„Nur schimpfen reicht nicht“

Roy Kühne wurde Politiker, um etwas zu verändern. Für die Therapeuten und für die Patienten, die von ihnen behandelt werden. Mit dem Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) ist er diesem Ziel einen Schritt näher.

Herr Kühne, Sie waren Sport- und Biolehrer und haben sogar promoviert. Wie kam es dazu, dass Sie noch eine Weiterbildung zum Physiotherapeuten gemacht haben?
Das ist einfach ein sehr schöner Beruf! Die Arbeit am und mit dem Patienten. Die Dankbarkeit, wenn man mit seiner Arbeit erfolgreich war. All das hat mir sehr gefallen. Außerdem fand ich es reizvoll, die Erkenntnisse aus der Sportwissenschaft in die Therapie zu übertragen. Dieser Ansatz, genauso wie allgemein die Arbeit mit Sequenztrainingsgeräten, war vor 20 Jahren ja noch sehr neu. Damals gab es meist nur den Physiotherapeuten mit seiner Bank, auf der man dann seine Übungen gemacht hat.

Was hat Sie dann dazu getrieben, noch einmal den Beruf zu wechseln und Politiker zu werden?
Das waren die ganzen Missstände, die ich damals am eigenen Leib erfahren musste, und die persönliche Frustration, die damit verbunden war. Ein ehemaliger Bundestagsabgeordneter hat damals zu mir gesagt, dass ich nichts erreiche, wenn ich nur schimpfe. Ich müsse mich selbst politisch engagieren. Und das habe ich dann auch 2005 begonnen.

Und wenige Jahre später saßen Sie im Bundestag ...
... mit der Verantwortung für genau dieses Thema. Ja, das war schon ein großes Glück.

Wie ist Ihre Bilanz nach sechs Jahren als Abgeordneter?
Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir erreicht haben. In den letzten sechs Jahren wurde an der Situation der Therapeuten um Längen mehr verbessert als in den 20 Jahren zuvor. Es gibt ja nicht umsonst den Fachkräfteoder Therapeutenmangel. Als ich dann als junger Abgeordneter in meiner ersten Legislaturperiode das Heilund Hilfsmittelversorgungsgesetz (HHVG) durchbringen konnte, war das – so ein Zitat des damaligen Gesundheitsministers Hermann Gröhe – „gar nicht mal so schlecht“.

Und dann folgte in diesem Jahr das TSVG, wieder mit Verbesserungen für die Therapieberufe.
Ja, mit diesem Gesetz haben wir den nächsten Schritt gemacht. Und auch damit bin ich sehr zufrieden. Denn das ist ja ein Gesetz, das viel Spezialwissen voraussetzt und von dem nur eine bestimmte Gruppe von Menschen betroffen ist. Dafür musst du in Berlin erstmal Mitstreiter finden, die sich dafür interessieren und das überhaupt verstehen. Das ist etwas anderes, als wenn du über Klimaschutz oder Fahrverbote redest. Da können alle sofort mitreden. Aber die Interessen von Therapeuten haben die Leute – auch die Politiker – einfach nicht so auf dem Schirm. Von daher bin froh, dass wir jetzt so viel durchsetzen konnten – von der Angleichung der Vergütung bis zur Blankoverordnung.

Bleiben wir bei der Blankoverordnung. Haben Sie keine Befürchtungen, dass mit ihr die Kosten steigen – was die Modellversuche ja nicht ausräumen konnten?
Ganz im Gegenteil. Ich hätte aber auch gar kein Problem damit, wenn die Kosten steigen würden. Denn durch die Blankoverordnung wird ja wieder eine größere Behandlungs- und Therapievariabilität entstehen, die sich definitiv positiv auf das Behandlungsergebnis auswirken wird. Und das wird sich letztlich auch volkswirtschaftlich positiv bemerkbar machen, weil dadurch die Menschen schneller gesund werden. Das ist also gut investiertes Geld – im Interesse der Therapeuten und der Patienten.

Vielen geht die Blankoverordnung noch nicht weit genug. Warum wurde mit der Gesetzesänderung nicht wenigstens der Modellversuch für einen Direktzugang möglich?
Ich habe mit dem Minister Spahn darüber geredet, wie wir rechtssichere Modellversuche durchführen können. Wenn wir das einfach ins Gesetz geschrieben hätten, wäre es so gelaufen wie bei der Blankoverordnung.

