandapotheke weitergeleitet) werden. Die Vorbereitungen dafür laufen. Die Apotheker dürften daher die nächste große Berufsgruppe sein, die an die Telematikinfrastruktur und die elektronische Aktenlandschaft im deutschen Gesundheitswesen angeschlossen wird.

Das Äquivalent zum Rezept sind beim Heilberufler die Therapieverordnungen. Zumindest die AOK geht im Rahmen ihres Digitalisierungskonzepts schon jetzt mit einer „E-Verordnung“ in den Pilotbetrieb: Ärzte, die genehmigungspflichtige Verordnungen erstellen, leiten diese elektronisch zur Prüfung an die Krankenkasse. Die meldet sich mit ihrer Genehmigung dann digital zurück. Ein logischer nächster Schritt wäre, dass die Verordnung gar nicht mehr ausgedruckt, sondern dem Patienten in seiner Handy-Patientenakte mitgegeben wird, ähnlich wie es fürs E-Rezept geplant ist.

Noch immer fehlt es an einem Gesundheitsberuferegister

Dieser letzte Schritt funktioniert allerdings nur, wenn auch Physiotherapeuten, Ergotherapeuten und Logopäden eine digitale Identität bekommen. Bei Ärzten und Apothekern wird Die eAkte kommt! Noch wird jedoch darüber gestritten, welches Gesundheits-/ Patientenaktensystem das beste ist. Im Alltag erleben und nutzen wir digitale Prozesse, um unser Leben leichter zu machen. Eine digitale Gesundheitsakte muss auch mehr als ein Ablageort für Dokumente sein. Daniel Bahr Vorstand, Allianz Private Krankenversicherung das über die Kammern organisiert. In nichtverkammerten Berufen ist ein separates, staatliches Register nötig, ein „Gesundheitsberuferegister“, wie es in Österreich schon existiert (siehe Box). In Deutschland wurde der Aufbau eines solchen Registers im Jahr 2007 durch die Gesundheitsministerkonferenz beschlossen. Seither bemüht sich das Land Nordrhein-Westfalen, wo das Register angesiedelt wird, um einen Staatsvertrag, dem möglichst viele Bundesländer zustimmen – bisher vergeblich. Der AOK-nahe IT-Dienstleister gevko will deswegen jetzt mit Hilfe eines Unternehmens, das im estnischen Gesundheitswesen Ähnliches geleistet hat, ein eigenes „Register sonstiger Leistungserbringer“ aufbauen. Zumindest die AOK-Welt hat die Heilberufler bei der Digitalisierung also im Blick. Die Politik wird folgen. —


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