Social-Media-Marketing: Gefällt mir!

Als Kommunikationsplattformen sind Facebook, Instagram und Co. für viele Heilmittelerbringer nicht die erste Wahl. Dabei wissen sie nicht, was ihnen entgeht.

 

Praxisnah-Fragebogen in diesem Magazin wird regelmäßig abgefragt, was Praxisinhaber von Social-Media-Plattformen wie Facebook,  Instagram oder Twitter halten. Ihre Antworten fallen fast immer gleich aus, nämlich: „Wenig, bis gar nichts!“ Ähnlich ist es bei der Begründung: Meistens hat die Praxis zwar einen eigenen Account, nur eben keine Zeit, diesen zu pflegen. Denn wenn die Praxis voll ist, scheint der dafür zu betreibende Aufwand überflüssig. Ganz anders denkt da die Fitnessbranche. Hier sind die sozialen Netzwerke genauso selbstverständlich wie das Laufen auf dem Laufband oder das Radeln auf dem Ergometer. Der Grund dafür ist, dass man hier nicht nur den Aufwand, sondern vor allem den dadurch zu erzielenden Nutzen vor Augen hat. Dabei geht es nicht nur darum, im Netz Werbung in eigener Sache zu machen, um damit noch mehr Menschen für die eigene Praxis oder das eigene Studio zu gewinnen, sondern vor allem möchte man auf diesem Weg das Geschäftsmodell erweitern oder gar komplett umstellen. Inwieweit sich das auszahlt, ist auf der Kölner Sport- und Fitnessmesse Fibo zu sehen. Bereits seit einigen Jahren setzt die Messe auf Influencer (von englisch ‚to influence‘ dt.‚beeinflussen‘). Sie nehmen vornehmlich über die sozialen Medien Einfluss auf ihre Follower, indem sie etwa auf ihren Kanälen gegen Bezahlung der Hersteller Produkte empfehlen, zum Beispiel Nahrungsergänzungsmittel, Fitnessgeräte oder Sportkleidung. Die internationalen Stars der Branche, die an den Messeständen sowie in der eigens eingerichteten Influencer-Lounge die Besuchermassen in die Messehallen locken, sind bei ihren Followen extrem beliebt. So hat zum Beispiel die aus Venezuela stammende Influencerin Michelle Lewin nicht nur 13,6 Millionen Abonnenten auf Instagram, sondern auch zwei eigene Produktlinien. Ein lukratives Geschäftsmodell. Doch selbst wenn man nur fremde Produkte in die Kamera hält, ist das Geschäft äußerst einträglich – jedoch manchmal auch umstritten. So klagt die Göttinger Fitnessbloggerin Luisa-Maxime Huss, die als @lu_coaching auf Instagram unterwegs ist und dort immerhin knapp 150.000 Follower hat, derzeit vor dem Bundesgerichtshof. Es geht um die Frage, ob Influencer die Empfehlung und Verlinkung von Produkten grundsätzlich als Werbung kennzeichnen müssen, selbstwenn man ihnen nicht nachweisen kann, dass dafür Geld geflossen ist.

Fast jeden Tag ein neues Video

Doch es sind nicht nur junge Fitnessmodels, die sich aufmachen, die sozialen Netzwerke via Selbstvermarktung zu erobern. Hin und wieder wagen sich auch Therapeuten in das „Neuland“ vor. Vorreiter sind hier die US-Amerikaner Bob Schrupp und Brad Heineck, die selbsternannten „two most famous physical therapists on the internet“. Erfolgreich waren die beiden bereits in der analogen Welt. So ist der eine Eigentümer, der andere Mitarbeiter von Therapy Network, einer Praxis, die an acht Standorten in Minnesota und Wisconsin Dienstleistungen in den Bereichen Physiotherapie, Beschäftigungstherapie und Sprachpathologie anbietet. Über den Mittleren Westen der Vereinigten Staaten hinaus bekannt sind „Bob & Brad“ jedoch mit ihrem gleichnamigen Youtube-Kanal, auf dem sie fast jeden Tag ein neues Video hochladen – bei mehr als zwei Millionen Abonnenten. „Unsere Videos bieten die besten Informationen zum Thema „Fit werden, gesund und schmerzfrei bleiben“ und richten sich an Menschen zwischen 0 und 101 Jahren“, heißt es in der Selbstbeschreibung. Daneben gibt es natürlich die obligatorischen Produktbesprechungen. „Als wir anfingen, versuchten wir, komisch zu sein“, berichtet Heineck. „Wir wollten die lustigsten Therapeuten im Internet sein.“ Das ging zunächst gehörig schief. Doch je mehr Videos sie drehten, desto wohler fühlten sie sich vor der Kamera. Ihre Persönlichkeiten kamen allmählich zum Vorschein, zwischen den beiden entwickelte sich eine Chemie. Doch es dauerte Jahre, bis die erste Million Abonnenten zusammenkam und damit die Einnahmen zu sprudeln begannen. Dennoch, so sagen sie, motiviere sie eher die Dankbarkeit, die in unzähligen E-Mails und Kommentaren zum Ausdruck komme – von Menschen auf der ganzen Welt, die Linderung ihrer Schmerzen gefunden hätten. „Das lässt mich weitermachen“, so Heineck.

