Respekt für die Kollegen!

Für Andreas Pfeiffer, Vorsitzender des Deutschen Verbands der Ergotherapeuten, haben sich in der Krise die Maßnahmen der Politik bewährt. Der Wunsch nach Videotherapie wurde spontan wahr.

Der erste Schockzustand nach Ausbruch der Corona-Pandemie scheint vorbei. Wie haben die Ergotherapeuten diese Krise bislang erlebt?
Das kann man schlecht verallgemeinern. Die Umsatzeinbrüche waren sehr abhängig von der Art der Praxis und dem Standort. Das ging von 30 Prozent hoch bis 90 Prozent. Für alle war das natürlich erst einmal tatsächlich ein Schock, zumal die Einnahmesituation bei den Heilmittelerbringern lange Zeit nicht so war, dass man groß hätte Rücklagen bilden können. Das hat sich natürlich in der Krise gerächt, weil viele Praxisinhaber durch die Krise sehr schnell in einen Liquiditätsengpass geraten sind.

Wie beurteilen Sie die Unterstützungsmaßnamen seitens der Politik?
Die waren tatsächlich sehr hilfreich. Angefangen bei der Soforthilfe für Kleinunternehmer und der Kurzarbeiterregelung und jetzt vor allem das, wofür wir Verbände uns sehr stark gemacht haben: der Rettungsschirm für Heilmittelerbringer. Nach unseren Daten schafft der für rund 80 Prozent der Kollegen eine große Sicherheit. Allerdings gibt es noch einige Härtefälle, um die wir uns kümmern müssen, beispielsweise Praxen, die als Neugründungen durch das Raster fallen, aber natürlich genauso betroffen sind von der Krise.

Durch das Raster gefallen sind auf der anderen Seite aber auch ganze Berufsgruppen – von den Künstlern und Kulturschaffenden bis hin zu Gastronomen –, für die es keinen Rettungsschirm gibt. Ist es nicht erstaunlich, dass diesmal die Heilmittelerbringer auf der Gewinnerseite stehen?
Es tut mir für jeden leid, dem nicht geholfen wurde. Allerdings kann man diese Gruppen auch nicht ganz vergleichen, denn Heilmittelerbringer sind nun einmal Teil der Gesundheitsversorgung. Die Politik musste einfach berücksichtigen, dass es durch die Vernachlässigung in den vergangenen zwei Jahrzehnten bereits zu erheblichen Versorgungsengpässen gekommen war. Wenn man jetzt in der Corona-Krise nicht darauf reagiert und die nicht Praxen gerettet hätte, wäre danach das Problem gar nicht mehr in den Griff zu bekommen gewesen. Gerade vor dem Hintergrund ohnehin schon voller Praxen einerseits und der demographischen Entwicklung andererseits hätte man sich das einfach nicht mehr leisten können.

Das heißt, sie stellen der Politik in der Corona-Krise insgesamt ein gutes Zeugnis aus?
Ja, wir sind in der Tat sehr zufrieden. Wir wissen es durchaus zu schätzen und sehen das auch als eine Geste der Politik, dass Heilmittelerbringer gesehen und als wichtig erachtet werden. Aber auch insgesamt haben wir als Verband das Gefühl, dass Gesundheitsminister Jens Spahn mehr als seine vielen Vorgänger in den vergangenen zwei Jahrzehnten auf unsere – allerdings auch sehr berechtigten – Anliegen reagiert. Das ist natürlich sehr begrüßenswert.

Neben der finanziellen Unterstützung haben sich auch die Rahmenbedingungen für die Heilmittelerbringer erstaunlich schnell geändert. Stichwort: Videotherapie.
Wir haben seit vielen Jahren versucht, dass die Videotherapie aufgenommen wird. Dabei ist es uns nicht gelungen, dass uns die Krankenkassen diese Behandlungsform als Leistung anerkennen. Dass das jetzt über Nacht passiert ist: Respekt. Da muss man den GKV-Spitzenverband durchaus mal loben. Aber die Anbieter dieser Plattformen waren in der Krise ebenfalls außerordentlich hilfreich, weil sie diese schnell, unbürokratisch und vor allem kostenlos zu Verfügung gestellt haben. Respekt gebührt aber nicht zuletzt unseren Therapeuten, die das ruckzuck etabliert haben: Nach unseren Zahlen haben rund 70 Prozent aller Praxen die Videotherapie umgesetzt. Das ist für unsere Branche genau der Digitalisierungsschub, den wir uns so lange gewünscht haben.

