PRAXISnah: "Das ganze Gesundheitssystem müsste geändert werden"

Kollegen über die Schulter schauen und voneinander lernen: unter diesem Motto geben wir Einblicke in Besonderheiten anderer Praxen. Diesmal mit Jürgen Stattmüller, Inhaber einer Gesundheitspraxis in Bad Bergzabern.

Was machen Sie am Morgen als erstes?
Ich stehe morgens um 6 Uhr auf und mache dann erst einmal meine Trainingseinheit. Das gehört für mich dazu wie das Zähneputzen.

Was trainieren Sie?
Ich bin Ausdauerathlet und habe seit 1986 bereits 78 Mal bei einem Marathon und 13 Mal bei einem Ironman mitgemacht. Dafür muss man sich natürlich etwas fit halten.

Wie unterscheidet sich Ihre Praxis von anderen in Ihrer Nähe?
Schon allein durch den Namen: Ich vermeide den Begriff Physiotherapie oder gar Krankengymnastik. Da fühlt man sich gleich noch kranker, wenn man so etwas liest! Meine Praxis heißt deshalb Gesundheitspraxis. Da schwingt ein ganz anderes Gefühl mit.

Macht es Ihnen gar nichts aus, wenn potenzielle Patient*innen oder Kund*innen Sie bei einer Internetsuche nach Begriffen wie beispielsweise Physiotherapie oder Krankengymnastik nicht finden können?
Damit kann ich leben. Wer mich sucht, wird mich schon finden. Gerade mit meinem Schwerpunkt, der Faszienbehandlung, bin ich ohnehin in der Region bekannt.

Verbirgt sich hinter dem anderen Namen für Ihre Praxis auch ein anderes therapeutisches Konzept?
Auf jeden Fall! Im Vergleich zu den meisten anderen Kollegen arbeite ich eher ganzheitlich und bin sicherlich auch nicht so ein klassischer Schul-Physiotherapeut. Das heißt, ich versuche bei meiner Arbeit alles mit einzubeziehen – Körper, Geist und Seele – und ein bisschen über den Tellerrand hinauszuschauen: Wie geht es der Person in der Familie, in der Partnerschaft, im Beruf? All solche Dinge beziehe ich in die Therapie mit ein und orientiere mich dabei auch ein wenig an der chinesischen Medizin.

Und Ihre Patienten nehmen diese Diagnose von Ihnen an?
Nicht immer. Voraussetzung dafür ist, dass der Patient dafür offen ist. Wenn er einen solchen Ansatz für Quatsch hält, kann man das natürlich gleich lassen. Aber das hört man ja in dem Anamnesegespräch schnell raus, ob es Sinn macht, in der Behandlung so vorzugehen.

Das heißt dann aber auch, dass Sie nur Privatpatienten behandeln?
Aber nein! Das ist für mich ganz normaler Service im Rahmen der kassenärztlichen Verordnung. Es geht ja auch erst einmal nur darum, ganz richtig zuzuhören, wenn man den Patienten behandelt. Das ist ganz entscheidend! Dabei kommt mir sicherlich auch mein Wissen und meine Erfahrung zugute, die ich in meiner Hypnoseausbildung gewonnen habe.

Eigentlich fragen wir in dem Interview immer nach den Tipps der Praxisinhaber, wie sie aus ihren Mitarbeitern ein „Dreamteam“ formen und wie sie mit dem Fachkräftemangel umgehen.
Tja, diese Probleme habe ich nicht, ich bin mein eigenes Dreamteam (lacht). Ich hatte mal die Gelegenheit, ein größeres Therapiezentrum mit mehreren Angestellten zu übernehmen. Aber dann hätte ich jeden Tag 35 Kilometer zur Arbeit fahren müssen, was für mich Zeitverschwendung gewesen wäre. Stattdessen habe ich mich lieber 2001 hier alleine im Ort selbstständig gemacht. Manchmal bedaure ich zwar, dass ich keine Kollegen habe. Auf der anderen Seite: Triathleten und Marathonläufer sind eigentlich immer Einzelkämpfertypen.

Wo liegt Ihr Arbeitspensum auf der Workohalic-Skala von 1 bis 10?
Eine glatte 1, das heißt, ich bin überhaupt kein Workaholic. Das zu verhindern ist für mich eine Frage der Arbeitsorganisation.

Manch ein Therapeut arbeitet auch nach Feierabend. Das kommt dann für Sie wahrscheinlich nicht in Frage?
Oh, doch! Kein Workaholic zu sein, bedeutet ja nicht, dass ich nicht viel arbeite. Die Arbeit macht mir nur so viel Spaß, dass ich sie nicht als solche empfinde. Das heißt, im Notfall bin ich eigentlich telefonisch immer erreichbar – für Freunde, aber auch für meine Patienten.

Was würden Sie machen, wenn Sie für einen Tag Gesundheitsminister wären?
Ich fürchte, ein Tag würde nicht ausreichen für all das, was in Deutschland im Argen liegt. Das ganze Gesundheitssystem müsste geändert werden, angefangen mit der Budgetierung der Ärzte. Ich hatte gerade gestern erst wieder eine Patientin, die vom Medizinischen Versorgungszentrum einen Termin in einem Vierteljahr angeboten bekommen hat und so lange auf ein Rezept hätte warten müssen. Das kann ja wohl nicht sein!

Noch einmal auf Start – würden Sie alles nochmal genauso machen?
In meinem ersten Leben war ich neun Jahre lang bei der Polizei. Aber wegen dem Schichtdienst bekam ich Schlafstörungen und habe dann umgeschult. Noch einmal auf Start würde ich mir diesen Umweg sicherlich sparen und gleich Physiotherapeut werden.


 

Gesundheitspraxis Stattmüller
in Bad Bergzabern

https://www.gesundheitspraxis-stattmueller.de/


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