Mehr Digitalisierung wagen

Das Corona-Virus hat der digitalen Revolution ungeahnte Impulse verliehen. Jetzt müssen sie nachhaltig sein – und auch Heilmittelerbringer berücksichtigen. Ein Plädoyer von Dr. Jochen Pfänder, Geschäftsführer bei Optica.

Anfang des Jahres sagte Thomas Steffen, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium, bei der Eröffnung des Nationalen Fachkongresses Telemedizin, das Ministerium wolle „mehr Digitalisierung wagen“ und dabei „Tempo entwickeln“. Solche Worte waren nicht neu. Wir hatten sie in den vergangenen Jahren schon häufig von Seiten der Politik und Selbstverwaltung gehört, ohne dass die Digitalisierung des Gesundheitssystems nennenswert Fahrt aufgenommen hätte. Wie sehr Deutschland in diesem Bereich hinterherhinkte, zeigte schon der im November 2018 veröffentlichte Digital-Health- Index der Bertelsmann-Stiftung. In dem Bericht wurde der Digitalisierungsstand von insgesamt 17 nationalen Gesundheitssystemen verglichen. Deutschland landete auf dem vorletzten Platz; nur Polen war schlechter.
Was die Worte des Staatssekretärs im Gesundheitsministerium allerdings so besonders machen, und warum ich seine an Willy Brandt angelegte Formulierung „mehr Demokratie wagen“ hier gerne übernehmen möchte: Diesmal folgten in den darauffolgenden Wochen plötzlich mit einer Geschwindigkeit Taten, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Dabei waren die Werkzeuge, um die Chancen der Digitalisierung auch im Gesundheitsbereich zu nutzen, natürlich bereits seit Jahren vorhanden. Nur die Notwendigkeit sie anzuwenden, fehlte offenbar bislang. Es ging schließlich auch ohne Computer und Smartphone, ohne Digitalisierung und Vernetzung. Das galt für Apotheker, Ärzte und Heilmittelerbringer gleichermaßen.

Jetzt zeigen sich die Versäumnisse aus der Vergangenheit

Durch das Gebot des Social Distancing im Zuge der Corona-Pandemie änderte sich das ab März von heute auf morgen. Wo eben noch Face-to-Face unersetzbar schien, war plötzlich die Videokonferenz das Mittel der Wahl. Wo eben noch der Deutsche nicht vom gewohnten Bargeld lassen wollte, akzeptierte er nun anstandslos das Zahlen per EC- oder Kreditkarte. Nur am Papierrezept hält er noch fest. Das allerdings mehr erzwungenermaßen als selbstgewählt – doch dazu später.
Bleiben wir zunächst bei der Therapie per Videokonferenz, die für viele Praxisinhaber in den vergangenen Wochen die einzige Möglichkeit war, den Betrieb zumindest ein Stück weit aufrechtzuhalten. Das ist durchaus beachtlich! Zum einen, weil viele Therapeuten zuvor einer solchen Behandlung eher skeptisch gegenüberstanden oder sie gar ablehnten. Zum anderen, weil die Einführung einer solchen Innovation und des damit verbundenen Transformationsprozesses normalerweise eine Sache von Monaten oder gar Jahren ist. Dafür kann sich die Branche durchaus auf die Schulter klopfen und auch der Politik gebührt Anerkennung, dass sie so schnell und pragmatisch gehandelt hat.

