Interkulturelle Kompetenz in der Praxis

Im Schnitt hat hierzulande jeder vierte Patient einen Migrationshintergrund. Was bedeutet das für den Praxisalltag?

Ob in Nepal oder in Ägypten – immer wenn Angelika Roschka als Ergotherapeutin im Ausland arbeitete, merkte sie, dass nicht alles, was sie in Deutschland gelernt hatte, eins zu eins übertragbar ist. Oder vielmehr: Dass das Gelernte nicht ausreicht und noch weitere Kompetenzen gefragt sind, wenn man es mit Menschen aus anderen Kulturkreisen zu tun hat. „Ich bin sehr oft an meine Grenzen gestoßen, war verunsichert und musste plötzlich improvisieren“, erzählt Roschka von ihren Auslandserfahrungen. Das hätte zwar einigermaßen funktioniert, aber nicht ihren eigenen Ansprüchen genügt. Zudem wären die Zweifel gewachsen, wie global die Methoden sind, die sie erst in der Ausbildung und später während ihres Bachelorstudiums erlernt hatte. Nicht zuletzt deshalb hängte sie noch ein Masterstudium dran – mit einer Masterarbeit zum Thema „Kulturelle Vielfalt in der Ergotherapie“ – und wurde Coach für interkulturelle Kompetenzen.

Denn man muss als Therapeutin gar nicht erst nach Nepal oder Ägypten fahren, um diese kulturelle Vielfalt zu haben. So leben inzwischen rund 20,8 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund in Deutschland, also Personen aus den unterschiedlichsten Kulturen und religiösen Kontexten. Knapp die Hälfte von ihnen gehört zur Bevölkerung mit eigener Migrationserfahrung, die andere Hälfte ist bereits hierzulande geboren und aufgewachsen. Doch insbesondere jene, die einen Teil ihres Lebens in einem anderen Kulturkreis verbrachten, haben zuweilen ganz andere Erfahrungen, Perspektiven und Wertvorstellungen. Je stärker sich dabei kulturelle und religiöse Überzeugungen unterscheiden, desto größer ist die Gefahr von Missverständnissen, Problemen und Konflikten. Auch wenn Roschka lieber von Herausforderungen spricht, um das Thema nicht von vornherein zu problematisieren, sind diese im Praxisalltag irgendwie anzupacken. Aber wie?

Häufig existieren unausgesprochene Erwartungen seitens der Patienten und Therapeuten, die leicht zu Missverständnissen führen.
Lidia Szabo, Physiotherapeutin und Sozialberaterin

Beispiel Kommunikation: Selbst wenn es keine Sprachbarriere gibt, heißt das noch lange nicht, dass man eine gemeinsame Sprache spricht. Denn Menschen senden Informationen auf die Art und Weise, wie sie es in ihrer Kindheit gelernt haben, und so, wie sie selbst Informationen wahrnehmen können. Das unterscheidet sich von Mensch zu Mensch teilweise ganz erheblich. „Es gibt Kulturkreise“, berichtet Roschka, „in denen eher indirekt kommuniziert wird.“ Da würde dann blumig, freundlich und sehr höflich gesprochen, ohne gleich auf den Punkt zu kommen. Dem Patienten ging es im Kontakt mit seinem Therapeuten auch gar nicht darum, sofort an Informationen zu kommen oder ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Vielmehr wolle er erst einmal eine Beziehungsebene aufbauen, bevor er einem fremden Menschen sein Herz öffnet und von den eigenen Beschwerden erzählt. „Dann muss ich mir als Therapeut einfach etwas Zeit nehmen und vielleicht erst einmal über das Wetter reden“, empfiehlt Roschka.

