Interview mit Chantal Schwinger

Wie ist es, Physiotherapeutin eines Fußballvereins zu sein? Das erfahren Sie im ersten Teil unserer Reihe #PHYSIOVORORT mit Chantal Schwinger, Physiotherapeutin der Stuttgarter Kickers.


Wie lange arbeiten Sie bereits als Physiotherapeutin? War das schon immer Ihr Berufswunsch?

„Ich bin seit sieben Jahren Physiotherapeutin und habe meine Ausbildung damals an der IB in Stuttgart absolviert. Eigentlich wollte ich damals Medizin studieren, aber da der Schnitt fürs Studium nicht gereicht hatte, musste ich mir eine Alternative überlegen.  Diese war dann der Beruf der Physiotherapie – mit vielen Weiterbildungsmöglichkeiten.“


Wie sind Sie zum Profi-Sport gekommen?

„Vor vier Jahren haben wir in meiner alten Praxis die Laktat-Testungen für die Stuttgarter Kickers durchgeführt. Dabei habe ich mich wohl ganz gut angestellt und konnte ein gutes Bild abgeben, was dem Trainer anscheinend gefallen hat. Da eine Stelle im NLZ für die 2. Mannschaft frei geworden ist, habe ich mich dort als Physiotherapeutin beworben und auch den Job bekommen. Den Job habe ich dann Gott sei Dank bekommen und konnte schon nach wenigen Tagen dort anfangen. Als Physio der 2. Mannschaft und NLZ-Physioleitung habe ich begonnen, danach wurde die 2. Mannschaft abgemeldet. Mit der U19 ging es für mich dann weiter bis in die Junioren- Bundesliga. Vor zwei Jahren wurde ich dann in die 1. Mannschaft hochgezogen.“


Was ist das besondere an Ihrer Arbeit?

„Ich glaube, an Highlights mangelt es nicht bei uns im Verein oder generell im Fußball – egal, ob im Profi-Fußball oder im Amateur-Bereich. Jeder Tag ist ein Highlight für mich, denn man ist als Physiotherapeutin jeden Tag aufs Neue gefordert. Meine Aufgabe ist es, die Spieler Trainings- und Spielfähig zu machen – das ist eine Herausforderung, die ich liebe. Dafür ist das Gefühl und das Miteinander in einer Mannschaft einfach unbeschreiblich. Es ist eine ganz tolle Gemeinschaft, die einem auch wirklich viel gibt, man bekommt so viel zurück.“
 

Ich bin ein totaler Fan vom Flossing-Band. Man kann es mit dem Theraband vergleichen, es ist nur schmaler und von der Struktur deutlich fester. Gerade bei Pferdeküssen oder bei Hypertonus, also wenn die Muskulatur eine zu hohe Spannung hat, ist es ein Wundermittel.
Chantal Schwinger


Wie würden Sie die Zusammenarbeit zwischen Physiotherapeut und Arzt beschreiben?

„Die Zusammenarbeit mit den Ärzten kann ich in zweierlei Hinsicht beurteilen. Einmal im Profisport, da arbeite ich mit den Mannschaftsärzten Dr. med. Christian Mauch und Dr. Stefan Zeitler und mit unserem Internisten Dr. med. Suso Lederle zusammen. Wir stehen wöchentlich in Kontakt und tauschen uns aus. Haben wir einen verletzten Spieler, stehen uns unsere Mannschaftsärzte immer schnell zur Seite. Sie geben alles, um die Spieler so schnell wie möglich wieder spielfähig zu machen. Aber auch im Praxisalltag ist der Austausch sehr wichtig. Ich arbeite ja nicht nur bei den Stuttgarter Kickers, sondern auch im Athletic Solution Center. Auch dort arbeite ich bzw. wir mit Dr. med. Christian Mauch zusammen. Die Kommunikation zwischen Arzt und Therapeut ist sehr wichtig und wird immer wichtiger. Deshalb haben wir in unserer Reha verschiedene Programme, die uns unterstützen, das Beste für den Patienten rauszuholen. Wir können uns so über Befunde und Behandlungsergebnisse austauschen und sind immer up to date. Es geht schließlich um das Wohl des Patienten.“


Wie wichtig ist der Beruf des Physiotherapeuten?

