Qualität mit System

Die allermeisten Praxen liefern Qualität auf höchstem Niveau. Braucht es dafür dann noch ein Qualitätsmanagementsystem?

Über die Frage, ob sich die Einführung des Qualitätsmanagementsystems in seiner Praxis gelohnt hat, muss Matthias Rombach erst einmal nachdenken. Sein Therapiezentrum für Physiotherapie, Ergotherapie, Logopädie und Osteopathie in Regensburg gehörte seinerzeit zu den ersten, die sich nach Implementierung eines solchen Systems zertifizieren ließen. Das war 2005. Doch damit war es nicht getan. Denn um das Zertifikat zu behalten, muss Rombach jedes Jahr ein eintägiges Audit über sich ergehen lassen, zuzüglich all der Arbeit, die über das Jahr verteilt mit dem Thema verbunden ist. „Wenn man alles zusammenzählt, kommen da im Jahr sicherlich noch einmal rund 160 Arbeitsstunden zusammen“, schätzt Rombach – „von den damit verbundenen Kosten ganz zu schweigen.“

Da wundert es kaum, dass manch ein Kollege genau diesen Aufwand scheut. Zumal niemand dazu gezwungen ist. Zwar sind alle Leistungserbringer nach §135a Abs. 1 SGB V zur Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität der von ihnen erbrachten Leistungen verpflichtet. Im Unterschied zu niedergelassenen Ärzten, Psychotherapeuten oder Kliniken ist ein einrichtungsinternes Qualitätsmanagement jedoch für Heilmittelerbringer in aller Regel freiwillig. Nur Therapeuten, die ambulante Vorsorgeleistungen nach § 23 Abs. 2 SGB V im Kurort erbringen, sind seit September 2010 auch dazu verpflichtet. In den meisten Verträgen zur integrierten Versorgung wird inzwischen häufig ebenfalls eine entsprechende Zertifizierung verlangt.

Arbeitsschritte einsparen oder ersetzen

Doch selbst wenn es freiwillig ist, spricht manches für die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems, ist doch damit ein systematischeres Bemühen um mehr Qualität in der Praxis verbunden. Durch standardisierte Arbeitsabläufe werden zum Beispiel Fehlerquellen eliminiert und Arbeitsgänge effizienter gestaltet. Im Idealfall setzt das Einsparen überflüssiger Arbeitsschritte sogar Personalressourcen frei, die an anderer Stelle sinnvoll eingesetzt werden können – zum Beispiel für die Patientenberatung –, was wiederum die Patientenzufriedenheit steigert. „Unter dem Strich ist das Ziel des Qualitätsmanagements, auf Basis einer Analyse der Strukturen, Prozesse und Endergebnisse die Gesamtqualität in einer Praxis zu verbessern“, fasst Dr. Barbara Betz den Sinn und Zweck solcher Systeme zusammen. Als Professorin für Betriebswirtschaftslehre im Bachelor- und Masterstudiengang Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie an der Hochschule für angewandte Wissenschaft und Kunst Hildesheim hat sie sich viel mit dem Thema auseinandergesetzt. Sie weiß: „Ein guter Therapeut zu sein ist für die Patienten wichtig, aber für den Praxiserfolg muss der Praxisinhaber zusätzlich auch noch ein guter Manager sein. Dafür kann die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems sehr hilfreich sein.“

Qualitätsmanagement kann vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels auch ein Wettbewerbsvorteil sein.
Prof. Dr. Barbara Betz, Professorin für Betriebswirtschaftslehre im Studiengang Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie an der HAWK Hildesheim

Anerkannte Qualitätsmanagementsysteme sind zum Beispiel die DIN EN ISO 9001 oder die EFQM. Diese können mit verschiedenen Verfahren überprüft werden, beispielsweise mit einer Zertifizierung, der externen Beurteilung einer Selbstbewertung oder einem Punktesystem. Die Grundlage für jedes Qualitätsmanagementsystem ist dabei aber zum einen ein Workshop, in dem die Grundlagen der Qualitätssicherung gelehrt werden, und zum anderen ein durch die Praxis selbst erstelltes Handbuch. Dieses beschreibt unter anderem alle Betriebs- und Handlungsabläufe – von der Terminvergabe über Arbeitsschutz und Hygiene bis hin zu den einzelnen Behandlungsschritten. Ebenso soll es die Ziele der Praxis, Bewertungen und Verbesserungsvorschläge dokumentieren.

Zurück zu Matthias Rombach und der Frage, ob sich die Einführung eines Qualitätsmanagementsystems lohne. „Für Praxen, die selbst noch nicht so strukturiert sind, ist so etwas sicherlich sehr sinnvoll“, überlegt er. „Man ist gezwungen, sich viele Gedanken über die Strukturen und die Organisation der Praxis zu machen, und es werden dabei viele Prozesse angestoßen.“ Aber weder, ob es sich für seine Praxis unter dem Strich rentiert habe, noch, ob er es mit gutem Gewissen anderen Praxen empfehlen kann, könne er eindeutig sagen. Solche Zweifel hat Dr. Barbara Betz indes nicht. Wer die finanziellen und zeitlichen Ressourcen habe, sollte dieses Thema zur Chefsache machen, meint die Expertin. Sie ist überzeugt: „Qualitätsmanagement kann vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels auch ein Wettbewerbsvorteil sein.“


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