Mitarbeiter, wo seid ihr?

Neue Mitarbeiter zu finden, ist die große Herausforderung für Praxisinhaber. Der Wettbewerb um gute Kräfte ist enorm. Professionelles Personalmarketing lautet die Lösung. Warum Zeitungsannoncen nicht mehr ausreichen.

Meine Praxis, mein Team, meine Benefits – wer heutzutage neue Mitarbeiter für sein Praxisteam gewinnen möchte, darf mit attraktiven Anreizen nicht geizen. Therapeuten in der Heilmittelbranche sind heiß begehrt. Praxisinhaber müssen bei der Mitarbeiterakquise ihre ganze Kreativität unter Beweis stellen. Nur Stellenanzeigen zu schalten, ist schon lange nicht mehr ausreichend. Davon kann Frank Rothe ein Lied singen. „In den letzten zwei Jahren habe ich immer wieder in den verschiedenen Zeitungen und Zeitschriften annonciert“, erzählt der 61-Jährige. Das Ergebnis: Keine einzige Bewerbung. Wenn das so weitergeht, müsse er wohl nach mehr als 20 Jahren eine seiner beiden Physiotherapiepraxen in Dessau schließen, berichtet er. Das sei frustrierend, denn: „Patienten haben wir mehr als genug. So viel, dass wir immer wieder welche wegschicken müssen.“

Rothe ist mit diesem Problem nicht allein. Selbst wenn nicht alle Praxen davon gleich stark betroffen sind, handelt es sich doch um ein flächendeckendes Problem bei den Heilmittelberufen. So antworteten zum Beispiel bei einer Umfrage des Verbands für Physiotherapie e. V. (ZVK) zusammen mit dem Verband Physikalische Therapie e. V. (VPT) rund 70 Prozent der Praxen, dass sie kontinuierlich nach neuen Mitarbeitern suchen würden.

Im Dezember 2018 vermeldete die Bundesagentur für Arbeit in ihrer halbjährlich erscheinenden Fachkräfteengpassanalyse, dass eine freie Stelle in der Physiotherapie im Durchschnitt 157 Tage lang unbesetzt bleibt – das sind 50 Tage länger als die durchschnittliche Vakanz in anderen Berufsgruppen. Die Engpässe bei den Heilmittelberufen sind keine Neuigkeit. Bei den Physiotherapeuten sind seit Dezember 2016 fortlaufend Engpässe zu verzeichnen, bei den Podologen seit einem Jahr und bei den Sprachtherapeuten seit rund einem halben Jahr.

Der Wettbewerb findet nicht mehr um die Patienten statt

Diese Zahlen zeigen: Der wichtigste Wettbewerb findet heute nicht mehr um die Patienten statt, sondern um die Mitarbeiter. Während früher die Therapeuten einen Arbeitgeber suchten, müssen heute die Praxisinhaber aktiv um neue Mitarbeiter werben. Das zeigt auch ein Blick in die Stellenbörsen im Internet, wo es vor Stellenangeboten nur so wimmelt. Was also tun, wenn man als Praxisinhaber einen Mitarbeiter sucht? Normalerweise würde man raten, diese mit höheren Gehältern zu ködern. Doch bei den Heilmittelberufen funktioniert dieser Mechanismus heute nur noch bedingt. Denn ob Physiotherapie oder Podologie, ob Ergotherapie oder Logopädie – die Vergütung der Leistung durch die Krankenkassen setzt den Praxen enge Grenzen.

