Mehr Wissenschaft!

Prof. Dr. Kerstin Lüdtke möchte als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft mehr erreichen als nur eine Akademisierung der Heilmittelberufe.

Die Physiotherapie gibt es schon sehr lange. Warum muss man daraus – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Wissenschaft machen?
Nur weil etwas sehr alt ist, hat es ja nicht zwingend eine Berechtigung. In einer Welt, in der gerne auch einmal etwas eingespart und gekürzt wird, muss es für jeden Physiotherapeuten wichtig und beruhigend sein, wenn man die Wirksamkeit seines Tuns wissenschaftlich belegen kann. Als Therapeut hat man es natürlich oft mit dankbaren Patienten zu tun, aber ob eine bestimmte Behandlung tatsächlich etwas bringt, wissen wir nur, wenn wir sie systematisch auswerten. Dazu brauchen wir Wissenschaft.

Aber dafür benötigen wir ja nicht zwangsläufig eine Physiotherapiewissenschaft in Deutschland.
Natürlich können wir Wissenschaft und Forschung auch weiterhin den Kollegen aus dem Ausland oder den Medizinern hierzulande überlassen. Ich bin jedoch der Meinung, dass wir als Physiotherapeuten auch in Deutschland wissenschaftlich arbeiten sollten. Wenn wir uns nur als Helferlein verstehen, dann können wir das ruhig weiter andere für uns erledigen lassen. Aber, wenn wir uns als Therapeuten auf Augenhöhe mit den Ärzten als selbstbewusste Profession verstehen wollen, müssen wir das schon selbst machen. Und da geht es mir auch nicht darum, dass wir Physiotherapeuten bei den Studien nur irgendwie beteiligt sind, sondern wir müssen die ganze Studie wissenschaftlich planen und eigenständig umsetzen. Alles andere geht komplett gegen mein Selbstverständnis.

Sie selbst leiten deutschlandweit in Lübeck den ersten Studiengang für Physiotherapie, der nicht an einer FH, einer Hochschule für angewandte Wissenschaften, unterrichtet wird, sondern an einer Universität. Aber gibt es denn eine angewandtere Disziplin als die Physiotherapie?
Diese skeptische Nachfrage höre ich öfter. Dabei ist jeder Orthopäde, auch jeder andere Arzt, letztlich ein Handwerker. Sie alle werden an Universitäten ausgebildet. Nur bei den Heilmittelberufen meint man plötzlich, das würde nicht passen. Außerdem ist es ja auch nicht so, dass wir bei uns nur verkopfte Professoren heranzüchten, die nicht in der Lage sind, einen Patienten zu behandeln. Auch wir halten uns an die Ausbildungs- und Prüfungsverordnung, sodass jeder Student genauso viel Praxisunterricht am Patienten hat wie ein Schüler einer Fachschule. Der Unterschied ist, dass die ganze akademische Ausbildung noch on-top kommt. Das heißt, ein Student muss einfach mehr machen, um nicht nur ein Staatsexamen, sondern auch seinen Bachelor zu bekommen.

Was ist bei Ihnen in Lübeck noch anders – auch im Vergleich zu anderen Hochschulen?
Einen großen Vorteil sehe ich darin, dass wir in der medizinischen Fakultät integriert sind und die Studierenden zum Teil auch gemeinsam unterrichtet werden. Dadurch haben sie die Möglichkeit, sich sehr eng zu vernetzen – mit Ärzten, mit Therapeuten andere Disziplinen, mit Hebammen- und Pflegewissenschaftlern. Nicht zuletzt wird hier auch ein Grundstein für eine interprofessionelle Kommunikation im späteren Berufsleben gelegt.

