PRAXISnah: "Das Voranbringen der Digitalisierung wird nicht ausreichend vertreten"

Kollegen über die Schulter schauen und voneinander lernen: unter diesem Motto geben wir Einblicke in Besonderheiten anderer Praxen. Diesmal mit Anke Günther, Ergo- und Psychotherapeutin mit zwei Praxen in Hamburg.

Was ist an Ihrer Praxis anders als in anderen Praxen?
Wir haben überdurchschnittlich viele Privatzahler in unserem Gesundheitszentrum und sind sicherlich auch etwas dienstleistungsorientierter als andere. Das liegt daran, dass wir neben der Ergotherapie auch noch einen Sportbereich mit Betriebssport- oder Seniorensportgruppen sowie Personal Training haben. Dieser Bereich wird von meinem Mann geleitet, der Diplomsportlehrer ist. Dann bieten wir noch Psychotherapie und Hypnose an – was uns wohl auch von den meisten anderen Praxen unterscheidet.

Wie kam es zu diesem breiten Angebot?
Das liegt zum einen daran, dass wir als Team diese Interessen und Kompetenzen einfach mitbringen und sie sich gut ergänzen. Zum anderen hat es auch wirtschaftliche Gründe – weil wir so nämlich die Praxis ganz wunderbar von 8 Uhr morgens bis 21 Uhr abends bespielen können.

Wie wichtig sind Fortbildungen für Sie?
Für mich persönlich haben sie inzwischen nicht mehr die oberste Priorität. Ich bin Ergotherapeutin, Diplompsychologin, Heilpraktikerin für Psychotherapie und Hypnose und habe 36 Jahre Berufserfahrung. Da muss man vielleicht nicht mehr jedes Jahr zur Fortbildung gehen. Aber für unsere Mitarbeiter sind Fortbildungen selbstverständlich wichtig, und wir unterstützen sie darin sehr.

Wie gehen Sie mit dem Fachkräftemangel um?
Damit haben wir eigentlich kein Problem. Natürlich müssen wir gelegentlich Mitarbeiter suchen, aber da hat sich für uns der Stellenmarkt von ergoxchange bewährt. Die Zahl der Bewerber hält sich zwar auch bei uns in Grenzen, wenn es aber zu einem Vorstellungsgespräch kommt, passiert es nur selten, dass der Bewerber nicht bei uns anfangen möchte.

Wie redselig sind Sie während der Behandlung: Smalltalk, intensive Gespräche oder Schweigen im Walde?
Die Gespräche können auch schon mal intensiv und tiefgehend sein, gerade wenn man sich schon lange kennt. Aufpassen muss man als Therapeut nur, wenn das Gespräch eher kompensatorisch und ausweichend wird – um sich nicht dem widmen zu müssen, warum man eigentlich in der Behandlung ist.

Wie machen Sie Ihre Praxis regional bekannt?
Wir haben Visitenkarten und Flyer, die in der Praxis ausliegen. Auf einem Bildschirm im Wartezimmer geben wir aktuelle Informationen über unsere Arbeit. Auf Marketingmaßnahmen, die nach draußen gerichtet sind, verzichten wir. Denn wir sind seit 21 Jahren vor Ort. Das heißt, man kennt uns hier sowieso.


Gesundheitszentrum Günther
in Hamburg

https://www.gesundheitszentrum-guenther.com/


 

Praxis-Outfit oder Freestyle?
Bei uns soll sich jeder Mitarbeiter wohlfühlen, so wie er ist. Natürlich muss das Outfit angemessen sein, aber das ist ein unausgesprochener Konsens. Zur Erkennbarkeit als Praxismitarbeiter reicht ein kleines Namensschild mit dem Logo.

Karteikarte oder Praxis-EDV – wie digital ist Ihre Praxis?
Wir sind eine sehr moderne Praxis. Das Praxis- und Verordnungsmanagement, die Dokumentation sowie die Terminplanung sind digital, und wir haben sogar eine mobile App für die Hausbesuche. Eigentlich haben wir nur noch Karteikarten, um die Verordnungen und die von den Patienten mitgebrachten Papierunterlagen abzulegen.

Gesundheitsminister für einen Tag: Was würden Sie machen?
Ich würde mir weniger Restriktionen beim Verordnungsmanagement wünschen. Mehr Eigenverantwortung bei der Therapiegestaltung, also mehr Unabhängigkeit von den ärztlichen Vorgaben, und mehr Entscheidungsfreiheit. Und natürlich die E-Verordnung.

Fühlen Sie sich derzeit politisch ausreichend vertreten?
Das kommt darauf an. Was auf jeden Fall nicht ausreichend vertreten wird, ist das Voranbringen der Digitalisierung. Da würde ich mir mehr Druck seitens der Heilmittelerbringer und mehr Offenheit von den Kostenträgern wünschen. Denn unsere ganze Gesellschaft ist mittlerweile digitalisiert, nur wir hinken hinterher.

In welchem Verband sind Sie organisiert, und wie zufrieden sind Sie mit ihm?
Ich bin im Ergotherapeutenverband DVE und bin mit ihm eigentlich auch ziemlich zufrieden. Manchmal schaue ich allerdings etwas neidvoll auf die Physiotherapeuten, die mit ihrem Verband noch geschlossener sind und dadurch auch mehr und vor allem schneller etwas bewegen können.

Therapeut auch nach Feierabend?
Niemals! Ich werde zwar gelegentlich von einer Freundin um Rat gefragt, hüte mich aber davor, dann in die Therapeutenrolle zu schlüpfen. Da möchte ich einfach nicht die Rollen vermischen – und habe aber auch privat so viele andere Themen, dass mir dafür die Zeit zu schade wäre.


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