Mit der Lizenz zum Heilen

Mit der Zusatzqualifikation des sektoralen Heilpraktikers dürfen Therapeuten auch ohne ärztliche Verordnung ihre Patienten behandeln. Nicht jeder ist davon begeistert.

Nach der Ausbildung zum sektoralen Heilpraktiker wagte Jörn Pape den Schritt in die Selbstständigkeit. In diesem Sommer hat er in Sulingen seine eigene Praxis eröffnet. Zuvor war der Physiotherapeut fast 25 Jahre am Marienhospital Wesel angestellt. „Als Heilpraktiker biete ich meinen Patienten den Vorteil, dass ich sie ohne ärztliche Verordnung und entsprechender Wartezeit direkt behandeln kann“, freut sich Pape. „Das kommt gut an!“

Sein Angebot gilt nur für Privatpatienten und Selbstzahler. Aber immerhin, selbst das war bis vor kurzem nicht möglich. Der Gesetzgeber habe mit dieser, auf einzelne Teilbereiche beschränkten, also sektoralen Heilpraktikererlaubnis eine „Krücke“ geschaffen, wie es der Gesundheitspolitiker Roy Kühne (CDU) ausdrückt – solange es den Direktzugang noch nicht gibt und „um ein bisschen das zu legalisieren, was ja ohnehin schon da draußen gelebt wird“. Seit rund zehn Jahren gilt die sektorale Heilpraktikererlaubnis für Physiotherapeuten, etwas später folgten die Podologen. Nachdem Ergotherapeuten und Logopäden vor Gericht zogen, können diese nun seit rund zwei Jahren ebenfalls eine entsprechende Ausbildung machen.

Der sektorale Heilpraktiker ist aus Sicht des Verbandes ein Zwischenschritt auf dem Weg zum Direktzugang. Er verschafft übergangsweise Vorteile für alle Therapeuten, die im Selbstzahlerbereich Leistungen anbieten wollen.
Deutscher Verband für Physiotherapie (ZVK)

So berichtet Pape, dass er für seine Lizenz zur heilpraktischen Behandlung an einem fünftägigen Kurs bei einem Anbieter in Aurich teilnehmen musste. Dort lernte er bestimmte gesetzliche Rechtsgrundlagen sowie Methoden, um die Beschwerden der Patienten sicher beurteilen zu können. Die Befugnisse eines sektoralen Heilpraktikers sind sehr begrenzt. Deshalb muss er vor allem wissen, was er rechtlich darf und was nicht. Zum Abschluss seiner Fortbildung musste Pape eine schulinterne Prüfung machen, eine Kursgebühr in Höhe von rund 650 Euro bezahlen und zu guter Letzt einen Antrag beim örtlichen Gesundheitsamt stellen. Mehr als 2500 Personen haben laut Angaben der Auricher Heilpraktikerschule auf ihrer Website bereits die Ausbildung zum sektoralen Heilpraktiker abgeschlossen.

Leitlinien zur Heilpraktikerprüfung für mehr Gerechtigkeit

So leicht wie in Aurich ist die Zulassung nicht in allen Bundesländern zu erlangen. Aufgrund der individuellen Durchführung in den verschiedenen Bundesländern spricht man schon von einem Erlaubnistourismus. So sollen zum Beispiel einige hessische oder württembergische Therapeuten für eine kurze Zeit ihren ersten Wohnsitz in Berlin, Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen anmelden, wo es in Sachen Genehmigung etwas entspannter zugeht. Um hier für eine gewisse Angleichung zu sorgen, trat im März vergangenen Jahres die neue Leitlinie zur Heilpraktikerprüfung in Kraft. Diese Verfahrensempfehlung sieht unter anderem vor, dass nach Antrag auf Erteilung der sektoralen Heilpraktikererlaubnis mindestens eine mündliche sowie eine schriftliche Kenntnisprüfung durch den Antragsteller erbracht wird. Insgesamt sollen die Prüfungen praxisbezogener werden. Vor allem der mündliche Teil soll nun auch praktische Fertigkeiten und nicht nur Wissen prüfen. Allein: Nach Recherchen von „Zukunft Praxis“ haben sich diese Leitlinien noch nicht durchgesetzt oder sind teilweise gar nicht bekannt.

Kritik am sektoralen Heilpraktiker gibt es indes von unterschiedlicher Seite. So auch von Seiten der klassischen Heilpraktiker. Diese fürchten, dass diese „beschränkten“ Heilpraktiker ihren Ruf ruinieren könnten. „Der Titel verkommt zu einem Ramschtitel, der zum Dumpingpreis zu haben ist“, ärgert sich zum Beispiel Karl-Ludwig Sommer. Zwar bietet auch er mit seiner Europäischen Akademie für Gesundheitsförderung entsprechende Ausbildungen für Physiotherapeuten, Podologen, Ergotherapeuten und Logopäden an, allerdings offenkundig nur mit großen Bauchschmerzen: „Eigentlich müsste die Ausbildung viel länger dauern, damit die Physiotherapeuten als Heilpraktiker ihre Patienten wirklich ganzheitlich diagnostizieren und behandeln können.“

Das spricht für die Zusatzausbildung:

- Kurze und kostengünstige Ausbildung

- Direkter Zugang zu Privatpatienten und Selbstzahlern

- Möglichkeit zum Zusatzverdienst

- Umsatzsteuerbefreiung

Ärzte plädieren für Fachheilpraktiker

Ähnlich kritisch sehen das Teile der Ärzteschaft wie der Münsteraner Kreis, der sich vor zwei Jahren in einer Streitschrift für eine grundlegende Reform des Heilpraktikerberufs aussprach. Dabei plädieren die Mediziner zwar durchaus für einen derartigen Fachheilpraktiker – im Unterschied zu dem „bisherigen Heilpraktiker mit seinem problematischen Globalzuschnitt“ –, allerdings nur, wenn diese fachspezifische Zusatzausbildung auf Fachhochschulniveau sei, die auch entsprechend qualifiziert. „Die heutige Praxis konterkariert jegliche Bemühungen, den Beruf zu akademisieren, und stellt im Zweifelsfall auch eine Gefahr für Patienten dar“, befürchtet Prof. Dr. Jutta Hübner, stellvertretende Vorsitzende des Münsteraner Kreises. Zurück nach Sulingen in die neue Praxis von Jörn Pape. Er ist davon überzeugt, dass ihm nach 25 Jahren Berufspraxis niemand mehr die Kompetenz absprechen sollte, seine Patienten ordentlich zu diagnostizieren und zu behandeln. Er sieht hier vor allem die Chancen für die Therapeuten, entweder um sich neben dem Kassengeschäft ein zweites Standbein aufzubauen oder um sich ausschließlich auf Privatpatienten auszurichten. Zumindest so lange, bis der Gesetzgeber den Direktzugang zu allen Patienten ermöglicht.


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