Therapie ohne Hand anlegen

Die Praxen für Logopädie, Ergo- und Physiotherapie haben ihren Betrieb während der Corona-Krise stark eingeschränkt. Doch ein Teil der Therapien kann weitergehen: per Videokonferenz.

Bei Birthe Hucke, Vorstandsmitglied Deutscher Verband der Ergotherapeuten e. V. (DVE) steht das Telefon nicht still. Die Verbandsmitglieder möchten wissen, wie sie in Zeiten von Corona noch arbeiten können. Ein Weg dazu ist die Videotherapie, die für einige Krankheitsbilder möglich sind. Der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) und die Unfallkassen haben diese Möglichkeit zunächst bis Ende Mai zugelassen. „Alles, wo wir nicht Hand anlegen müssen, geht“, fasst Birthe Hucke zusammen.

Videotherapie setzt nicht nur die Ausrüstung mit entsprechender Technik voraus. Der Patient müsse einverstanden sein und dies schriftlich mitteilen. Auch er muss einen Internetzugang und eine Webcam besitzen. Sind die Voraussetzungen gegeben, sieht Birthe Hucke in der Videotherapie sogar Chancen: „Wir nehmen Einblick in den Alltag des Klienten.“ Beim Blick ins häusliche Wohnzimmer zeigt sich etwa, wieso es dem Klienten etwa Schwierigkeiten bereitet, den Staubsauger zu bedienen – das viel zu kurze Rohr erzwingt eine unbequeme Körperhaltung. Oder das Kind sitzt an einem Schreibtisch, der viel zu klein ist für seinen Bedarf. „Das sind banale Dinge, die sich aber manchmal erst durch den Blick in die Wohnung erschließen“, erklärt Hucke.

Klare Kommunikation wichtig

Die Videotherapie erfordert einiges an Vorbereitung vom Therapeuten. Zwar lassen sich Übungen vormachen und per Kamera zum Patienten übertragen, doch ein Korrigieren der Körperhaltung durch Anfassen ist nicht möglich. „Daher müssen die Erklärungen besonders klar sein, das erfordert eine hohe Kommunikationskompetenz“, betont Hucke.

Der Deutsche Bundesverband für akademische Sprachtherapie und Logopädie e.V. (dbs) aus Moers hat in einer gemeinsamen Umfrage mit den Berufsverbänden dba, dbl und LOGO Deutschland unter 5.074 Teilnehmern ermittelt, dass in der ersten Aprilwoche 77 Prozent aller Therapien ausgefallen sind. Die Hälfte der Befragten hat Videotherapie angeboten. Jedoch konnten für die erste Aprilwoche nur elf Prozent der angebotenen Therapien als Videotherapie geplant werden. Judith Heide, stellvertretende Bundesvorsitzende des dbs, betont, dass nur bestimmte Störungsbilder des Patienten für die Videotherapie zugelassen sind. Nicht dazu gehört etwa die Schlucktherapie. Außerdem müsse dem Patienten ein ruhiger Raum zur Verfügung stehen, um an der Videotherapie teilnehmen zu können. Dies fordert der GKV-Spitzenverband.

„Ich persönlich finde, Videotherapie ist anders, aber nicht schlechter“, sagt Diethild Remmert, Erste Vorsitzende von LOGO Deutschland, dem Verband der Selbstständigen in der Logopädie mit Sitz in Berlin. Von ihren Verbandsmitgliedern hat sie „erstaunlich positive Rückmeldungen“ bekommen. Auch wenn kein persönlicher Kontakt bestehe, sei die Teletherapie ein Weg, bestehende Behandlungen fortzuführen, denn viele Behandlungen könnten nicht für einen längeren Zeitraum unterbrochen werden, ohne dass dies für die Patienten nachteilig wäre.

Der Großteil der Therapien in der Logopädie betrifft Kinder und Jugendliche. Selbst Kinder, die ansonsten eher unruhig seien, konzentrierten sich bei der Videotherapie teilweise sehr gut. „Letztlich kommt es aber auf den einzelnen Patienten an, ob sich die Teletherapie für ihn eignet“, fasst Remmert zusammen.

Chance für die Zukunft Um die Videotherapie auch nach der Corona-Krise beizubehalten, müsste dies vertraglich geregelt werden. Diethild Remmert geht davon aus, dass diese Option in den Rahmenverträgen zwischen der GKV und den Berufsverbänden eine Rolle spielen wird. „Schließlich wäre das nicht nur zu Corona-Zeiten, sondern auch während der Grippesaison sinnvoll, um Therapieausfälle zu vermeiden“, meint Remmert. Auch Birthe Hucke vom DVE geht davon aus, dass sich die Videotherapie für bestimmte Krankheitsbilder bewähren wird und beibehalten werden könnte.


Branchen-News automatisch in Ihr Postfach

Geänderte gesetzliche Vorgaben, aktuelle Absetzungen, spannende Events: Wir bringen Wissenswertes per E-Mail für Sie auf den Punkt – immer Mitte des Monats und bei besonderen Ereignissen auch ganz aktuell.  

Jetzt anmelden



Funktionalität eingeschränkt! Bitte aktivieren Sie JavaScript.