Ich habe die Vision, möglichst viele Eltern darüber aufzuklären, wie sie ihre Kinder vor Erkrankungen und Fehlbildungen schützen können
Kinderphysio Maike, Physiotherapeutin mit Schwerpunkt Babys und Kleinkinder

Aussagen wie diese lässt manch andere Therapeuten freilich eher aus der Haut fahren. Schwingt bei ihnen doch gerne mit, dass man sich den Besuch einer Praxis sparen könnte, wenn man doch nur den Anweisungen in den Youtube-Filmen Folge leistet und die dort gezeigten Übungen ordentlich wiederholt. Diese Kritik erfährt auch Roland Liebscher-Bracht. Obwohl er selbst noch nicht einmal gelernter Physiotherapeut ist, eilt ihm der Ruf voraus, einer der erfolgreichsten deutschen Schmerzspezialisten zu sein – eine Berufsbezeichnung, die im Gegensatz zum „Schmerztherapeuten“ hierzulande nicht geschützt ist. Erarbeitet hat sich Liebscher-Bracht den Ruf weniger durch sein Gesundheitszentrum in Bad Homburg, das er zusammen mit seiner Frau, der Allgemeinärztin Dr. Petra Bracht, betreibt, sondern vor allem durch die gemeinsamen Aktivitäten auf Instagram (185.000 Abonnenten), Facebook (456.000 Abonnenten) und Youtube (848.000 Abonnenten). Veröffentlicht werden dort unzählige Videos, in denen es um alle Facetten der Schmerzbehandlung geht. Mal gibt Petra Bracht Ernährungstipps gegen Arthrose, ein anderes Mal zeigt Roland Liebscher-Bracht Bewegungsübungen gegen Nacken- oder Rückenschmerzen. Das beliebteste Video („Diese Schlafposition solltest du unbedingt vermeiden“) wurde inzwischen 9,3 Millionen Mal angeschaut. „Ab und zu weisen wir dabei auch auf unsere Faszienrollen, ein neu erschienenes Buch oder auf unser Schmerzfrei-Drücker-Set hin,“ verteidigen sich die beiden auf ihrer Website. Aber: „Wenn man mit einer guten und gewissenhaften Arbeit, die vielen Menschen nutzt, auch Geld verdient, sollte das nicht verwerflich sein.“

Auch als Hobby interessant

Es gibt im Netz auch Therapeuten, denen es überhaupt nicht ums Geld geht. Zum Beispiel Menschen wie die Ergotherapeutin Linda Neubert, die auf ihrer Instagram-Seite vor allem Bilder von sich und ihrem Therapiehund Nero zeigt. Nicht, um Geld zu verdienen, wie sie sagt, sondern als reines Hobby. Fast 2.500 Menschen folgen ihr. Ein anderes Beispiel ist ihre österreichische Kollegin Silvia Taurer, die kein einziges Foto, dafür aber jede Menge ergotherapeutische Tipps postet und sich vor allem an dem Feedback ihrer fast 2.000 Follower erfreut – als Bestätigung für die Sinnhaftigkeit ihres Social-Media-Engagements (siehe auch Interview unter www.optica.de/taurer). Last but not least eine Therapeutin, die unter dem Namen „kinderphysiotherapiemaike“ auf Instagram 18.000 Follower hat. Ihren Realnamen verrät sie nicht. Die 34-jährige Mutter stellt sich in den Mittagspausen und nach der Arbeit hin, um kleine Videos und Podcasts zu produzieren. Nicht, um noch mehr Patienten zu bekommen, sondern eher im Gegenteil: „Ich habe die Vision, möglichst viele Eltern darüber aufzuklären, wie sie ihre Kinder vor Erkrankungen und Fehlbildungen schützen können. Das würde nämlich bedeuten, dass weniger Kinder mit erworbenen Fehlbildungen zu uns in die Praxis kommen und wir somit mehr Zeit für die Kinder hätten, die angeborene Schädigungen haben.“ Ein Geschäftsmodell ist das gewiss nicht, aber auch soziales Engagement zahlt sich aus.


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