Wie verändert das DVG den Praxisalltag?

Das DVG wurde im November 2019 im Bundestag verabschiedet. Den Praxisalltag von Therapeuten beeinflussen wird es auf absehbare Zeit nicht. Es legt aber den Grundstein für die Einführung digitaler Prozesse.

Die Möglichkeiten, die das DVG für Therapeuten eröffnet, klingen verheißungsvoll: Bürokratieabbau, eine bessere Kommunikation mit Ärzten und Krankenkassen, Zeiteinsparungen und eine bessere Patientenversorgung. Dem gegenüber steht die Tatsache, dass viele Praxen bis heute noch keinen Computer haben: Bis die Digitalisierung den Arbeitsalltag von Heilmittelerbringern tatsächlich vereinfachen kann, muss zunächst die entsprechende Infrastruktur flächendeckend zur Verfügung stehen. Auch muss geklärt werden, wer die Kosten dafür trägt. 
 

Digitale Praxisausstattung: Die Eintrittskarte zur Digitalisierung

Therapeuten werden in Zukunft einen elektronischen Heilberufeausweis (eHBA) benötigen. Er soll zentral ausgegeben werden auf Basis eines länderübergreifenden elektronischen Gesundheitsberuferegisters (eGBR) und verschafft Zugang zur Telematik-Infrastruktur. „Das ist die Datenautobahn des Gesundheitswesens, die es allen Berufsgruppen ermöglicht, auf die Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) der Versicherten zuzugreifen“, erläutert Dr. Björn Pfadenhauer, Geschäftsführer vom Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e.V. Für den Datenaustausch zwischen der Praxis-EDV und den Anwendungen der eGK wird ein Konnektor benötigt. Außerdem müssen Praxen einen E-Health-Kartenterminal anschließen: „Mit diesem Kartenlesegerät können drei Arten von Karten eingelesen werden: Der SMC-B-Ausweis belegt, dass der Praxisinhaber berechtigt ist, die Telematik-Infrastruktur zu nutzen. Der elektronische Heilberufeausweis weist nach, dass es sich um einen Physiotherapeuten handelt und ermöglicht eine qualifizierte elektronische Signatur (QES), mit der auch digital rechtsverbindlich unterschrieben werden kann. Und schließlich kann das Gerät die elektronische Gesundheitskarte des Patienten auslesen“, so Dr. Pfadenhauer weiter. Das DVG sieht vor, dass im Heilmittelbereich zunächst nur Physiotherapeuten ab Juli 2021 freiwillig auf die Telematik-Infrastruktur zugreifen können. Für die nötige technische Ausstattung wird der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenkassen (GKV) jeder Praxis 2.600 € zur Verfügung stellen. 
 

Das ist die Datenautobahn des Gesundheitswesens, die es allen Berufsgruppen ermöglicht, auf die Anwendungen der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) der Versicherten zuzugreifen.

Dr. Björn Pfadenhauer, Geschäftsführer vom Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten – IFK e.V. über die Telematik-Infrastruktur

 

Therapieunterstützende Gesundheitsanwendungen

Ist all das einmal eingerichtet und alle offenen datenschutzrechtlichen Fragen geklärt, was genau bringen die digitalen Prozesse dann im therapeutischen Alltag? „Steht die digitale Autobahn zur Verfügung, muss es natürlich sinnvolle Anwendungen geben, um diese auch zu nutzen. Im Moment gibt es da vor allem die Möglichkeit, auf die aktuellen Daten der elektronischen Gesundheitskarte zuzugreifen“, erläutert Dr. Björn Pfadenhauer. „Das Versichertenstammdatenmanagement, also der quartalsweise vorzunehmende Online-Abgleich der Daten, ist bisher die einzige funktionierende Anwendung der elektronischen Gesundheitskarte.“ Das DVG sieht vor, dass in Zukunft therapieunterstützende Gesundheitsanwendungen verschrieben und von den Krankenkassen erstattet werden können. „Aus Therapeutensicht sehe ich das kritisch, denn es fehlt die Qualitätskontrolle: Unklar bleibt dann beispielsweise, ob so verordnete Übungen tatsächlich und korrekt ausgeführt werden“, so Christian Thieme, Landesgruppenvorsitzender Sachsen des Verband Physikalische Therapie – Vereinigung für die physiotherapeutischen Berufe (VPT) e.V. Laut DVG soll in Zukunft das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) für Sicherheit, Funktion, Qualität, Datenschutz und Datensicherheit der Anwendungen zuständig sein. Hersteller müssen zudem nachweisen, dass ihre App die Versorgung verbessert. „Für eine bessere Erfolgskontrolle dieser digitalen Anwendungen wäre es denkbar, dass der Patient auf einer Skala angibt, inwieweit sich seine Beschwerden verbessert haben“, so Thieme.
 

Papierlose Praxis und weniger Bürokratie

Einen wichtigen Schritt hin zur papierlosen Praxis mit weniger Bürokratie stellt die Einführung der elektronischen Verordnung (eVO) dar. Dafür reicht der freiwillige Anschluss an die Telematik-Infrastruktur allerdings nicht aus: Der flächendeckende Zugriff aller Therapeuten muss dafür vorausgesetzt werden können. „Auf diese Weise könnte man in Zukunft notwendige Rezeptänderungen schneller mit dem Arzt kommunizieren. Vielleicht sind demnächst Änderungen auch nicht mehr erforderlich, weil der Arzt die Verordnung direkt bei der Eingabe korrigieren muss“, so Uwe Eisner, stellvertretender Bundesvorsitzender vom Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK) e.V. „Außerdem könnte die Einführung digitaler Prozesse das Abrechnungsmanagement verändern: So wäre eine Prüfung, ob die Verordnung alle gesetzlichen und vertraglichen Voraussetzungen erfüllt, bereits mit Vorlage der elektronischen Verordnung beim Therapeuten denkbar. Die Software könnte beispielsweise eine Verordnung im Rahmen des Entlassmangement als solche zweifelsfrei identifizieren und den Therapeuten auf die verkürzten Behandlungsfristen hinweisen. Dann hätten die Therapeuten von Beginn der Behandlung an Gewissheit, dass die Verordnung auch vergütet wird“, so Eisner weiter.
 

Zugriffsrechte auf die elektronische Gesundheitskarte

Christian Thieme vom VPT beschreibt, wie der digitale Praxisalltag in Zukunft aussehen könnte: „Begrüßenswert wäre es, wenn der Therapeut mit dem Tablet in die Behandlung gehen könnte: Er würde dann digital auf die Befunde, den Behandlungsplan sowie die Dokumentationen zugreifen und auch der Patient könnte noch einmal alles nachlesen und digital gegenzeichnen“. Geklärt werden müssen dafür die Lese- und Schreibberechtigungen der elektronischen Gesundheitskarte. So fordert beispielsweise der IFK, dem „Patienten die Entscheidungsbefugnis zu überlassen, wer auf welche Daten zugreifen kann. […] Letztlich kann damit der Therapieverlauf optimiert werden, was dem Patienten unmittelbar nützt“. Und schließlich darf sich die Digitalisierung im Heilmittelbereich nicht auf Physiotherapeuten beschränken: „Es ist schlicht nicht verständlich, warum nur Physiotherapeuten an die Telematik-Infrastruktur angeschlossen werden sollen. Alle Heilmittelerbringer und sogar alle Gesundheitsfachberufe sollten den Zugriff erhalten. Denn Digitalisierung und Vernetzung kann nur erfolgreich sein, wenn alle beteiligt werden“, schließt Dr. Björn Pfadenhauer.   


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