Resilienz - „Die Kraft nach vorne zu schauen“

Warum kommen manche besser durch die Krise als andere? Sabine Degenkolb-Weyers, Leiterin der Staatlichen Berufsfachschule für Logopädie am Uni-Klinikum Erlangen, im Interview über Resilienz in Gesundheitsberufen.

Sie haben über „Resilienz in therapeutischen Gesundheitsfachberufen“ geforscht. Was ist das eigentlich?
In der Naturwissenschaft ist ein Stoff resilient, wenn er nach einer Dehnung oder Belastung wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückspringt. Übertragen heißt Resilienz also in unserem Fall, dass man aus einem Belastungs- oder Stresszustand wieder in einen Zustand der psychischen Gesundheit und Ausgeglichenheit zurückfallen kann. Umso widerstandsfähiger sich jemand in Ausnahmezuständen verhält, desto resilienter ist er.

Kann die Corona-Pandemie ein solcher Ausnahmezustand sein – gerade auch für Therapeuten?
Ja, die Pandemie war und ist sicherlich für die meisten von uns eine ziemlich große Herausforderung – Praxisschließungen im Lockdown, Kurzarbeit, vielleicht gar Entlassungen, später die Hygienekonzepte und die Diskussion um die Teststrategien. Das alles sind Unsicherheiten und Herausforderungen in einem Ausmaß, die für Menschen meiner Generation völlig neu sind. Solch eine Krisen versetzt die meisten Menschen erst einmal in Panik, Angst, vielleicht auch Lähmung. Inzwischen haben die meisten Menschen ja irgendwie gelernt, mit dieser Herausforderung umzugehen. Aber ich erinnere mich selbst noch gut daran, wie sich das in der Anfangszeit angefühlt hat.

Eine Umfrage von „Zukunft Praxis“ zeigte, dass manche Praxisinhaber*innen einen Umsatzrückgang um 20 Prozent bitter beklagten und sich andere über die verbliebenen 80 Prozent freuten. Wie kommt das?
Das ist die klassische Glas „halb-voll“ und „halb-leer“-Geschichte und ein gutes Beispiel für Resilienz. Denn die Praxisinhaber*innen, die auch in solchen Zeiten positiv nach vorne blicken können, haben eben genau die Schutzfaktoren, die man braucht, um solche Krisen zu meistern. Das Gleiche kann man auch schon bei den Studierenden feststellen: Die einen scheitern aufgrund ihrer Ängste und eines mangelnden Selbstvertrauen und andere blühen durch die Herausforderungen erst richtig auf. Das ist genau das, was mich auch in meinen eigenen Untersuchungen zur Resilienz interessiert hat: Was haben die einen, was die anderen nicht haben?

Sind Heilmittelerbringer*innen nicht schon aufgrund ihrer Tätigkeit Fachleute in Sachen Resilienz?
Zumindest haben wir in der Regel eine recht gute Grunddisposition. Schließlich haben wir ganz bewusst einen Beruf gewählt, in dem wir uns ein Leben lang mit schwierigen Situationen auseinandersetzen müssen. Denn die Patient*innen kommen schließlich zu uns, weil sie in solchen Situationen sind, die uns dann auch nicht gleich aus der Bahn werfen dürfen.

Aber es ist eben ein Unterschied, ob man anderen Menschen hilft, ein Krise zu meistern, oder ob die Krise einen selbst betrifft.
Das ist richtig. Aber es gibt bestimmte Schutzfaktoren, die wir auch bei uns selbst aktivieren können, sodass wir uns nicht mehr nur als Opfer verstehen, sondern uns an die Lösung des Problems machen. Uns Therapeuten kann dabei der Blick auf die eigene Arbeit und auf die eigenen Patienten*innen helfen. Denn wenn man den ganzen Tag mit Menschen zu tun hat, die noch ganz andere Probleme haben, kann dies auch etwas das eigene Leid relativieren. Wenn es uns gelingt, diesen Perspektivwechsel hinzubekommen, können wir unsere eigenen Schutzmechanismen aktivieren.

Das heißt, Ihre Botschaft ist auch, dass man Resilienz lernen kann?
Auf jeden Fall. Früher hat man geglaubt, Resilienz sei ein Wesenszug. Heute ist man da aber weiter und man weiß: Resilienz ist in jedem Lebensalter lernbar. Gerade ältere Menschen haben es da manchmal sogar leichter, weil sie schließlich dafür noch mehr aus dem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen können. Bestenfalls haben sie dabei auch schon die Erfahrung gemacht, dass – und wie – man Krisen bewältigen kann.

Was kann Therapeut*innen in Bezug auf Corona Hoffnung machen oder Mut geben?
Zum Beispiel, indem wir uns bewusst machen, dass wir ohne die Pandemie in Sachen Videokonferenzen und Teletherapie nie so weit gekommen wären. Ich selbst bin ja auch alles andere als ein Digital Native und hätte mich ohne diesen äußeren Zwang sicherlich nicht mit dem Thema auseinandergesetzt. Aber jetzt empfinde ich das tatsächlich als eine Bereicherung und bin dankbar, dass wir diese Erfahrung machen durften – so bescheuert diese Situation für uns alle auch ist.

Letztlich muss man also einfach nur positiv denken?
Man sollte es zumindest versuchen. Das gelingt natürlich nicht immer, mir auch nicht. Übrigens: Resilienz bedeutet nicht, jede Situation sofort und spielend meistern zu können. Denn es gibt immer Herausforderungen, die einem in dem Moment auch überfordern können. Resilienz heißt aber, zu wissen, dass man die Kraft hat, irgendwann wieder nach vorne zu schauen und nicht im Selbstmitleid zu verharren.

Sie setzen sich dafür ein, dass das Thema auch in der Ausbildung von Heilmittelerbringern mehr verankert wird. Sind Sie zuversichtlich, dass das auch passiert?
Ja, sehr. In diesem Bereich passiert gerade sehr viel. Und das ist auch gut und wichtig: Zum einen, weil es in unserem Beruf ja immer darum geht, anderen Menschen zu helfen, aus ihren Krisen herauszufinden. Zum anderen aber auch, weil Corona schließlich nicht die einzige Herausforderung ist, mit der wir Therapeuten tagtäglich zu tun haben. Egal ob wir uns mit den geringen Vergütungen oder den völlig veralteten Berufsgesetzen auseinandersetzen müssen. Eine große Portion Resilienz ist in unserem Beruf immer gefragt!


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