Physiotherapeuten fordern neues Berufsgesetz

Das TSVG sieht eine Neuregelung der Weiterbildung im Heilmittelbereich vor. Den Physiotherapeuten geht das nicht weit genug: Sie fordern die Modernisierung ihrer Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Was heißt das konkret?

Das Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) sieht ab dem 1. Juli 2020 einen neuen Bundesrahmenvertrag vor. Derzeit verhandeln die maßgeblichen Verbände mit dem GKV-Spitzenverband über den allgemeinen Teil des Vertrages sowie über die Themen Abrechnung, Leistungsbeschreibung, Fortbildung, Zulassung und Vergütung. Über die Inhalte der Verhandlungen haben sie Stillschweigen vereinbart. Bereits jetzt ist allerdings klar, dass eine Neuregelung der Weiterbildung für die physiotherapeutischen Verbände zu kurz greift: „Unsere Ausbildung bedarf der grundsätzlichen Modernisierung. Deswegen fordern wir unabhängig vom TSVG die Novellierung unseres Berufsgesetzes und der Ausbildungs- und Prüfungsordnung“, so Ute Merz, Referatsleiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK) e.V. „Unser Berufsgesetz und damit die Art und Inhalte der Ausbildung sind mehr als 25 Jahre alt. Die Versorgungslandschaft hat sich seit der letzten Reform massiv verändert und wird sich aufgrund des demografischen Wandels und der Zunahme multimorbider Patientinnen und Patienten weiter verändern“, schildert Merz die Gründe, warum die Neuregelungen nötig sind. 

Praxisnahe hochschulische Ausbildung

Demografische Entwicklungen sowie medizinische und technologische Fortschritte haben die Gesundheitsversorgung in den letzten Jahren komplexer und anspruchsvoller werden lassen. Hauptanliegen der geforderten Maßnahmen ist die langfristige Sicherung der physiotherapeutischen Patientenversorgung in Deutschland. „Dazu muss der Beruf des Physiotherapeuten attraktiver, chancenreich und international anerkannt werden“, so Merz weiter. Deshalb fordern die drei maßgeblichen physiotherapeutischen Berufsverbände (IFK, PHYSIO-DEUTSCHLAND und VPT) eine hochschulische Ausbildung, die sich an Kompetenzfeldern inhaltlich orientiert. Der von den Verbänden dazu erarbeitete Gesetzentwurf und entsprechende Übergangsszenarien wurden bereits im Herbst 2019 beim Bundesministerium für Gesundheit (BMG) eingereicht. "Wir fordern nicht nur, sondern wir zeigen der Politik konkrete Lösungswege für eine Weiterentwicklung der Physiotherapie in Deutschland auf", erklärt Andrea Rädlein, Vorsitzende von PHYSIO-DEUTSCHLAND und Sprecherin des SHV-Fachausschusses Physiotherapie.

Den Entwurf für ein neues Gesetz über die Berufe in der Physiotherapie
finden Sie hier.

Den Kompetenzkatalog sowie Eckpunkte zur neuen Ausbildungs- und Prüfungsordnung für Physiotherapeuten finden Sie hier.
 

Zertifikatsweiterbildungen als Teil der Ausbildung

Die Verbände fordern die Einführung einer hochschulischen Ausbildung mit hohem Praxisanteil, wie dies bereits seit langem im europäischen und internationalen
Raum üblich ist. Das Studium soll zur Arbeit in interdisziplinären Teams befähigen. Physiotherapeuten sollen bereits während der Ausbildung zur selbstständigen und eigenverantwortlichen Erfüllung ihrer Aufgaben entsprechend dem internationalen Standard befähigt werden. Die Ausbildung soll sich deswegen stärker an Kompetenzen und weniger an der Vermittlung von Behandlungstechniken ausrichten. Teile der bestehenden Zertifikatsweiterbildungen sollen, sofern weiterhin zeitgemäß, in die Ausbildung integriert werden. 

Was spricht dagegen?

Bisher scheiterte die Einführung der hochschulischen Ausbildung unter anderem am politischen Argument, dass studierte Therapeuten nicht mehr mit Patienten arbeiten, sondern sich anderen, eher administrativen Aufgaben widmen würden. Die aktuelle Verbleibstudie der Absolventen der Modellstudiengänge in den Gesundheitsberufen in Nordrhein-Westfalen (VAMOS-Studie) belegt jedoch, dass vier von fünf Absolventen direkt in der Patientenversorgung tätig sind. Um einer Spaltung der Berufsgruppe vorzubeugen, sieht der beim BMG eingereichte Entwurf für das neue Berufsgesetz in Paragraf 36 einen Bestandsschutz sowie Übergangsregelungen für aktuell praktizierende Physiotherapeuten vor.  

Die nächsten Schritte

„Aktuell arbeitet eine Bund-Länder-Arbeitsgruppe im Auftrag des Gesundheitsministers an Eckpunkten zur Überarbeitung der Berufsgesetze der Therapieberufe,“ so Ute Merz. „Parallel dazu hat sich ein breites Bündnis der größten und relevantesten Berufs- und Ausbildungsverbände im Heilmittelbereich formiert, um heilmittelübergreifend der politischen Forderung nach einer Modernisierung der Berufsgesetze Nachdruck zu verleihen.“ So habe das Bündnis „Therapieberufe an die Hochschulen“ dem BMG konkrete Vorschläge vorgelegt, um die Akademisierung innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren umzusetzen. Dabei würde eine hochschulische Ausbildung den Zugang nicht erschweren. Denn viele angehende Therapeuten verfügten bereits heute über eine Hochschulzugangsberechtigung. Zusätzlich würde beispielsweise mit dem Beruf des Medizinischen Massagetherapeuten ein niedrigschwellig zu erlernender Beruf erhalten bleiben, der den Weg in die Weiterqualifizierung eröffnen könnte. „Sobald das neue Berufsgesetz mit den Inhalten der Ausbildungs- und Prüfungsordnung vorliegt, muss über eine Neustrukturierung der Weiterbildung nachgedacht werden und dann in die Heilmittelversorgung und damit in den Rahmenvertrag überführt werden“, fasst Ute Merz die nächsten Schritte zusammen.

Das Positionspapier des Bündnisses „Therapieberufe an die Hochschulen“ finden Sie hier. 
 


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