 

Das heißt?
Wir hatten damals im HHVG festgelegt, dass wir Modellversuche machen können. Dann konnten sich die Krankenkassen und die Therapieverbände jedoch nicht einigen, wie diese durchgeführt werden sollen. Deshalb möchte ich jetzt – selbstverständlich im Gespräch mit den Kassen und den Verbänden – gleich einen Modellversuch so konzipieren, dass er dann auch tatsächlich durchgeführt und von allen Seiten anerkannt wird.

Bei den Kassen ist es noch nachvollziehbar, dass sie das Thema schleifen ließen, aber warum die Heilmittelverbände?
Das lag sicherlich auch daran, dass wir eine große Anzahl von Therapieverbänden haben – Frage: Brauchen wir so viele? – und die sich nun einmal nicht immer einig sind. Ich kann auch die Kassen verstehen, wenn sie keine Lust haben, mit 16 Verbänden zu 16 unterschiedlichen Modellversuchen zu verhandeln. Das möchte ich als Politiker übrigens auch nicht.

Dabei wollen doch alle Verbände den Direktzugang, der ja auch keineswegs besonders exotisch ist, wenn man mal ins Ausland schaut.
Richtig. In Australien macht man das seit 1974 sehr erfolgreich und auch in 82 Prozent der europäischen Staaten gibt es mittlerweile einen Direktzugang. Was viele nicht wissen: Selbst in Deutschland gibt es sehr gute Erfahrungen damit. Denn Heilpraktiker und Physiotherapeuten mit der Zusatzqualifikation HP-Phys können ja bereits heute BG- und Privatpatienten schon ohne ärztliche Verordnung abrechnen. Damit hat der Gesetzgeber damals eine Krücke geschaffen, um ein bisschen zu legalisieren, was ja ohnehin schon da draußen gelebt wird.

Wie meinen Sie das?
Wir wissen natürlich, dass es viele Patienten gibt, die schon heute direkt zu einem Therapeuten gehen – allein weil sie keine Lust haben, Wochen auf einen Termin beim Arzt zu warten, da noch einmal Stunden im Wartezimmer zu sitzen, um dann vielleicht mit der Verordnung „Wirbelsäulensyndrom“ wieder rauszukommen. Von daher ist meine dringende Forderung: Lasst uns die Therapeuten entsprechend qualifizieren, motivieren und natürlich auch gut bezahlen! Dann könnte sich manch ein Patient den Weg zum Arzt sparen. Übrigens ganz im Sinne des TSVG, weil eine solche Maßnahme schließlich auch die Arztzimmer entlasten würde und die Patienten dann dort schneller einen Termin bekämen – der Arzt hätte einfach mehr Zeit für den individuellen Patienten.

Das klingt ein wenig nach einer Win-win-Situation. Aber viele Ärzte scheinen das nicht so zu sehen.
In Deutschlang neigt man vielleicht traditionell ein wenig dazu, in Hierarchien zu denken. Viele Therapeuten können aber bereits gut Diagnosen erstellen – der Alltag zeigt es. Die Diskussion hat aber auch etwas mit Macht und Geld zu tun – das muss man mal ehrlich sagen – und der Angst, am „Futternapf“ künftig vielleicht etwas weniger abzubekommen. Aber ich denke, das ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Das sollte vorbei sein!

Wie stark nehmen Sie denn als Abgeordneter die Lobby der Ärzteschaft wahr?
Die erfolgreiche Lobbyarbeit der Ärzte ist in Berlin erkennbar. Das sehen wir ja auch beim TSVG und was für die Ärzteschaft da noch erreicht wurde. Zum Beispiel können Ärzte jetzt ein Extra für jeden neu aufgenommenen Patienten abrechen. Das wäre für einen Pflegedienst oder eine Therapiepraxis undenkbar, obwohl hier ähnliche Notsituationen vorhanden sind.

Sie kritisierten eben die Zahl der Therapeutenverbände. Wäre eine Kammer ein geeignetes Instrument, um eine ebenso erfolgreiche Lobbyarbeit zu machen?
Eine Kammer ist für mich eine Zwischenlösung, ein Vehikel. Wenn erfolgreiche Verbände vorhanden wären, würde meiner Meinung nach kein Mensch nach einer Kammer rufen. Deshalb halte ich einen starken Verband für notwendig. Allerdings: Wenn die Therapeuten lieber eine Kammer wollen, können sie das natürlich vorantreiben – Kammerbildung geht von unten nach oben.

Lesen Sie in der kommenden Ausgabe der ZUKUNFT PRAXIS den zweiten Teil des Interviews mit Roy Kühne. Dann unter anderem zum Thema Vergütung und einer besseren Ausbildung für Therapeuten.


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