Vor der Corona-Krise lehnten aber auch viele Therapeuten selbst die Videotherapie ab. Wie ist das heute?
Vielleicht die Hälfte der Kollegen hat sich die Möglichkeit zur Videotherapie schon vor Corona gewünscht und vielleicht ein weiteres Drittel war zwar etwas skeptisch, aber durchaus bereit, es mal auszuprobieren. Nur eine kleine Minderheit war tatsächlich dagegen. Und jetzt sind die Rückmeldungen eigentlich durchweg sehr positiv – verbunden mit der Bitte, dass die Regelung unbedingt verlängert werden soll.

Zunächst wird sie aber erst einmal Ende Juni auslaufen. Wie zuversichtlich sind Sie, dass sie noch einmal verlängert wird?
Eigentlich sollte die Regelung ja bereits zum 31. Mai auslaufen und wir sind froh, dass wir eine Verlängerung um einen Monat rausschlagen konnten. Wir setzen uns natürlich dafür ein, dass es jetzt noch einmal verlängert wird. Die Signale sind jedoch bislang nicht unbedingt positiv. Das heißt, wir müssen damit rechnen, dass es zumindest für eine Weile dann wieder nicht möglich sein wird, diese Leistung anzubieten. Aber wir setzen selbstverständlich alles daran, dass wir uns in den aktuellen Verhandlungen zum neuen Rahmenvertrag im Herbst damit durchsetzen können.

Ihre Prognose?
Die Verhandlungen mit den Kassen sind traditionell sehr schwierig. Ich wüsste aber nicht, wie sie ihren eigenen Versicherten erklären wollten, dass sie ihnen dieses in der Krise bewährte, funktionierende und Versorgung sichernde Angebot jetzt wieder vorenthalten möchten.

Nach unseren Zahlen haben rund 70 Prozent aller Praxen die Videotherapie umgesetzt. Das ist für unsere Branche genau der Digitalisierungsschub, den wir uns so lange gewünscht haben.
Andreas Pfeiffer, Vorsitzender des Deutschen Verbands der Ergotherapeuten

Inwieweit war die Corona-Krise auch eine Herausforderung für Ihren Verband?
Das war sicherlich alles sehr herausfordernd, zumal sich unser Arbeitsalltag natürlich genauso schlagartig komplett verändert hat und alles aus dem Homeoffice erledigt werden musste. Aber wir können durchaus mit einem gewissen Stolz auf die letzten Wochen zurückschauen, denn wir haben das insgesamt alles sehr gut gemeistert. Zumindest bestätigen uns das unzählige Mails, Briefe, sogar Pakete von Mitgliedern, die sich für unsere Arbeit bedanken wollten. Und so ein positives Feedback ist ja eher ungewöhnlich, normalerweise melden sich ja eher nur die Kritiker zu Wort. Aber diesmal kamen auf jeden, der sich wegen irgendetwas beschwert hat, mindestens zehn, die sich dafür bedankt haben, wie wir in der Krise informiert und wie wir die Interessen der Ergotherapeuten vertreten haben.

Eigentlich sind Ergotherapeuten ja auch per se Fachleute in Sachen Krisenbewältigung...
Das ist richtig! Ergotherapeuten ermöglichen ja – ganz grob definiert – Menschen mit Einschränkungen, den Alltag mit all seinen Krisen zu bewältigen. Von daher ist Corona im Grunde genommen nur eine Variante von dem, was wir eigentlich immer tun. Der Unterschied war jetzt vielleicht nur der, dass diese Menschen nicht einzelne Patienten sind, sondern wir alle. Diese Krise ist deshalb nicht zuletzt eine riesige Selbsterfahrung, in der wir alle mal sehen, was es heißt, wenn die Routinen, Möglichkeiten und Gewissheiten im Alltag auf einen Schlag verloren gehen. Denn das ist genau das, was unsere Patienten aufgrund eines Unfalls oder einer psychiatrischen Krise ja auch erleben. Und jetzt erleben das eben mal weltweit alle – wir Ergotherapeuten selbst natürlich eingeschlossen.