Für den auf Therapiepraxen spezialisierten Unternehmensberater Ralf Jentzen erfordert eine erfolgreiche Mitarbeiterrekrutierung heute deshalb eine professionelle, strategische und langfristige Herangehensweise. Er stellt klar: „Ohne Aufwand kein Ertrag!“ Vor allem müsse man das machen, was Experten als Personalmarketing bezeichnen, also eine gezielte Marketingstrategie, um Mitarbeiter zu gewinnen und auch zu binden. Der (potentielle) Mitarbeiter wird bei diesem Ansatz als Kunde betrachtet – und der ist bekanntlich König. Das heißt, nicht nur der potentielle Arbeitnehmer muss sich von seiner besten Seite zeigen, Zeugnisse und Referenzen vorweisen, sondern ebenso der Arbeitgeber. Er muss seine Praxis so attraktiv und einladend positionieren, dass der Bewerber hier gern arbeiten möchte. Mit einem netten Team, in einem schönen Ambiente, unter guten Arbeitsbedingungen – und natürlich mit einem Chef, der die Arbeit seines Teams wertschätzt und es zu führen versteht.

Die Patienten kommen von alleine. Was uns fehlt sind die Mitarbeiter
Frank Rothe - Inhaber von zwei physiotherapeutischen Praxen in Dessau

Bei der Mitarbeitergewinnung ist Strategie gefragt

Diese nichtmonetären Anreize in der Mitarbeitermotivation haben zudem den großen Vorteil, dass alle Mitarbeiter, auch die schon länger im Team arbeiten, davon profitieren und dem Unternehmen auf lange Zeit erhalten bleiben. Es gilt nämlich der alte Grundsatz: Mitarbeiterbindung vermeidet Fachkräftemangel. Wie erreicht man nun, dass ein potentieller Mitarbeiter auf die eigene Praxis aufmerksam wird? Leider gibt es kein Patentrezept. Wichtig ist, dass über viele Kanäle kommuniziert und möglichst breit gestreut wird, dass man auf der Suche nach neuen Mitarbeitern ist. „Je mehr sie [Anm. d. Red. Praxisinhaber] die Information verbreiten, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein potentieller Kandidat von der offenen Stelle erfährt“, weiß Unternehmensberater Jentzen. Er empfiehlt, neben klassischen Stellenanzeigen in Fachmagazinen, lokalen Zeitungen und Infoboards von Therapieschulen und -hochschulen die Möglichkeiten des Internets zu nutzen. Hier gibt es viel mehr Möglichkeiten als nur die einschlägigen Online-Jobbörsen, sondern auch über die eigene Website und soziale Medien. Das persönliche Netzwerk und das der Mitarbeiter sei ein wichtiger Marketingkanal: „Ich habe zum Beispiel Klienten, die bezahlen ihren Mitarbeitern für die erfolgreiche Vermittlung einer Arbeitskraft eine Prämie“, so Jentzen.

Mitarbeiterführung und -bindung sind enorm wichtig. Denn dann erfolgt die Mitarbeitersuche im günstigsten Fall nur aus Wachstumsgründen.
Ralf Jentzen - Unternehmensberater und Coach

Zurück nach Dessau. Auch Frank Rothe hat in den vergangenen Jahren einige Mitarbeiter verloren. Dass es nicht an ihm und seiner Praxis liegt, hat ihm Sachsen-Anhalts Landesarbeitsministerin Petra Grimm-Benne bestätigt. Sie kam Anfang des Jahres persönlich vorbei, um ihm das Landessiegel „Hier fühle ich mich wohl“ für mitarbeiterorientierte Unternehmen zu überreichen. Erhalten hat er die Auszeichnung nach einer ausgiebigen Befragung seines Teams und durch die Zusammenarbeit mit der Landesinitiative „Fachkraft im Fokus“, die Unternehmen dabei berät, weiter erfolgreich zu bleiben. Ob all das etwas bringt? „Das weiß ich noch nicht“, antwortet Rothe. Einen Erfolg hat das Siegel auf jeden Fall gebracht: Bei Frank Rothe hat sich eine neue Bewerberin gemeldet.


Branchen-News automatisch in Ihr Postfach

Geänderte gesetzliche Vorgaben, aktuelle Absetzungen, spannende Events: Wir bringen Wissenswertes per E-Mail für Sie auf den Punkt – immer Mitte des Monats und bei besonderen Ereignissen auch ganz aktuell.  

Jetzt anmelden



Funktionalität eingeschränkt! Bitte aktivieren Sie JavaScript.