PRAXISnah: "Der Fachkräftemangel ist ein großes Problem"

Kollegen über die Schulter schauen und voneinander lernen: unter diesem Motto geben wir Einblicke in Besonderheiten anderer Praxen. Diesmal mit Dagmar Hosp aus ihrem Therapiezentrum im Schwarzwald.

Das erste, was Sie morgens machen:
Ich setze mich zu Hause an meinen Schreibtisch und arbeite erst einmal alles ab, was bürokratisch ansteht – und das wird leider immer mehr.

Zu Hause?
Ja, ich habe mein Büro nicht in der Praxis, weil dort dafür einfach kein Platz ist. Das Gute daran ist, dass ich ungestört und konzentriert arbeiten kann.

Was ist an Ihrer Praxis anders als in anderen Praxen?
Bonndorf hat inklusive Eingemeindungen gerade mal knapp 7.000 Einwohner. Dafür ist die Praxis mit 17 Therapeuten, mit denen wir Physiound Ergotherapie sowie Logopädie abdecken, verhältnismäßig groß für die Region. Zusätzlich habe ich seit 2018 im Haus ein Studio für medizinische Fitness angeschlossen, um auch in der Prävention präsent zu sein.

Wie machen Sie aus Ihrem Team ein „Dream-Team“?
Ich binde das Team in Fragen und die Entwicklung und Entstehung von Prozessen mit ein, was für gute Motivation und Zusammenhalt sorgt. Das ist von außen durchaus wahrnehmbar und schafft eine professionelle, kompetente Atmosphäre.

Haben Sie ein Problem mit dem Fachkräftemangel?
Das ist ein großes Problem, für das ich leider auch keine Lösung habe. Gerade in der Physiotherapie bekomme ich seit Jahren auf jedwede Art von Inseraten keinerlei Bewerbungen mehr.

Hat das Folgen für die Patienten?
Leider ja! Neuen Patienten können wir wie alle anderen Praxen in der Region frühestens in zwei Monaten Termine anbieten. Das ist für Menschen mit akuten Diagnosen ein riesiges Problem. Besonders für unsere Mitarbeiterinnen an der Rezeption ist das schwierig und frustrierend. Sie sitzen an der Front und sind oft gezwungen, Patienten abzulehnen, die unsere Hilfe bräuchten.

Wie machen Sie Ihre Praxis regional bekannt?
Gar nicht, weil wir keine Kapazitäten anbieten können. Anders ist es beim Studio, das schon noch einige Mitglieder mehr gebrauchen könnte.

Wie halten Sie es bei der Behandlung: Small Talk, intensive Gespräche oder Schweigen im Walde?
Ich spreche viel mit den Patienten, aber kein Small Talk oder dergleichen. Vielmehr begleite ich die Behandlung eigentlich immer mit Fachinformationen und Erklärungen. Das ist auch nötig, weil das Ziel ja ist, dass der Patient selbst motiviert und aktiviert wird. Und dafür muss er ja verstehen, was er dann später auch alleine umsetzen soll.

Wie gestalten Sie die Mittagspause?
Ich mache konsequent eine Stunde Pause, esse und lese ein bisschen, um wieder genügend Energie für den Rest des Tages zu tanken.

Workaholic auf einer Skala von 1-10?
Dieses Wort passt überhaupt nicht zu meiner Arbeits- und Lebenseinstellung. Natürlich mache ich für die Praxis alles, was nötig ist, versuche das aber immer mit Gelassenheit zu machen und mich nicht getrieben zu fühlen. Dass das so funktioniert, liegt auch an meinem tollen Team!

Karteikarte oder Praxis-EDV – wie digital ist Ihre Praxis?
In der Logopädie und der Ergotherapie ist bereits alles digital. Die Physiotherapie dokumentiert noch auf Papier. Das liegt unter anderem an der Altersstruktur der Therapeuten und an den damit verbundenen Startkosten für zusätzliches IT-Equipment.

Wie stehen Sie zur elektronischen Verordnung?
Sofern die Bürokratie dadurch reduziert wird, wäre es ein echter Fortschritt! Allerdings erwarte ich große Startschwierigkeiten von Seiten der Ärzte. Wir erleben es jetzt gerade erst wieder, was für Probleme die Softwarehersteller haben, dort Änderungen reibungslos umzusetzen.

Wie wichtig sind Fortbildungen für Sie?
Sehr wichtig! Deswegen übernehme ich die Kurskosten in vollem Umfang und erstatte die eingesetzte Zeit der Mitarbeitenden ggf. nach zwei Jahren weiterer Betriebszugehörigkeit.

Gesundheitsminister für einen Tag? Was würden Sie machen?
Ich würde eine subventionierte, kostenfreie Ausbildung sowie bessere Aufklärung der Ärzte über Heilmittel innerhalb des Studiums einführen und bürokratische Hürden abbauen, um die Versorgung der Versicherten zu optimieren.

Noch einmal auf Start – würden Sie alles nochmal genauso machen?
Ich würde es zumindest wieder ähnlich machen. Durch meine Mutter, von der ich 2004 die Praxis übernommen habe, habe ich den Beruf früh kennen und lieben gelernt. Mein Plan B wäre die Psychologie gewesen, für die ich mich sehr interessiere.

Therapeut auch nach Feierabend?
Natürlich werde ich häufiger mal privat angesprochen. Tatsächlich habe ich aber gelernt, fachliche Interaktionen in die Praxis zu verlagern und sie strikt von meiner privaten Zeit zu trennen.


Therapiezentrum Dagmar Hosp
in Bonndorf im Schwarzwald

https://therapiezentrum-hosp.de/


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