Videotherapie: Fortsetzung ungewiss

Zurzeit verhandeln Kassen und Heilmittelerbringer über die Zukunft der Videotherapie. Ein Kompromiss ist möglich. Doch die Praxen müssen sich wohl auf neue Regularien einstellen.

Am 1. Juli war schon wieder Schluss mit der Videotherapie. Das heißt, so ganz Schluss ist doch nicht, denn Psychotherapeuten und Ärzte dürfen mindestens noch bis Ende September telemedizinisch behandeln. Allein Heilmittelerbringer bekommen diese Leistungen von den gesetzlichen Krankenkassen nicht mehr vergütet. Die privaten Krankenkassen haben hingegen ganz explizit zugesagt, die Errungenschaft aus den ersten Tagen der Corona-Pandemie fortführen zu wollen. Warum auch nicht? Schließlich hält das Virus das Land nach wie vor im Atem, und was sich zu Anfang der Pandemie bewährt hat, sollte doch heute nicht verkehrt sein.


 

"Für uns Ersatzkassen ist eine gute und qualitativ hochwertige Heilmittelversorgung der Patientinnen und Patienten ein wesentlicher Baustein einer guten Krankenversorgung. In diesem Sinne sind wir offen für eine evidenzbasierte Weiterentwicklung der bestehenden Versorgungsmöglichkeiten."

Ulrike Elsner, Vorstandsvorsitzende, VDEK


Wie sich die Videotherapie bewährt hat, zeigt eine Umfrage des Deutschen Verbands der Ergotherapeuten (DVE). Demnach haben sie bis zum 1. Juli mehr als 80 Prozent der Umfrageteilnehmer eingesetzt. Als Gründe für die Videotherapie werden hauptsächlich Ängste auf Seiten der Patienten genannt, persönlich in die Praxis zu kommen. Bei fast einem Drittel aller Patienten ist diese Angst auch mehr als begründet, weil sie bestimmten Risikogruppen Theangehören. All jenen konnte mit der Videotherapie eine adäquate Alternative angeboten werden – die gerne angenommen wurde. Auch die anfänglichen technischen Probleme haben die Praxen mit der Zeit recht gut in den Griff bekommen: Während bei einer ersten Umfrage Anfang Mai noch ein Viertel aller Teilnehmer darüber klagte, dass der Einsatz der Videotherapie häufig oder gar sehr häufig an der Technik scheitere, war es später nur noch jeder Zehnte.

Warum die Krankenkassen sich dennoch dafür entschieden haben, diese Leistung nicht weiter zu bezahlen, darüber kann nur spekuliert werden. Die Vermutung liegt nahe, dass dies eher eine strategische Entscheidung war. Dass man keine Fakten schaffen und keinen Standard etablieren wollte, der sich dann nicht mehr so leicht rückabwickeln ließe. Denn bereits heute ist die Enttäuschung vielerorts groß, dass keine Videotherapie mehr angeboten werden kann. Wie groß wäre sie gewesen, wenn das Aus noch später gekommen wäre und sich noch mehr Therapeuten und Patienten an die neuen Errungenschaften gewöhnt hätten?


 

"Der therapeutische Nutzen und die Qualität der Videotherapie müssen im Vergleich zur persönlichen Behandlung im gleichen Umfang gegeben sein. Auf dieser Basis ist der GKV-Spitzenverband offen, mit den Heilmittelverbänden über mögliche Indikationen, Konzepte sowie inhaltliche und qualitative Rahmenbedingungen für die Videooder Teletherapie im Heilmittelbereich zu sprechen."

