Hand in Hand - Wie der Roboter Einzug in den Praxisalltag hält

Zora, Roger und Otto - ihre Namen klingen niedlich. Ihr Nutzen in der digitalen Therapie ist vielversprechend. Roboter zeigen, wohin der Weg im Gesundheitswesen geht.

Nicht erst mit dem im vergangenen Dezember in Kraft getretenen Digitalisierungsgesetz ist das Thema „Digitale Hilfsmittel“ im Gesundheitswesen angekommen. In Krankenhäusern, aber auch in Therapieeinrichtungen sowie in der Pflege gibt es bereits einige Beispiele, wie die digitale Zukunft aussehen kann. Zum Beispiel Zora. Der Roboter kommt seit zweieinhalb Jahren in der Physiotherapie zum Einsatz. Nicht als „richtiger“ Therapeut, wie Stefanie Fimm, Leiterin der Abteilung im Universitätsklinikum Schleswig- Holstein, beteuert, dennoch habe sich der 59 Zentimeter große und rund 4,5 Kilo schwere Roboter durchaus bewährt. So kann der Blechkamerad zum Beispiel helfen, Kindern oder dementen Patienten therapeutische Übungen nahezubringen. Dabei macht er auch mal eine einfache Bewegung vor, lässt die Arme kreisen oder hebt das Bein an. Das war es dann aber auch schon in Sachen physiotherapeutischer Fachkompetenz. „In erster Linie ist Zora ein Türöffner, der uns hilft, mit den Patienten in Kontakt zu kommen und ihn zur Mitarbeit zu motivieren“, erklärt Fimm. Und das praktischerweise gleich in mehreren Sprachen, denn der überaus kommunikative Roboter kann neben Deutsch auch noch Englisch und Arabisch.

Deutlich weiter sind da robotergestützte Therapieverfahren. Diese werden nicht von humanoiden Robotern durchgeführt, also von Maschinen, die – mal mehr, mal weniger – der menschlichen Gestalt nachempfunden sind, sondern von hochspezialisierten, computergestützten Geräten. Sie können nicht singen, tanzen und Arabisch sprechen wie Zora, dafür aber mit dem Patienten eine bestimmte Übung unendlich oft wiederholen. So werden bestimmte Bewegungen äußerst intensiv durchgeführt und dabei ständig überwacht sowie individuell angepasst. Insbesondere bei der Neuro-Rehabilitation – also zum Beispiel bei Schlaganfall-, Parkinson- oder MS-Patienten – ist dies von großem Vorteil, weil dadurch Nervenzellen und auch Verbindungen zwischen den Nervenzellen neu konfiguriert werden können. Immer mehr moderne Reha-Kliniken setzen deshalb zusehends auf solche Systeme.

Geherfolge durch roboterassistierte Gangtrainings

Service- und Kommunikationsroboter wie Zora sind im Gesundheitsbereich derzeit ziemlich angesagt. Ihre Einsatzmöglichkeiten sind aufgrund des Fehlens eigener motorischer Fähigkeiten allerdings begrenzt. Allenfalls kompetent anleiten kann solch ein Roboter – wie zum Beispiel Roger. Der Name steht für „Roboterassistiertes Gangtraining in der orthopädischen Rehabilitation“. Roger, der Ende vergangenen Jahres nach dreijähriger Entwicklung und Erprobung in der Waldklinik Eisenberg in Thüringen der Presse vorgestellt wurde, wird nach orthopädischen Hüftoperationen eingesetzt. Dabei unterstützt der mobile Roboter mittels aktiver Korrekturhinweise Patienten, schneller als bisher wieder richtig zu gehen. Eine kleine Studie mit je 15 Patienten soll die Vorteile des Robotertrainings gegenüber einer rein konventionellen Physiotherapie bereits belegt haben: „Die bisherigen Ergebnisse zeigen, dass das roboterunterstützte Gangtraining zu einem besseren Gangbild unmittelbar nach Operationen führt“, sagt Dr. Eric Röhner, geschäftsführender Oberarzt der Klinik. Wenn der Patient mit seinen Krücken ins Straucheln gerät, wird ihn Roger allerdings nicht auffangen können. Es fehlen ihm die dafür nötigen Arme. Ansonsten wird es noch Jahre dauern, bis Roger Marktreife hat und als Medizinprodukt zugelassen wird, so Röhner.

