Heilmittelerbringer in der Corona-Krise

Wie geht es Ihnen heute? Sechs Praxisinhaber berichten, wie sie die aktuelle Krise durchleben, welche Hürden sie zu nehmen haben und was ihnen Hoffnung macht.


"Den Laden können wir ja nicht einfach dichtmachen."

Melissa Frierson, Ergotherapeutin in Denkendorf

"Bei jedem einzelnen Patienten müssen wir uns überlegen, ob wir ihn behandeln. Manchmal ist man in einer Zwickmühle, weil wir in so einer Situation nicht auf Einnahmen verzichten können. Im Zweifelsfall, wenn der Patient schon sehr alt ist oder Vorerkrankungen hat, ist das Risiko aber zu groß. Selbst wenn wir hier alles für eine größtmögliche Hygiene tun, kann es immer noch sein, dass er sich auf dem Weg zu uns in der Straßenbahn ansteckt. Da muss man das Für und Wider menschlich abwägen und nicht an den eigenen wirtschaftlichen Verlust denken. Auf der anderen Seite können wir den Laden auch nicht ganz dichtmachen. Denn es gibt sehr viele Patienten, die auf uns angewiesen sind – chronische Schmerzpatienten und akute neurologische Patienten oder all jene Menschen, die wegen einer Handtherapie zu uns kommen. Ihre Dankbarkeit zu spüren, ist in diesen schwierigen Zeiten ein kleiner Trost."


 

"Wir versuchen zu überleben. So lange es irgendwie geht."

Tanja Weskamp-Nimmergut, Logopädin in Hamburg

"Die Corona-Krise war wie ein Tsunami, der uns überrollt hat. Jetzt müssen wir versuchen, das Schiff irgendwie durch den Sturm zu manövrieren. Aber das wird sehr schwer; ich weiß nicht, wann ich das letzte Mal durchgeschlafen habe. Wenn Patienten die technischen Voraussetzungen dafür haben, bieten wir ihnen Videotherapie an – um sie, aber auch um uns selbst zu schützen. Trotzdem sind 50 bis 60 Prozent der Einnahmen von heute auf morgen weggebrochen. Das Problem ist, dass derzeit nicht nur wenig neu verschrieben wird, sondern auch, dass es wahrscheinlich ziemlich lange dauern wird, bis es wieder richtig anläuft. Wenn man dann noch berücksichtigt, dass wir aufgrund der normalen Abrechungsmodalitäten mit den Krankenkassen nicht gleich bezahlt werden, steht für uns wahrscheinlich – selbst im günstigsten Fall – die eigentliche Welle noch bevor."


 

"Ich habe mich in der Situation alleingelassen gefühlt."

Simon Brandner, Ergotherapeut in Ostfildern

"Anfang März hatte ich noch ein Bewerbungsgespräch und war total happy, weil bis dahin der Personalmangel mein größtes Problem war. Schon zwei Wochen später steht alles auf dem Kopf und ich muss meine ganzen Leute in Kurzarbeit schicken. Wir mussten sogar überlegen, die Praxis komplett für eine Weile zu schließen. Die Mutter eines Patienten wurde nämlich positiv getestet. Wenn das Gesundheitsamt uns in dieser Situation geschlossen hätte, wäre es für uns möglich gewesen, eine Entschädigung für den Ausfall zu bekommen. Das haben sie aber nicht gemacht und mich mit der Entscheidung ziemlich alleine gelassen. Noch nicht einmal Schutzmasken habe ich bekommen, weil wir zwar als systemrelevant gelten, bei der Zuweisung von Schutzmaterialien aber Kliniken und Pflegeeinrichtungen Vorrang haben. Letztlich habe ich mich dann gegen eine Schließung entschieden, auf das eigene Risiko hin und zum Teil mit selbstgenähten Masken."


 

"Meinen Optimismus bewahre ich auch in der Krise."

Elke Heinzmann, Physiotherapeutin in Stuttgart

"Als der Lockdown begann, war ich hochschwanger. Tatsächlich sortiert die Geburt eines Kindes Wertehierarchien neu: Mehrere Tage habe ich gar nicht an die Praxis gedacht. Aber das ändert nichts daran, dass die Corona-Krise erst einmal ein Schock für uns war. Glücklicherweise habe ich eine Familie und ein Team hinter mir, auf die ich mich in so einer Situation verlassen kann. Wir haben Kurzarbeit angemeldet und die Praxis auch nur noch an vier halben Tagen geöffnet. Gleichzeitig haben wir einige Geschäftspartner um Stundung von regelmäßigen Zahlungen wie Miete, Leasing- und Tilgungsraten gebeten. Der Erfolg war unterschiedlich: Die einen reagierten gar nicht oder lehnten ab, andere zeigten durchaus Entgegenkommen. Sehr erfreulich war, dass die Corona-Soforthilfe des Landes Baden-Württemberg bereits eine Woche nach dem Antrag auf unserem Konto war."


 

"Wir sollten froh sein, dass wir überhaupt noch arbeiten dürfen."

Andreas Haag, Physiotherapeut in Stuttgart

"Uns geht es den Umständen entsprechend gar nicht so schlecht. Wir haben zwar nur noch eine Auslastung von knapp 50 Prozent, konnten uns aber durch Kurzarbeit ganz gut retten. Ich will deshalb gar nicht jammern. Denn im Gegensatz zu all den Geschäften, Cafés und Restaurants können wir wenigstens noch ein bisschen arbeiten. Dafür muss man dankbar sein! Ich bin generell ein positiver Mensch und finde es wichtig, dies an die Mitarbeiter weiterzugeben und nicht den Kopf in den Sand zu stecken. Zugegeben, die ersten Tage in der Krise konnte ich ebenfalls nicht schlafen. Denn die Fixkosten mit all den Leasingkosten, der Miete und den Lohnkosten sind natürlich erheblich. Als Unternehmer haftet man letztlich mit dem Privatvermögen. Aber wenn es so bleibt wie im Moment und nicht noch schlimmer wird, bin ich eigentlich sehr zufrieden. Auch weil ich zuversichtlich bin, dass die Krise nicht noch ewig dauert."


 

"Ich kam mir vor, wie ein Teilchen in einer Zentrifuge."

Ariane Willikonsky, Sprachtherapeutin in Stuttgart

"Die ersten zwei Wochen war ich davon überzeugt, dass wir das nicht schaffen können. Wir haben 40 Mitarbeiter an vier Standorten, unsere monatlichen Kosten sind so hoch, dass die Soforthilfe nur ein Tropfen auf dem heißen Stein war. Kurzarbeit haben wir trotzdem erst einmal vermieden, weil man als Logopäde ohnehin so wenig verdient. Aber ich fürchte, wenn es so weiter geht, wird dieser Schritt unvermeidlich sein. Etwas gerettet hat uns die Möglichkeit, Videotherapie anbieten zu können. Normalerweise würde so ein Transformationsprozess mindestens ein Jahr dauern, aber in der Krise haben wir das innerhalb von zwei Tagen aus dem Boden gestampft. Geholfen hat dabei, dass ich als Kommunikationstrainerin damit schon Erfahrung hatte. Die technischen Hürden waren trotzdem erheblich. Da rächt sich, dass Deutschland in Sachen Digitalisierung so weit hinterherhinkt."


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