Deutsches Zeitempfinden ist kein internationaler Standard

Doch das ist leichter gesagt als getan. Denn wenn ein Therapeut mit seiner engen Taktung der Behandlungen eines nicht hat, dann ist es Zeit. Damit zu einem zweiten Beispiel für potentielle Probleme zwischen Therapeut und Patient. So sagt ein deutsches Sprichwort „Zeit ist Geld“. Dahinter steht ein monochromer Umgang mit der Zeit, in der sehr zeitsensibel agiert wird – alles möglichst schnell, pragmatisch und effizient. Doch es gibt Kulturen mit einem polychronen Umgang mit der Zeit, in dem Uhrzeiten allenfalls grobe Orientierungswerte und Termine nur eine unverbindliche Option sind. Symptomatisch für diese Kultur ist das arabische Sprichwort „Von zwei Dingen wurde uns unendlich viel gegeben: Sand und Zeit“.

Die Liste potentieller Herausforderungen lässt sich fortführen. So gibt es in verschiedenen Kulturkreisen ganz unterschiedliche Normen hinsichtlich des Schamgefühls oder ganz allgemein von Nähe und Distanz. Wenn es sich dann noch um zwei Personen unterschiedlichen Geschlechts handelt, kann es ganz schwierig werden – zumal für viele Behandlungen nun einmal eine körperliche Berührung nicht ganz unwichtig ist. Auch ein unterschiedliches Verständnis von Gesundheit, Krankheit und Behandlung kann zu Irritationen führen. Beispielsweise wenn man den Patienten erst einmal dafür sensibilisieren muss, dass er für die Genesung mitverantwortlich ist und dafür vielleicht auch zuhause Übungen machen soll.

„Häufig existieren unausgesprochene Erwartungen seitens der Patienten und Therapeuten, die mit einem anderen soziokulturellen Hintergrund leicht zu Missverständnissen führen können,“ weiß auch Lidia Szabo. Die Physiotherapeutin hat einen ähnlichen Werdegang wie Angelika Roschka. Auch sie hat sich nach ihrer Ausbildung weiter aus- und fortgebildet und in Österreich einen Masterabschluss in Interkulturelle Kompetenzen gemacht. Ganz auflösen könne man diese Missverständnisse vielleicht auch nicht immer, „sich darüber bewusst zu werden ist aber der erste Schritt“. Konkret sei hier Selbstreflexion gefragt und die Fähigkeit, sich für solche Situationen zu sensibilisieren. „Mit einfühlendem und nicht wertendem Verstehen – also Empathie – ist schon viel erreicht“, glaubt Szabo. Letztlich sei entscheidend, dass man bei jedem Patienten, egal ob mit oder ohne Migrationshintergrund, nicht nur das verletzte Körperteil, sondern den ganzen Menschen sehe.

5 häufige Probleme im interkulturellen Praxisalltag

1. Sprachkenntnisse
 Herausforderung Nummer 1: die Sprachbarriere. Dolmetscherdienste von Angehörigen führen zuweilen zu zusätzlichen Problemen.

2. Umgang mit Zeit
Unpünktlichkeit muss kein Zeichen für Respektlosigkeit sein, sondern hat oft nur etwas mit anderen Normen und Werten zu tun.

3. Kommunikation
Hierzulande ist eine sehr direkte Kommunikation üblich. Andernorts wird eher weich kommuniziert

4. Schmerz
Vorstellungen von Schmerz, Formen des Schmerzausdrucks und Ansichten zur (Schmerz-)behandlung unterscheiden sich je nach Kulturkreis teilweise erheblich.

5. Nähe/Distanz
Bei welchem Körperabstand fühle ich mich noch wohl? Wen lasse ich an meinen Körper? Nicht in jedem Kulturkreis ist das gleich.


 

„Jeder hat seine eigene Kultur“

Die Ergotherapeutin Angelika Roschka arbeitet als Coach für interkulturelle Kompetenzen. Ein Universalrezept für den Umgang mit Menschen aus anderen Kulturkreisen gibt es für sie nicht.

Das ganze Interview lesen Sie hier.


 


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