Dr. Doris Pfeiffer, Vorstandsvorsitzende, GKV-Spitzenverband


Heilmittel oder Vermittlungsweg

Klar ist indes nur, dass jetzt um die Zukunft der Videotherapie gerungen wird. Denn wenn sich derzeit Vertreter der gesetzlichen Krankenkassen und der Heilmittelerbringer in den Verhandlungen zum neuen Rahmenvertrag gegenübersitzen, geht es auch um dieses Thema. Mit dabei: Uwe Eisner, stellvertretender Vorsitzender des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK). Er spricht von zwei unterschiedlichen Positionen: zum einen diejenigen, die glauben, dass es sich bei der Videotherapie um ein neues Heilmittel handele, dessen Wirksamkeit erst bewiesen werden und worüber dann der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) entscheiden müsse. Zum anderen diejenigen – und das ist die Verhandlungsposition der Heilmittelerbringer –, die darauf bestehen, dass es sich bei der Videotherapie nur um einen neuen Zugangs- oder Vermittlungsweg zum Patienten handelt und eben nicht um ein neues Heilmittel, über das neu beschieden werden müsste. „Dass dieser neue Zugangs- oder Vermittlungsweg einen positiven ergänzenden Effekt hat, ist durch internationale Studien hinreichend bewiesen“, zeigt sich Eisner überzeugt.


 

"Gemeinsam wird es uns gelingen, eine gute und qualitativ gesicherte Versorgung der Patienten sicherzustellen und dabei auch Versorgungsmöglichkeiten weiterzuentwickeln. Hierbei gilt aber auch zu gewährleisten, dass die Behandlungsmethode nicht nur modern ist, sondern Patienten einen hohen Mehrwert verschafft. Diese Weiterentwicklung wollen wir mit allen Leistungserbringern evidenzbasiert vorantreiben."

- Martin Litsch, Vorstandsvorsitzender, AOK-Bundesverband


Stillschweigen über Verhandlungen

Wie die Gespräche laufen, darüber will Eisner indes nichts sagen. Genauso wenig wie Dagmar Karrasch vom Bundesverband für Logopädie (dbl) oder Birte Hucke, Verhandlungsführerin in Sachen Videotherapie seitens der Ergotherapeuten. Darüber habe man Stillschweigen vereinbart, heißt es unisono. Nur so viel: Man sei vorsichtig zuversichtlich, dass man sich mit den Kassen auf einen Kompromiss verständigen könne. Sicher ist inzwischen, dass die Einigung nicht wie erhofft zum 1. Oktober klappen wird, denn auf der Tagesordnung steht das Thema erst wieder auf der Sitzung im nächsten Monat.

Wie könnte so ein Kompromiss also aussehen? „Relativ sicher und auch nachvollziehbar ist, dass sich die Kassen künftig nicht mehr auf eine Blanko-Freigabe für die Videotherapie einlassen“, meint Birte Hucke vom DVE. Das sei durchaus im Interesse der Therapeuten, da im Sinne der Qualitätssicherung die eine oder andere Regel durchaus sinnvoll sei. Auch Hucke will nicht in die Details gehen, ergänzt dann aber: „Es könnte um Fragen gehen, wie hoch der Anteil von Teletherapie im Vergleich zu Präsenztherapie sein darf oder auch, ob der gesamte Therapieverlauf online abgewickelt werden sollte oder ob es nicht vorgeschrieben werden müsste, dass der Patient zur Diagnose oder zur Anamnese auf jeden Fall persönlich in die Praxis muss.“ Dann gebe es natürlich auch noch technische Fragen zu klären – wie die Einverständniserklärung der Patienten und der Datenschutz.

Es bleibt also spannend, ob, wie und wann sich die Kassen bei dem Thema bewegen. Langfristig wird aber ohnehin kein Weg an der Videotherapie vorbeiführen, glaubt zumindest Dagmar Karrasch, Präsidentin des dbl: „Videobehandlungen werden ebenso wie die heutige Präsenztherapie und die Nutzung weiterer digitaler Anwendungen zu unserer zukünftigen Versorgungsrealität gehören.“


 

„Das ist eine extrem sinnvolle Ergänzung"

Der Sprechtherapeutin, Logopädin und Inhaberin der FON Institute Ariane Willikonsky setzt sich schon lange für die Videotherapie ein.

Das ganze Interview mit Ihr lesen Sie hier.


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