Heilmittel-Richtlinie: Gemischte Gefühle

Bald tritt die neue Heilmittel-Richtlinie in Kraft. Das Urteil der Physiotherapeuten fällt sehr unterschiedlich aus.

Nun kommt sie, die mehrfach verschobene Heilmittel-Richtlinie: Am 1. Januar 2021 soll es – nach aktuellem Stand bei Druckschluss dieser Ausgabe – so weit sein. Allerdings konnten sich die Kassen und die vier maßgeblichen Physio-Verbände nicht auf den neuen Rahmenvertrag einigen – ein Fall für das dafür vorgesehene Schiedsverfahren. Doch ist das Ziel in Sicht: „Der Bundesrahmenvertrag könnte voraussichtlich Anfang, Mitte Januar finalisiert sein. Die Bestimmungen könnten rückwirkend zum 1. Januar in Kraft treten“, sagt der Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK), der seine Mitglieder derzeit intensiv am Telefon, per Mail und in Online-Themenabenden auf die neue Heilmittelrichtlinie vorbereitet. Auch beim VDB Physiotherapieverband herrscht Hochkonjunktur. „Wir berichten fortlaufend in unseren Mitgliederinformationen sowie der Fachzeitschrift ‚Therapie und Praxis‘, darüber hinaus organisieren die Landesverbände Infoveranstaltungen zur Heilmittel-Richtlinie“, berichtet Daniela Driefert, beim VDB zuständig für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit.

Susanne Weidenhausen bezweifelt, dass die neue Heilmittelrichtlinie zum Abbau von Bürokratie führen wird.

Fragt man die Leistungserbringer selbst, fällt ihr Urteil über die Heilmittel-Richtlinie ganz unterschiedlich aus. Die Physiotherapeutin Susanne Weidenhausen leitet in Frankfurt am Main ein Team von zehn Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Auf ihrem Wunschzettel ganz oben steht der Abbau von Bürokratie und sie nennt dazu auch ein konkretes Beispiel: „Wir haben gerade ein Rezept bekommen, das wir zum dritten Mal ändern lassen müssen, weil der Indikationsschlüssel nicht mit dem Heilmittel übereinstimmt.“ Weidenhausen bezweifelt, dass die neue Richtlinie den von ihr gewünschten Zweck erfüllt, Bürokratie abzubauen: „Ich glaube nicht, dass es dadurch besser wird – ich hoffe eher, dass es Computerprogramme einmal richten werden. Wir bekommen nämlich immer wieder mit, dass Ärzte nicht wissen, dass bestimmte Therapien nicht mit anderen zusammengehen können.“ Sie schätzt, dass sie ungefähr die Arbeitszeit einer 400-Euro-Kraft einsetzen muss, nur um Verordnungen zu prüfen und zu korrigieren.

Gerd Appuhn verspricht sich von der Heilmittelrichtlinie deutliche Erleichterungen und geringere Aufwände.

Optimistisch hingegen blickt Gerd Appuhn, Physiotherapeut aus Witten, auf die sich abzeichnenden Neuerungen. Die Praxis, die er in Bommern bei Witten gemeinsam mit seiner Frau und sechs Therapeuten betreibt, feiert am Jahresende ihr 20-jähriges Bestehen. Die verringerte Zahl der Diagnosegruppen werde zu deutlich weniger Bürokratie führen, schätzt Appuhn: „Davon erwarte ich mir sehr viel.“ Der Aufwand sinke zudem, da nicht mehr zu prüfen ist, „ob das Kreuz bei der Erst-, Folgeverordnung oder Verordnung außerhalb des Regelfalls richtig gesetzt ist. Wir hatten früher kurzfristigen, mittel- und langfristigen Behandlungsbedarf, dazu kamen noch die Indikationsschlüssel, dann die Codes – jetzt gibt es nur noch einen Behandlungsbedarf.“ Durch die bestehende Heilmittel-Richtlinie habe sich der bürokratische Aufwand aufgebläht – den Appuhn ähnlich wie Susanne Weidenhausen einschätzt: „Als die Richtlinie kam, musste ich eine 400-Euro-Kraft allein dafür abstellen, um Rezepte zu prüfen und zu korrigieren. Wir haben zurzeit weit über 20 Punkte, die passen müssen, bevor die Abrechnung an die Kasse geht: Wir mussten an manchen Tagen über die Hälfte der Rezepte nachbessern“.

Rene Portwich glaubt, dass die Heilmittelrichtlinie vieles komplizierter machen wird.

„Sehr kritisch“ sieht Rene Portwich die Heilmittel- Richtlinie. Er ist Geschäftsführer einer Physiotherapie-Praxis in Warnemünde bei Rostock, daneben auch Vorsitzender des Landesverbands Mecklenburg-Vorpommern im VDB Physiotherapieverband. „Da gibt es keinen Bürokratieabbau, es wird komplizierter durch diese Richtlinie“, fürchtet Portwich – etwa, weil der Therapeut jede Behandlung abzeichnen müsse. Ein Beleg dafür, dass „die Physiotherapeuten beim Thema Digitalisierung wieder komplett vergessen wurden.“ Seine Skepsis führt er auf Erfahrungen des Jahres 2004 zurück, als es eine ähnliche Umstellung auf neue Formulare gegeben habe: „Ein halbes Jahr lang wurden nur wenig Rezepte verordnet, da die Ärzte nicht in der Lage waren, sie auszustellen. Es gab keine angepasste Software – genau dasselbe vermute ich in diesem Fall auch.“ Fatal, findet Portwich, denn so sei möglicherweise ein „dramatischer Einbruch der medizinischen Versorgung im Bereich Physiotherapie zu erwarten“. Nach wie vor gebe es zu wenig Physiotherapeuten in Mecklenburg-Vorpommern: „Heute fehlen schon 30 Prozent“, bedingt durch falsche Weichenstellungen von Politik und Kassen. Die neue Richtlinie sei ebenfalls „kein Schritt in die richtige Richtung“.

Die wichtigsten Änderungen
 
  • Reduzierte Zahl der Diagnosegruppen – in der Physiotherapie von 22 auf 13.
  • Vereinfachter „Verordnungsfall mit orientierender Behandlungsmenge“ ersetzt bisherigen „Regelfall“.
  • Mehrere Heilmittel können auf einer Verordnung stehen, davon bis zu drei vorrangige.
  • Statt bisher drei Verordnungsmuster gibt es nur noch das neue Muster 13.
  • Mehr Spielraum bei Korrektur von Verordnungen, zum Beispiel bei den Personalien.
  • Fristverlängerung für Therapiebeginn von 14 auf 28 Tage (ist in der Übergangszeit bereits Usus).
  • Unterbrechungsfristen auf Verordnungen bis Ende des Jahres werden nicht geprüft; Korrekturen bis dahin auch ohne ärztliche Unterschrift.
  • Vorgesehene Blankoverordnung schafft Spielraum; derzeit wird aber noch verhandelt und gilt frühestens ab dem zweiten Quartal 2021.
 


Ausführliche Infos auf den Seiten des GKV-Spitzenverbands: bit.ly/hmr-details


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