Sie haben eben mal „grob definiert“, was ein Ergotherapeut macht. Inwiefern ist es denn ein Problem, dass es für viele Menschen nicht so richtig greifbar ist, was sich hinter diesem Beruf überhaupt verbirgt?
Es gibt diverse Umfragen, die immer wieder zeigen, dass tatsächlich der überwiegende Teil der Bevölkerung nicht weiß, was Ergotherapie ist oder eine völlig falsche Vorstellung davon hat. Da haben es Physiotherapeuten natürlich leichter – jeder „hat mal Rücken“. Auf der anderen Seite haben Bombologen oder Flexografen das gleiche Problem. Kein Mensch weiß, welche Berufe sich dahinter verstecken.

Und welche sind es?
Das eine sind Hummelforscher, das andere Stempelmacher.

Nur, dass es bei diesen Berufsgruppen eben auch nicht so schlimm ist, wenn man nicht genau weiß, was diese Leute machen. Ist es nicht viel problematischer, wenn ein Patient oder – noch schlimmer – der Arzt nicht weiß, was ein Ergotherapeut leisten kann?
Doch, sicher. Deshalb bemühen wir uns natürlich mit allen Mitteln und auf allen Kanälen, dies zu ändern – von Social-Media-Kampagnen bis hin zu großflächigen Plakaten in Bahnhöfen. Vor allem versuchen wir aber auch, die Ergotherapie im Medizinstudium zu etablieren. Denn Sie haben recht: Wenn noch nicht einmal der Arzt weiß, was Ergotherapie ist, kann er es auch nicht verordnen. Ich habe selbst früher im Krankenhaus gearbeitet und dort Ärzte erlebt, die in meinem Raum die Fahrräder vermisst haben – weil sie bei Ergotherapie nur an Ergometer gedacht haben.

Eine vergebene Chance für die Gesundheitsversorgung?
Auf jeden Fall! Dabei geht es gar nicht um uns, sondern nur um Patienten, denen wir vielleicht helfen könnten, wenn sie denn den Weg zu uns fänden. Wir selbst haben mit der fehlenden Bekanntheit eigentlich weniger ein Problem, denn unsere Praxen sind dank der verfehlten Politik in den letzten Jahrzehnten auch so schon zu voll.

Apropos Politik: Können sich denn die Ergotherapeuten wenigstens ihr gegenüber Gehör verschaffen?
Mittlerweile klappt das ganz gut. Das wir mit Roy Kühne einen Heilmittelerbringer in Berlin haben hat der Sache sicherlich gutgetan, aber auch der Spitzenverband der Heilmittelverbände (SHV) leistet eine gute Arbeit, wie er die Interessen der Therapeuten bündelt.

Allerdings hat sich gerade Roy Kühne mal gegenüber „Zukunft Praxis“ beklagt, dass er es oft mit 16 Verbänden zu tun hat, die sich nicht einigen könnten...
Aber es ist doch die Aufgabe der Politiker, Interessensgegensätze auszugleichen und nicht die Aufgabe der Verbände. Dafür wählen wir sie doch! Also diese Verbändebashing kann ich da wirklich nicht ganz nachvollziehen. Es gibt doch auch unterschiedliche Parteien und keiner erwartet, dass die sich erst einmal zusammensetzen und dann nur einen Standpunkt vertreten. Das ist doch genau der Pluralismus, der unser Land und eben auch unserer Branche so ausmacht.

Also ist die viel zitierte Zersplitterung der Heilmittelbranche für Sie kein Problem?
Nein, weil sie es auch überhaupt nicht ist. Manchmal – gerade in den Sozialen Netzwerken – hat man vielleicht das Gefühl, dass das so sei. Beispiel: Elektronische Verordnung und elektronische Patientenakte. Da ist vielleicht ein Prozent der Therapeuten strikt dagegen, aber die machen so einen Lärm und erzeugen so viel Aufmerksamkeit, dass draußen manchmal der Eindruck entsteht, wir wären in dieser Frage uneins. Doch das täuscht. Das Gros der Heilmittelerbringer ist nicht zersplittert, sondern teilt sehr viele Werte und Überzeugungen!


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