Führungsstile in Therapiepraxen: Die Richtung vorgeben

Die Führungsstile in Therapiepraxen sind so unterschiedlich wie die Menschen. Doch in der Corona-Krise ist vor allem eines gefragt: eine klare Linie.

Im Moment ist gefragt, dass die Chefin entscheidet, hat Susanne Schneider schnell gemerkt. Die Logopädin und Diplom-Sozialwissenschaftlerin führt eine Praxis mit zehn Mitarbeiterinnen in Sankt Augustin bei Bonn und engagiert sich auch bei LOGO Deutschland, dem Verband der Selbstständigen in der Logopädie. Sie beschreibt ihren Führungsstil als „kooperativ, transparent und offen“. Doch durch Corona hat sich einiges geändert. Aus ihrer Sicht sind die Rahmenbedingungen enger geworden. „Wenn sich die Umstände dauernd ändern, ist der Organisationsaufwand enorm groß. Die Zeit reicht nicht mehr aus, jede Entscheidung zu begründen.“ Sie habe das Gefühl, dass ihre Mitarbeiterinnen im Moment dankbar dafür seien, dass sie die Richtung vorgebe. „Es gibt gerade kein Wunschkonzert bei uns.“ Susanne Schneider setzt ihre Energie verstärkt dafür ein, Patienten adäquat auch während der Pandemie zu versorgen und die Digitalisierung der Praxis voranzutreiben.
Sie hat ihre Praxis 1994 übernommen und „Learning by Doing“ praktiziert. In der Ausbildung sei das Thema Führungsaufgaben in der Selbstständigkeit kein Thema gewesen. Der Start in der eigenen Praxis war von daher anfangs ein Sprung ins kalte Wasser. Insbesondere die stark zunehmende Bürokratie in den vergangenen Jahren habe sie angeregt, Seminare zu besuchen, um sich – auch mit Blick auf die wachsende Praxis – für die administrativen Aufgaben einer Führungskraft fit zu machen.

Therapeuten sind grundsätzlich motiviert für ihre Arbeit

Ein kooperativer Führungsstil ist nur ein Weg, Mitarbeiter anzuleiten. Er liegt dabei etwa in der Mitte zwischen dem autoritären Stil, bei dem der Chef alles vorgibt, und dem partizipativen Führungsstil, bei dem alles gemeinsam besprochen wird. Davon unterscheiden Wissenschaftler noch den Laissez-faire-Führungsstil, bei dem der Vorgesetzte Zielvorgaben gibt, sich aber in die Umsetzung nicht einmischt.
„Man sollte sich als Praxisinhaberin vor Augen führen, welche Mitarbeiter man führt. Therapeuten sind ja auch deshalb Therapeuten geworden, weil sie Menschen helfen wollen“, gibt Gabriele Wegener zu bedenken, die sich mit ihrer Cleverdo Consulting in Hameln auf die Beratung im Pflege- und Therapiebereich spezialisiert hat. „Es besteht also bei Therapeuten grundsätzlich eine positive Motivation für ihre Arbeit. Daher ist es wichtig, bei der Führung eines Therapeuten-Teams immer den Nutzen einer Entscheidung für den Patienten in den Vordergrund zu stellen.“ Gabriele Wegener nennt als Beispiel für Entscheidungen, für die ein gemeinsames Verständnis aller Beteiligten förderlich ist, die Umsetzung von Richtlinien im Qualitätsmanagement, die Abstimmung von Dienst- und Arbeitszeiten oder die gegenseitige kollegiale Hilfe bei Überstunden.