Was unterscheidet einen Bachelorstudenten Ihrer Ansicht nach ansonsten von einem Schüler einer Fachschule? Und benötigen wir überhaupt so viele Physiotherapiewissenschaftler?
Wenn man an einer Hochschule einen Bachelor macht, ist man ja noch kein Wissenschaftler. Da ist man nur eine Person, die in der Lage ist, wissenschaftliche Publikationen zu finden, zu lesen und zu verstehen. Zu einem Wissenschaftler wird man dann erst nach dem Master oder eben nach der Promotion. Das heißt auch, dass eine Akademisierung, die die Ausbildung nur auf ein Fachhochschulniveau bringen würde, noch nichts mit einer Verwissenschaftlichung zu tun hätte, die wir fordern. Trotzdem ist das natürlich ein wichtiger erster Schritt, damit die Therapeuten einen direkten Zugang zu wissenschaftlichen Erkenntnissen haben und nicht nur darauf angewiesen sind, was ihnen gerade so auf dem Fortbildungsmarkt aufgetischt wird.

Sie und die Deutsche Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft möchten dafür sorgen, dass es noch mehr dieser wissenschaftlichen Erkenntnisse gibt. Wo sehen Sie da für Deutschland Nachholbedarf?
Es müssen hier erst einmal die Strukturen geschaffen werden. Andere Länder wie England, Neuseeland und Australien, in denen Physiotherapeuten grundsätzlich eine akademische Ausbildung haben, sind da natürlich viel weiter. Deshalb versuchen wir als Gesellschaft erst einmal Aufbauarbeit zu leisten und dafür zu sorgen, dass zum Beispiel mehr Physiotherapeuten promovieren. Oder wir helfen dabei, wenn jemand wissenschaftlich arbeiten und dafür Drittmittel beantragen möchte.

Darüber hinaus möchten Sie die Verknüpfung von Lehre und Versorgung fördern.
Ja, aber das ist ein grundsätzliches Problem, überall auf der Welt. Also die Translation von dem, was Wissenschaftler in ihrem Elfenbeinturm machen und dem, was in der Praxis passiert. Das ist natürlich für beide Seiten sehr schade, wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse nicht Einzug in die Praxis finden. Dagegen wollen wir angehen. Zum Beispiel, indem wir einmal im Jahr ein Symposium ausrichten, in dem wir an Wissenschaft interessierte Physiotherapeuten über neue wissenschaftliche Erkenntnisse auf dem Laufenden halten.

Ihr Ziel ist die Stärkung einer evidenzbasierten Handlungsweise in der Versorgung. Es gibt aber Therapeuten die überzeugt davon sind, dass sie die Evidenz ihrer Behandlung ausreichend bewiesen hätten und sich nicht reinreden lassen wollen.
Die wissenschaftliche Evidenzlage zur physiotherapeutischen Behandlung ist eher dünn. Von daher wäre es ja sehr begrüßenswert, wenn ein Therapeut die Evidenz seiner Behandlung mal tatsächlich nachgewiesen hätte, er also belegen könnte, dass seine Behandlung mehr bewirkt hat als die berühmte Merci-Schachtel – also die persönliche Zuwendung. Das Problem ist, dass die meisten Praxisinhaber davon zwar überzeugt sind, es aber nicht beweisen können, weil sie meinen, für eine systematische Auswertung – und wenn es auch nur ein Fragebogen am Ende Behandlung ist – nicht ausreichend Zeit zu haben.

Aber es gibt auch Praxen, die ihre eigenen Leitlinien haben, sodass zumindest innerhalb der Praxis einheitlich therapiert wird. Was halten Sie davon?
Die Frage ist, ob diese Leitlinien nur die Vorlieben des Praxisinhabers widerspiegeln, oder ob sie auf dem basieren, was die Wissenschaft zu Verfügung stellt. Wenn zum Beispiel bei Kreuzschmerzen in der nationalen Versorgungsleitlinie steht, dass thermische Modalitäten und Strom nicht funktionieren, dann wäre es natürlich gut, wenn in der Leitlinie der Praxis nicht stünde, dass jeder Patient erst einmal eine Wärmepackung bekommt.