Mit Roboterassistenten könnten die viel zu wenigen Therapeuten nicht nur mehr Patienten versorgen, sondern es könnte die generelle Versorgung schlagartig verbessert werden.
Sami Haddadin, Leibniz-Preisträger und Professor für Robotik und Systemintelligenz an der TU München
Zwei Gründerinnen gehen aufs Ganze

Doch auch in ersten Praxen sind sie bereits im Einsatz. Eine davon ist die erst 2019 eröffnete Praxis Ergovision Lüdenscheid. Für die Gründerinnen Marete Schmermbeck und Anna- Kathrin Schwarz war die Anschaffung von acht solchen Systemen eine erhebliche Investition. Doch nachdem die beiden auf einer Fortbildung die Vorteile der robotergestützten Therapie kennenlernten, wollten sie nicht mehr darauf verzichten. „Der Erfolg gibt diesen Verfahren einfach recht“, zeigt sich Schmermbeck überzeugt. „Und die Patienten sind begeistert,“ ergänzt ihre Kollegin. Ärgerlich sei nur, dass die Krankenkassen die neuen Behandlungen nicht zusätzlich vergüten würden und sie nur innerhalb der normalen Verordnung abgerechnet werden können. „Trotzdem gehen wir diesen Weg, weil eine Zuzahlung durch die Patienten zu einer Zwei-Klassen-Medizin führen würde. Das wollen wir nicht,“ so Schmermbeck.

Nur Otto bliebe aus Kostengründen den Privatpatienten vorbehalten, so die beiden Ergotherapeutinnen. Bei dem „neuen Kollegen“ handelt es sich um ein Exoskelett zur medizinischen Gangrehabilitation und Frühmobilisation. Rollstuhlfahrende Patienten sollen durch ihn wieder besser stehen und gehen lernen. Dabei arbeitet Otto über die Aktivierung der Restmuskelfunktion. Er errechnet, wie viel Kraft dem Patienten noch fehlt, um einen Schritt auszuführen, und ersetzt diese durch Motoren. So bringt er Patienten an ihre Leistungsgrenze, trainiert Muskelkraft und Gleichgewichtssinn.
Die Methode ist wissenschaftlich erwiesen. „Unsere aktuelle Studienlage sagt eindeutig, dass sich die Alltagsaktivität, die muskulären Funktionen und die Kraft von Schlaganfallpatienten deutlich verbessert, wenn sie mit diesen robotergestützten Geräten arbeiten“, erklärte Prof. Dr. Jan Mehrholz, Physiotherapeut und Studiengangsleiter des Masterstudiengangs Neurorehabilitation an der SRH Hochschule für Gesundheit in Gera gegenüber dem Deutschlandfunk. Umso ärgerlicher sei es für ihn, wenn Krankenkassen sich häufig nach wie vor zieren, die Kosten zu übernehmen: „Die Therapieangebote, die in den letzten 30 Jahren als evidenzbasiert befunden wurden, finden sich leider allzu oft nicht im Heilmittelkatalog. Ich sehe da einen hohen Nachholbedarf, um moderne Therapien wie robotergestützte Verfahren in die breite Anwendung zu bringen“, so der Experte.


 

„Roboter können den Therapeuten helfen“

Der Ergotherapeut Michael Laborn ist einer der Pioniere der robotergestützten Therapie. Er ist spezialisiert auf die Handtherapie und setzt auf robotergestützte Therapieverfahren.

Das ganze Interview mit Ihm lesen Sie hier.



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