Pro Direktzugang: "Neuer Kurs längst überfällig"+

„Wir können uns nicht die Rosinen herauspicken. Das wäre nicht nur unkollegial, sondern ist auch völlig unnötig“, sagt Michael Schlewack, Ergotherapeut und Herausgeber des Magazins ergopraxis.

Die Zeichen in der Gesundheitspolitik stehen eindeutig auf Veränderung. Der neue Kurs war aus vielerlei Hinsicht notwendig, sogar längst überfällig. Die Blankoverordnung wird dabei eine wichtige Rolle spielen. Sie kann daher aus meiner Sicht nur der Vorläufer für den Direktzugang sein, den wir in Deutschland dringend benötigen. Denn die Zeiten sind längst vorüber, in denen der Mediziner jeden Akteur im Gesundheitswesen anweisen muss und meint, die komplexen Prozesse und Konzepte der Heilmittelerbringer verstehen zu können. Nein, die Berufsgruppen um Ergotherapie und Physiotherapie sind erwachsen geworden und sehr wohl in der Lage auf den Patienten abgestimmte Therapieinterventionen selbstständig und verantwortungsbewusst zu planen.

Dazu gehört neben der fachlichen Kompetenz auch die wirtschaftliche Verantwortung gegenüber den Kostenträgern und den ins Gesundheitssystem einzahlenden Versicherten. Eine gleichrangige Position im Kanon der Gesundheitsfachberufe wird niemals möglich sein, wenn wir uns nur die Rosinen herauspicken und unsere Kollegen der Medizin im wirtschaftlichen Regen stehen lassen. Das wäre nicht nur unkollegial, sondern ist auch völlig unnötig. Ein Direktzugang ohne wirtschaftliche Verantwortung liefe Gefahr, sich zu einer Gelddruckmaschine zu entwickeln und eine Kostenexplosion zu verursachen. Ob das der Reputation der Therapeuten helfen würde, kann stark bezweifelt werden.

Eine verantwortungsvolle Therapie zeichnet sich eben auch durch eine Orientierung und Umsetzung von wissenschaftlichen Erkenntnissen und deren Implementierung in den Leitlinien aus; Therapieprozesse werden eingehalten, red flags erkannt und andere Professionen bei Bedarf einbezogen oder an diese verwiesen. Bei einer eindeutigen Darstellung und Dokumentation des eben beschriebenen Vorgehens geht die Rechnung mit Finanzierung eben auf und kann dann auch etwaigen Prüfungen durch Kostenträger standhalten. Wer als Heilmittelerbringer dazu nicht in der Lage ist, muss sich in diese Lage selbst versetzen – oder in Abhängigkeit von Ärzten weiter eine Profession zweiten Grades im Gesundheitssystem ausführen. Wer mit Verantwortung im Gesundheitssystem handeln und sich bewegen möchte, muss gleichzeitig bereit sein, diese umfänglich zu tragen und sich daran messen zu lassen.


Was Manuela Faust, Logopädin und Mitgesellschafterin der Praxis "Logopädie am Herrngarten", zu diesem Thema sagt? Ihre Argumente lesen Sie hier.

Contra Direktzugang



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