Viel Arbeit, wenig Geld

Die Inhaber und Mitarbeiter von Heilmittelpraxen verdienen zu wenig und arbeiten überdurchschnittlich viel. Das bestätigt die Wirtschaftlichkeitsanalyse ambulanter Therapiepraxen.

Inhaber von Heilmittelpraxen verdienen weniger als Angestellte des öffentlichen Dienstes in vergleichbarer Position. Zu diesem Schluss kommt die Wirtschaftlichkeitsanalyse ambulanter Therapiepraxen (kurz: WAT-Gutachten) des Instituts für Gesundheitsökonomik aus München. Das Gutachten wurde Ende Juli nach einigen Monaten Verzögerung auf einer Online-Konferenz vorgestellt. Prof. Günter Neubauer, Inhaber des Privatinstituts, hat in einer bundesweiten Umfrage unter mehr als 4000 Praxisinhabern eine Einkommenslücke von durchschnittlich 24 Prozent ermittelt. Die Ergebnisse sind Belege dafür, was Verbände und Interessenverbände seit Jahren beanstanden: zu wenig Geld für zu viel Arbeit. Anstelle der rechnerisch ermittelten Solleinkommen von 108.000 Euro im Jahr erzielten die Praxisbetreiber nur durchschnittlich 68.500 Euro pro Jahr. Dafür arbeiteten sie deutlich mehr als 40 Stunden pro Woche. Mit dem Gutachten wollen die Heilmittelverbände ihre Forderungen für die bundesweiten Verhandlungen mit den Vertretern der gesetzlichen Krankenkassen untermauern. Das Sozialgesetzbuch verlangt, dass die Preise, die der GKV-Spitzenverband und die Heilmittelverbände aushandeln, eine „leistungsgerechte und wirtschaftliche Versorgung“ ermöglichen. Wie dies im Einzelnen aussehen soll, muss in den Vergütungsverhandlungen herausgefunden werden.

„Die Ergebnisse des Gutachtens belegen deutlich, dass sich dringend etwas ändern muss“, betont Ute Repschläger, Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands selbstständiger Physiotherapeuten. Repschläger hebt zwei Problembereiche hervor: Zum einen die unzureichende Vergütung von Hausbesuchen und zum anderen die fehlende Einbeziehung von Verwaltungstätigkeiten. Die Therapeutenverbände fordern nun eine Vergütungserhöhung von 50,13 Prozent. Der Prozentsatz ergibt sich aus einer Stichprobenerhebung zu den Vor- und Nachbereitungszeiten im Zusammenhang mit den physiotherapeutischen Leistungspositionen. Laut Therapeutenverband Physio-Deutschland liege die Vor- und Nachbereitungszeit gemittelt auf alle Leistungspositionen bei durchschnittlich 666 Sekunden. Das entspreche rund elf Zusatzminuten pro Behandlung. Darin sind rund eine Minute für die Verlaufsdokumentation enthalten. Das WAT-Gutachten bestätigt ebenfalls die Diskrepanz zwischen Arbeitsaufwand und Einnahmen aufgrund nicht abrechenbarer Verwaltungstätigkeiten. Das zeige die prekäre Lage der Praxen, so Neubauer. Die Inhaber erzielten nicht genug Einnahmen, um Rücklagen zu bilden, um eine Krise wie die derzeitige zu überwinden. Inhaber von Podologen- Praxen etwa verdienten pro Stunde nur 1,50 Euro mehr als der Mindestlohn. „Dabei arbeiten sie im Schnitt mehr als 51 Stunden pro Woche“, zitierte Martina Schmidt von den Verbänden der Podologie das Gutachten. „Unter den gegebenen Bedingungen sind kleine Praxen nicht zukunftsfähig.“ Laut Neubauer liegt das Einkommen der Praxisinhaber je nach Heilmittelbereich 22 bis 72 Prozent unter dem Angemessenen. Im Einzelnen beziffert er die Lücke zwischen dem realen und einem angemessenen Einkommen auf 22 Prozent in der Ergotherapie, auf 24 Prozent in der Physiotherapie, auf 49 Prozent in der Logopädie und auf 72 Prozent in der Podologie.