Geht dann aber nicht die Behandlungspluralität verloren? Es gibt ja auch Praxen, die gezielt darauf setzen, dass jeder ihrer Therapeuten anders behandelt, sodass jeder Patient den passenden Therapeuten bekommen kann.
Dieser Ansatz muss gar nicht grundsätzlich verkehrt sein, denn eine evidenzbasierte Behandlung heißt ja nicht, dass nur eine Behandlungsart zum Erfolg führt. Es kann durchaus möglich sein, dass mehrere Wege zum Erfolg führen. Und wenn ein Patient einen passenden Therapeuten bekommt, dem er vertraut und bei dem er sich gut aufgehoben fühlt, ist das erst einmal sehr positiv. Schließich resultieren erwiesenermaßen 30 Prozent der Wirkung aus einer Aktivierung der Selbstheilungskräfte des Patienten und da vermeide ich ganz bewusst den Begriff Placebo-Effekt, weil der so negativ besetzt ist.

Ihr eigenes Steckenpferd ist das Screening. Warum ist Ihnen das Thema so wichtig?
Ich habe in England vier Jahre lang im Erstkontakt gearbeitet und musste dabei leider feststellen, dass ich dafür gar nicht ausgebildet war. Der große Vorteil eines Physiotherapeuten gegenüber einem Arzt ist doch, dass er den Patienten über einen Verlauf sehen kann. Wir sehen ihn also nicht nur an einem Termin, sondern meist mehrmals über mehrere Wochen. Das heißt, wir können die Entwicklung eines Patienten und seiner Beschwerden ganz anders beobachten. Wenn wir entsprechend im Screening ausgebildet sind, können wir ganz anders reagieren und zum Beispiel auch ernsthafte Pathologien erkennen und schnell und gezielt in die medizinische Diagnostik zurückführen.

Nicht zuletzt deshalb sind Sie auch für einen Direktzugang?
Ja, ich bin ein großer Verfechter des Direktzugangs – aber eben auch unter der Voraussetzung, dass die Therapeuten dafür besser ausgebildet werden.

Gerade das ärgert so viele Therapeuten, die jahrelange Erfahrung in der Behandlung von Patienten haben und jetzt sollen irgendwelche Hochschulabgänger plötzlich besser diagnostizieren können.
Klinische Erfahrung ist von unschätzbarem Wert und lässt sich durch eine theoretische Ausbildung nicht ersetzen. Hier wäre ja durchaus auch ein Modell vorstellbar, dass solch erfahrene Therapeuten nur noch eine kurze Zusatzausbildung machen, wie es ja auch beim Selektiven Heilpraktiker bereits der Fall ist.

Bei vielen der angesprochenen Themen scheint in der vergangenen Zeit einiges in Bewegung gekommen zu sein. Wie ist Ihre Einschätzung: Ist Deutschland auf dem richtigen Weg?
Es sind einige Entscheidung getroffen worden, die für Physiotherapeuten richtig und wichtig waren. In Bezug auf die Akademisierung gibt es aber auch einige Signale, die nicht unbedingt Mut machen. So spricht sich Gesundheitsminister Jens Spahn ja ausdrücklich gegen eine Vollakademisierung aus und auch die Schulgeldbefreiung und die Vergütung von Ausbildungen sehe ich skeptisch.

Warum das?
Weil man hier auf das falsche Pferd setzt und das zementiert, was wir nicht wollen. Wenn wir den Beruf des Physiotherapeuten attraktiver machen wollen, dann sollten wir nicht die Ausbildung in irgendwelchen privaten Fachschulen fördern, sondern dafür sorgen, dass Therapeuten konsequent an Hochschulen ausgebildet werden. Und natürlich auch, dass man danach auch mit seinem Beruf angemessen Geld verdient. Das sind für mich die Schrauben, an denen man drehen müsste.

Ich bin ein großer Verfechter des Direktzugangs – aber eben auch unter der Voraussetzung, dass die Therapeuten dafür besser ausgebildet werden.
Prof. Dr. Kerstin Lüdtke, Professorin für Physiotherapie an der Universität zu Lübeck und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Physiotherapiewissenschaft

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