Allerdings, und das muss ebenfalls gesagt werden, zeigten sich in dem Prozess auch die Versäumnisse der Vergangenheit: Mitarbeitern mangelte es sowohl am Equipment als auch am Know-how. Die Systeme der IT-Anbieter brachen aufgrund der hohen Nachfrage zusammen. Vor allem aber rächte sich, dass der Breitbandausbau so sträflich vernachlässigt wurde. Wohl dem, der in einem Ballungsgebiet die Freuden einer stabilen und leistungsstarken Internetverbindung genießt – alle anderen müssen sich damit abfinden, dass ihre Behandlung durch den Therapeuten per Video auch schon einmal abbricht, sofern sie überhaupt zustande kommt.
Besonders erfreulich ist für mich allerdings, dass sich heute so viele Patienten offen gegenüber der Digitalisierung zeigen. Noch vor kurzem sah das anders aus: Nach einer Umfrage von Statista Survey im vergangenen Sommer konnten sich nur neun Prozent der Befragten für telemedizinische Untersuchungen (digitale Fernuntersuchung, -diagnose und -überwachung) erwärmen. Auch eine Online-Sprechstunde wollte nur etwas mehr als jeder Fünfte nutzen. Dass sich diese Skepsis so schnell in Luft auflöste, ist durchaus bemerkenswert – wenngleich mit dem Unbehagen nicht unbedingt genauso schnell das Unvermögen wich. So berichtete mir neulich eine Praxisinhaberin, dass manch älterer Patient doch erhebliche Schwierigkeiten mit der Technik habe. Selbst das Kopieren eines Passwortes sei eine scheinbar unüberwindliche Hürde, sagte sie. Da würden Fehler gemacht, auf die man als halbwegs digital affiner Mensch gar nicht komme.
Zu hoffen ist, dass die Corona-Pandemie uns jetzt tatsächlich zum digitalen Crash-Kurs zwingt – und zwar in allen Bereichen. Ja, dass es mehr ist als ein Strohfeuer. Denn Deutschland verschenkt durch die mangelnde Digitalisierung im Gesundheitswesen extrem viel Potenzial – wie es kürzlich der Vorsitzende des Sachverständigenrats zur Entwicklung im Gesundheitswesen, Prof. Dr. Ferdinand Gerlach, gegenüber dem Deutschlandfunk ausdrückte: Man habe hierzulande immer noch den Fax-Standard, was nicht nur etwas peinlich sei, sondern auch langsam, fehleranfällig und somit gefährlich.

Anbindung an die Telematikinfrastruktur nur ein erster Schritt

Einen großen Schritt nach vorne machen wir daher, wenn wir künftig in Hessen für den Ärztlichen Bereitschaftsdienst auch eine Videosprechstunde mit eRezept anbieten können. Ein Pilotprojekt, bei dem Optica für die technische Entwicklung verantwortlich zeichnet, ist gerade gestartet (siehe Seite 12). Wir sind sehr froh, hier unsere Expertise zur Verfügung stellen und unseren Beitrag zur Digitalisierung des Gesundheitswesens leisten zu können. Gleichzeitig sind wir aber auch etwas traurig, dass unsere Kernzielgruppe – die Physio- und Ergotherapeuten sowie die Logopäden – in dem Projekt bislang noch außen vor ist. Wie so oft! Denn leider werden die Heilmittelerbringer viel zu selten an Fragen zur Digitalisierung beteiligt. Wenn ab Juli nächsten Jahres die ersten Physiotherapeuten an die Telematikinfrastruktur – also das digitale Datennetzwerk der Gesundheitsbranche – eingebunden werden können, ist das allenfalls nur ein erster Schritt. Denn was ist mit den Ergotherapeuten und Logopäden? Überhaupt: Wie sollen sich die Therapeuten authentifizieren, wenn es bis dato keinen elektronischen Heilberufeausweis und noch nicht einmal ein elektronisches Gesundheitsberuferegister gibt?
Es gibt viel zu tun. Für Politik und Selbstverwaltung. Für Therapeuten und Praxisinhaber. Und selbstverständlich auch für uns. Deshalb bleiben wir als Unternehmen auch weiterhin an dem Thema dran und werden Ihnen schon bald in einem neuen Pilotprojekt zeigen, wie nach unserer Vorstellung Heilmittelerbringer an der digitalen Revolution im Gesundheitswesen teilhaben können. Denn die Digitalisierung – und damit muss ich den oben genannten Slogan etwas relativieren – sollten wir eher als eine Verpflichtung als ein Wagnis verstehen. Denn wäre es nicht ein viel größeres Wagnis, nicht auf die Digitalisierung unserer Branche zu setzen?

Zu hoffen ist, dass die Corona-Pandemie uns jetzt tatsächlich zum digitalen Crash-Kurs zwingt – und zwar in allen Bereichen.
Dr. Jochen Pfänder, Geschäftsführer bei Optica

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