Nur knapp über Mindestlohn

Auch die therapeutischen Angestellten konnten laut Gutachten nicht marktüblich entlohnt werden. Umgerechnet auf die Stunde, verdienten viele therapeutische Mitarbeiter nur knapp mehr als den Mindestlohn. „Die Gehälter in unserem Bereich müssen um 50 Prozent steigen, um konkurrenzfähig zu sein“, bekräftigte Kartin Schubert für die Verbände der Logopäden. Mehr als 35 Prozent ihrer Kollegen seien akademisch qualifiziert, das spiegele sich im Einkommen überhaupt nicht wider. Sie beklagte außerdem den „eklatanten Fachkräftemangel“. Das belegt auch die amtliche Statistik: Die Bundesarbeitsagentur stuft Logopäden als einen der „Mangelberufe“ ein. Bereits jetzt sei sichtbar, so Schubert, dass es an Nachwuchs mangele. Schulabgänger entschieden sich für Berufe, die ihnen bessere Perspektiven und mehr Gehalt böten. Auch ausgebildete Therapeuten wendeten sich nach Schuberts Erfahrung ab und suchten eine Anstellung in anderen Branchen. „Wenn wir nichts ändern, sind in kurzer Zeit die notwendigen Leistungen nicht abrufbar“, warnte Schubert.

Inhaber von Podologenpraxen verdienten pro Stunde nur 1,50 Euro mehr als der Mindestlohn. Dabei arbeiten sie im Schnitt mehr als 51 Stunden pro Woche.
Martina Schmidt, Verband der Podologie

Katrin Schubert wies zudem auf den Aufwand hin, der für die Versorgung von Patienten mit schweren Behinderungen in Einrichtungen entstehe und nicht ausreichend vergütet werde. Das Schreiben von Berichten, die Prüfung von Verordnungen, der Aufwand für die Einhaltung des Datenschutzes – all dies werde nicht von den Krankenkassen vergütet, beklagte Schubert. Das Wirtschaftlichkeitsgutachten hatte ergeben, dass Therapeuten mit den Verwaltungstätigkeiten
im Schnitt 23 Minuten pro Behandlung beschäftigt seien – Minuten, die nicht bezahlt werden.

Das System funktioniert, weil die Angestellten unterbezahlt werden

In der Folge befürchtet Günter Neubauer einen Trend zur Monopolisierung, eine Verdrängung kleiner Praxen durch Ketten und eine Zentralisierung. Damit wäre eine flächendeckende Versorgung gefährdet. „In der Fläche sind vor allem die kleinen Praxen vertreten“, erinnerte Bettina Kuhnert vom Verband der Ergotherapeuten. „Die Nachfrage nach Heilmittelbehandlung wird vor allem auf dem Land steigen, weil die Bevölkerung dort im Schnitt älter ist. Hinzu kommt die demografische Entwicklung.“ Sie kritisierte auch, dass Hausbesuche – etwa mit Blick auf Fahrtzeit, Kilometerkosten und Parkgebühren – nicht ausreichend vergütet seien. „Das System funktioniert derzeit nur, weil die Angestellten unterdurchschnittlich bezahlt werden und die Inhaber mehr als 40 Stunden pro Woche arbeiten, am eigenen Einkommen sparen und ihre Altersvorsorge vernachlässigen“, fasste sie zusammen. Eine mangelnde Altersvorsorge führe in die Altersarmut. Letztlich seien höhere Einkommen absolut gerechtfertigt, so Prof. Günter Neubauer. Denn die Bedeutung der Heilmittelerbringer für ein funktionierendes Gesundheitswesen sei groß: Angemessene Kosten für Heilmittelanwendungen bewirkten schließlich Einsparungen an anderer Stelle, nämlich bei Operationen. Nach Operationen komme es durchaus zu Rückfällen, bei einer konsequenten Physiotherapie jedoch nicht.

11 Minuten Vor- und Nachbehandlungszeit. Darunter fällt:

 

  • Physiotherapeutische Diagnostik
    (u.a. eine ausführliche Anamnese, ein auf den Patienten angepasster Therapieplan oder ein Gespräch mit dem Patienten)
  • Erstellung der Verlaufsdokumentation
  • Kommunikation mit dem behandelnden Arzt
  • Erstellung eines Therapeutenarztberichts
  • Einzug der Zuzahlung
  • Formale und inhaltliche Prüfung
    Wurde die Verordnung gemäß den Vorgaben der Heilmittelrichtlinie ordnungsgemäß ausgestellt?
  • Erneute Absprachen mit dem Arzt bei Änderungen oder Ergänzungen fehlerhafter Verordnungen
 

 


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