„Die Physiotherapie ist sehr wichtig und nicht mehr wegzudenken in der heutigen Zeit. Da die Medizin sich immer weiterentwickelt, werden die Menschen auch immer älter und die körperlichen Probleme werden mehr. Da fängt es schon mit Rückenproblematiken an und geht über in Knie TEP, Hüft TEP uvm. Leider muss man sagen, dass der Beruf immer mehr zurückgeht. Das liegt zum einen daran, dass der Beruf nicht richtig gewürdigt wird und der finanzielle Aspekt spielt da natürlich auch eine gewisse Rolle. Die Ausbildung kostet einen gewissen Betrag, sodass sich viele diese nicht leisten können. Man sollte sich schnellstmöglich Gedanken machen etwas zu verändern, um den Fachkräftemangel zu stoppen.“


Jetzt haben Sie bereits den Fachkräftemangel angesprochen. Gibt es noch weitere Faktoren für dieses Problem?

„Der Fachkräftemangel hängt natürlich mit der Ausbildung zusammen. Sie ist teuer, lang und anspruchsvoll. Nicht jeder ist dem gewachsen bzw. und kann sich dies leisten. Man muss sich in drei Jahren sehr viel Wissen und Können aneignen. Was natürlich auch richtig und wichtig ist, da man später sehr viel Verantwortung gegenüber den Patienten hat. Deshalb ist auch die Weiterbildung sehr wichtig und man sollte sich nie ausruhen.
Dann gibt es natürlich auch einen weiteren wichtigen Punkt: Die Bezahlung. Wenn man sieht, was viele Therapeuten leisten, verdienen sie einfach deutlich zu wenig. Das sollte dringend geändert werden. Man trägt in diesem Beruf sehr viel Verantwortung, arbeitet viel und steckt viel Energie und Wissen rein und am Ende bekommt trotzdem die Dame an der ALDI-Kasse mehr.  Da stimmt die Relation eindeutig nicht.“


Was wünschen Sie sich in diesem Hinblick?

„Die Verbände überlegen sich, den Beruf des Physiotherapeuten zu akademisieren. Da habe ich aber eine andere Meinung dazu. Ich denke nicht, dass es unbedingt ein Studium sein muss, denn der Beruf hängt nicht vom Schulabschluss ab. Es geht um einen praktischen Beruf, bei dem man nah am Patienten arbeitet. Jeder, der diesen Wunsch hat, den Beruf auszuüben, sollte die Möglichkeit dazu bekommen. Am Ende geht es nicht um einen Schulabschluss, sondern darum, wofür man brennt. Und die Menschen, die dafür brennen, sollten unterstützt werden.“


Was ist die häufigste Verletzung bei Fußballern?

„Man muss sagen, dass im Fußball natürlich manche Verletzungen häufiger auftreten. Trotzdem ist jede Verletzung individuell. Natürlich kann man in etwa sagen, dass die häufigsten Verletzungen muskulär sind. Gerade die Hamstrings oder auch die Adduktoren werden oft überbelastet. Dabei liegt die Problematik aber nicht an den Strukturen, sondern am Becken bzw. dem unteren Rücken. Wichtig ist, den Körper als Ganzes zu betrachten und nicht nur die Körperstellen, an denen die Spieler Schmerzen haben. Man muss weiterdenken und das Problem behandeln und nicht das Symptom. Man kann viele Probleme schon mit kleinen Tricks behandeln.“


Wie sieht so ein Trick denn aus?

„Ich bin beispielsweise ein totaler Fan vom Flossing-Band. Man kann es mit dem Theraband vergleichen, es ist nur schmaler und von der Struktur deutlich fester. Gerade bei Pferdeküssen oder bei Hypertonus, also wenn die Muskulatur eine zu hohe Spannung hat, ist es ein Wundermittel. Man schnürt  das Band um die betroffene Stelle, ganz fest und stramm. Damit bewirkt man, dass man der Muskulatur Sauerstoff und Blut abzwickt und sie für ca. 30 Sekunden in die Unterversorgung bringt. Mit zusätzlicher Bewegung lässt man das Flossing-Band an der Stelle und wickelt es danach schnell wieder ab. Die Struktur wird danach deutlich besser durchblutet. Ich habe damit wirklich sehr gute Erfahrungen gemacht.“


Was ist beim Umgang mit Patienten besonders wichtig?

„Das Zwischenmenschliche. Sowohl beim Fußball, als auch in der Praxis. Gerade in der Praxis sind viele Patienten gestresst von der Arbeit oder auch vom Alltag, da gibt es nicht nur den körperlichen, sondern auch den psychischen Stress, den man gerne unterdrückt. Und das Zwischenmenschliche macht da sehr viel aus. Fasst der Patient Vertrauen zum Therapeuten und der Therapeut kann gut mit dem Patienten, dann ist das schon ein wichtiger Teil der Behandlung und führt auch meist zum größeren Behandlungserfolg.“

 

Chantal Schwinger

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