In der Berufsausbildung ist der Führungsstil selten ein Thema

Die Corona-Krise zeige deutlich, dass es nicht ausreiche, irgendwie durchzukommen. In der Berufsausbildung von Therapeuten werde – wie auch in anderen Berufen – in der Regel nicht auf Führungstätigkeiten eingegangen. Wer eine Praxis übernehme, muss sich eigenständig darauf vorbereiten, etwa durch Lektüre von Fachbüchern oder Weiterbildungen.
„Praxisinhaber sollten sich kontinuierlich weiterbilden“, rät deshalb auch Coach Mathias Gans, „besser kürzer und öfter, denn der Effekt verpufft sonst schnell im Alltag.“ Ergotherapeut Gans, der auch als Buchautor und Berater tätig ist, außerdem selbst Praxen führt, beschreibt seinen eigenen Führungsstil als geprägt durch „Klarheit, Fairness und Korrektheit“. Seine Anweisungen sollten für die Mitarbeiter nachvollziehbar sein. Er kommuniziere stets auf Augenhöhe. Während der Corona-Krise hätten seine Mitarbeiter ein starkes Engagement für die Praxis und Solidarität gezeigt. Gans rät dazu, genau auf die Befindlichkeiten der einzelnen Mitarbeiter zu achten und entsprechend zu reagieren. Während die einen eher ängstlich seien, machten sich andere zu wenig Sorgen und reagierten unerschrocken. „Die einen muss ich stützen, die anderen eher an die Hygienebestimmungen erinnern“, erklärt Mathias Gans. „Gerade in den für die Branche typischen Kleinstunternehmen ist vor allem die Vorbildfunktion der Inhaber gefragt.“

4 Tipps für gute Führung
1. Authentisch bleiben
Bewahren Sie den eigenen Stil und leben die eigenen Werte
2. Delegieren
Delegieren Sie Aufgaben aus dem Tagesgeschäft und vermeiden Sie Mikromanagement.
3. Vorangehen
Kommunizieren und erklären Sie Ihre Entscheidungen klar ohne sich zu rechtfertigen. Führen heißt vorangehen.
4. Empathisch sein
Gehen Sie auf die Persönlichkeit Ihrer Mitarbeiter ein – manche brauchen mehr Anleitung, manche mehr Freiraum.

 

Sie rät zu einem goldenen Mittelweg bei den Führungsstilen: „In der Führung ist Klarheit und Konsequenz gefragt. Ein autoritärer Führungsstiel ist bei Therapeuten nicht mehr zeitgemäß. Ein freundliches, harmonisches Miteinander bestärkt alle Beteiligten in ihrem Tun, wenn es klare Regeln für den Umgang miteinander gibt.“ Sie warnt andererseits vor einem zu kollegialen Ton, der Grenzen verschwimmen lässt.
Gerade in Krisenzeiten wie der Corona- Pandemie hält sie es für wichtig, das „Wir-Gefühl“ im Team zu stärken, um die anfallenden Herausforderungen gemeinsam zu meistern. Dabei sollte auch nicht vergessen werden, Erfolge zu feiern. Wegener empfiehlt, nicht mit Lob für gute Arbeit zu sparen, sich um die Sicherheit der Arbeitsplätze zu bemühen und das auch im Team zu kommunizieren. Ihr Tipp ist, etwa zum wöchentlichen Team-Frühstück einzuladen oder sich mit kleinen Aufmerksamkeiten zu bedanken.

"In Krisenzeiten ist es gefragt, Führung zu übernehmen und als Führungsperson sichtbar zu sein“, betont Birthe Hucke, Vorstandsmitglied beim Deutschen Verband der Ergotherapeuten e. V. (DVE). „Auch ein Laissez-faire-Führungsstil ist möglich, bedeutet aber nicht, dass man alles laufen lässt, sondern nur, dass vieles delegiert wird und Entscheidungen eher gemeinschaftlich getroffen werden. Die Richtung muss die Chefin trotzdem vorgeben und den Überblick behalten.“ Hucke hat sich als Autorin mit dem Thema auseinandergesetzt und bedauert: „Man erlebt häufig, dass ein Praxisinhaber Führungsaufgaben nicht wahrnimmt, aus dem Bauch heraus agiert und sich auch nicht diesbezüglich fortbildet.“ Birthe Hucke hebt hervor, dass jeder Praxisinhaber seine Rolle als Führungskraft annehmen und gemäß der eigenen Persönlichkeit und Werte leben solle. „Der Führungsstil sollte zu mir und meinen Mitarbeitern passen.“


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