Therapie mit Tablet

Digitale Assistenzsysteme unterstützen Therapeuten und Patienten. Weniger Bürokratie und mehr Vernetzung sind zwei der wichtigsten Ziele.

Ein Physiotherapeut ist unterwegs zu einer 80-jährigen Patientin, die sich von einem Schlaganfall erholt. Als Teil eines interdisziplinären Teams betreut er sie im Rahmen einer mobilen Rehabilitation und ist für den Wiederaufbau der Grobund Feinmotorik, Beweglichkeit, Kraft und Ausdauer zuständig. Gerne hätte er sich auf dem Weg kurz mit der Logopädin besprochen, die die Patientin am Tag zuvor gesehen hatte. Geht es ihr gut? Gibt es etwas für ihn zu beachten? Doch er erreicht sie gerade nicht am Telefon. Als er schließlich vor Ort ist, muss er die Behandlung abbrechen. Die Dame fühlt sich krank. Gerne hätte er diese Information auch gleich an den Ergotherapeuten weitergegeben. Doch auch hier erreicht er nur die Mailbox …

„Mobile Reha ist eine äußerst komplexe Angelegenheit, und oftmals ist die Vernetzung der Behandler untereinander die größte Herausforderung“, weiß Dr. Anika Steinert, Leiterin der Arbeitsgruppe Alter & Technik and er Berliner Charité. „Man kann sich, anders als im stationären Kontext, eben nicht mal schnell quasi über den Flur Informationen zurufen, sondern trifft sich in der Regel nur einmal in der Woche bei der Teambesprechung.“ Dabei sei ein möglichst intensiver Austausch eigentlich essenziell, um den anspruchsvollen Übergang ins häusliche Umfeld zu schaffen. „In der Klinik werden die Patientinnen quasi rund um die Uhr betreut, zu Hause ist das natürlich eine ganz andere Situation.“

Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, Therapeuten und Patienten zu unterstützen, und zwar mithilfe digitaler Lösungen. MoreCare heißt ein solches Projekt, das die Forschungsgruppe Geriatrie der Charité zusammen mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) und anderen Partnern entwickelt hat. Hierbei steht das Team über Tablets untereinander und mit den Patienten in ständigem Kontakt. Behandlungsdaten sind über eine sichere Cloud jederzeit abrufbar. Um die Eingabe von Informationen zu erleichtern, wurde eine Spracherkennungssoftware implementiert. Sie ist speziell an die Bedürfnisse von Therapeuten und Patienten angepasst. „Ein Physiotherapeut kann die Dokumentation zu einem Patienten erledigen, während er im Auto unterwegs zum nächsten Termin ist“, so Dr. Norbert Reithinger, Projektverantwortlicher beim DFKI. „Für die Patienten haben wir eine Fernbedienung entwickelt, über die sie die Sprachaufnahme steuern konnten, ohne das Tablet ständig griffbereit haben zu müssen.“ Seit Ende 2019 ist ein Feldversuch mit 20 Patienten abgeschlossen, mit positivem Ergebnis. „Wir haben gesehen, dass es grundsätzlich funktioniert“, so Reithinger.

Selbsttraining über Therapie-App

Die mobile Reha mag ein sehr spezielles Anwendungsfeld für digitale Lösungen in der Therapie sein. Deren Möglichkeiten gehen aber weit darüber hinaus. „Die Technik bietet uns die generelle Möglichkeit, therapeutische Maßnahmen in den häuslichen Kontext hinein zu verlängern“, fasst es Dr. Michael John vom Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS) zusammen. John ist mitverantwortlich für ein Projekt namens Telecura, das sein Institut zusammen mit der Parkinson-Klinik der Beelitz-Heilstätten und der AOK Nordost in Brandenburg entwickelt hat. Die Idee ist, aktivierende Therapien wie Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie in den häuslichen Lebensalltag von Parkinson Betroffenen zu integrieren. Dies geschieht mittels einer Tablet- App, über die Therapeuten in intensiven Kontakt mit den Patienten treten können.

So sei es unter anderem möglich, Tele-Konsultationen durchzuführen und parallel hierzu Videos aufzuzeichnen. Diese könnten dann zum Selbsttraining von den Patienten jederzeit wieder aufgerufen werden. „Das erleichtert natürlich die Einführung neuer Übungsinhalte enorm“, so John. Während der noch andauernden Pilotphase wurden bislang 20 Patienten auf diese Weise durch die ihnen aus dem stationären Rahmen bekannten Therapeuten weiterbehandelt. Eine umfassende Evaluation steht noch aus, erste Rückmeldungen sind aber überaus positiv, berichtet John.

Bei allen neuen Möglichkeiten der Digitalisierung ist allen Experten eines wichtig zu betonen: Den persönlichen Kontakt zwischen Therapeut und Patient können und sollen derartige Assistenzsysteme keineswegs ersetzen. „Die individuelle Betrachtung und Betreuung eines Patienten im direkten Austausch bleibt die Voraussetzung für den Erfolg der Physiotherapie“, so Uwe Eisner, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Physiotherapie. Und ergänzt: „Sinnvoll eingesetzt kann uns Digitalisierung dabei helfen, Therapie nachhaltiger zu machen – mit weniger Bürokratie und einer ausgewogenen Vernetzung unter den an der Versorgung beteiligten Berufsgruppen.“

Die Technik bietet uns die generelle Möglichkeit, therapeutische Maßnahmen in den häuslichen Kontext hinein zu verlängern.
Dr. Michael John, Fraunhofer-Institut für offene Kommunikationssysteme (FOKUS)

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