Wille und Flexibilität

Eine barrierefreie Praxis ist für viele Patienten ein Segen. Ein Muss für den Praxisinhaber ist sie aber nicht. Nur rund ein Drittel der Arzt- und Therapiepraxen sind tatsächlich barrierefrei.

Für alle, die uneingeschränkt gehen, hören oder sehen können, ist Barrierefreiheit meist ein Begriff am Rande der Wahrnehmung. Für diejenigen, die in ihrer „Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt“ sind – wie die gesetzliche Definition des Begriffes Behinderung lautet –, ist es aber ein zentraler Aspekt. Denn nicht barrierefreie Webseiten, Verkehrsmittel oder Gebäude – auch Gesundheitseinrichtungen – können für sie unüberwindliche Hindernisse darstellen. Ein Hindernis sind zu hohe Türschwellen oder der fehlende Aufzug doch ebenso für ältere Patienten und diejeninge, die aufgrund einer Sportverletzung nur kurzzeitig auf Gehhilfen angewiesen sind. Gleiches gilt für Eltern mit Kinderwagen. Das Thema Barrierefreiheit hat daher auch im Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG), das am 11. Mai 2019 in Kraft getreten ist, seinen Niederschlag gefunden. Dort heißt es, dass die Spitzenverbände eine Empfehlung zur Ausgestaltung einer barrierefreien Praxis abgeben sollen. „Eine generelle Pflicht, die Praxis barrierefrei zu gestalten, entsteht hieraus jedoch nicht. Grundsätzlich ist die Barrierefreiheit zudem im Baurecht gesetzlich geregelt“, sagt Thorsten Vogtländer, Geschäftsführer des Deutschen Verbandes für Physiotherapie (ZVK) e. V.

Der Anteil der barrierefreien Praxen, ärztliche und andere, lag 2018 bei einem Drittel und damit etwa genauso hoch wie 2009. Es hat sich in knapp zehn Jahren also fast nichts geändert.
Melanie Ludwig, Leiterin der Fachstelle für Barrierefreiheit beim Sozialverband VdK Deutschland e. V.

Da das Baurecht in die Zuständigkeit der Bundesländer fällt, könnten die baurechtlichen Vorgaben von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich sein. Tatsächlich heißt es beispielsweise in Paragraph 54 der hessischen Bauordnung (HBO), dass Einrichtungen des Gesundheitswesens barrierefrei sein müssten, allerdings nicht, wenn dies „nur mit einem unverhältnismäßigen Mehraufwand umgesetzt oder aus bautechnischen Gründen nicht erfüllt werden“ könne. Vogtländer kann solche Ausnahmen in der Praxis bestätigen: „Seitdem ich für den Verband tätig bin, habe ich noch nie davon gehört, dass ein Bauamt einen Praxisgründer bei Bestandswohnraum zur absoluten Barrierefreiheit verpflichtet hätte.“ Die Bauämter agieren hier in der Regel mit Augenmaß. Von einer angemieteten Praxis im ersten Stock eines Mehrparteienhauses ohne Fahrstuhl hat noch kein Bauamt den nachträglichen Einbau eines Fahrstuhls im Ergebnis verlangt. „Das wäre auch nicht zumutbar, denn der Einbau eines Aufzugs oder die Verbreiterung von Türen erfordern in der Regel hohe fünf- bis sechsstellige Investitionen, die mit Blick auf die aktuelle Vergütung für keinen Praxisgründer finanzierbar sind“, sagt Thorsten Vogtländer.

Bei Bestandsimmobilien ist Barrierefreiheit eine Seltenheit

Doch wie ist es gegenwärtig um die Barrierefreiheit in Deutschlands Praxen bestellt? Melanie Ludwig, Leiterin der Fachstelle für Barrierefreiheit beim größten Sozialverband Deutschlands, dem Sozialverband VdK Deutschland e. V., beobachtet eine Stagnation beim Ausbau: „Der Anteil der barrierefreien Praxen, ärztliche und andere, lag 2018 bei einem Drittel und damit etwa genauso hoch wie 2009. Es hat sich in knapp zehn Jahren also fast nichts geändert. Nur in den medizinischen Versorgungszentren, unter denen viele relativ neue Gebäude sind, liegt der Anteil bei rund der Hälfte, die zumindest einige Kriterien der Barrierefreiheit erfüllen.“ Für diese geringe Quote hat die Expertin wenig Verständnis. Zwar werde der zeitliche Mehraufwand, den Ärzte und Therapeuten mit Menschen mit Einschränkungen haben, nicht finanziell abgegolten: „Aber Physio- und Ergotherapeuten haben viele Patienten, denen der Praxisbesuch erleichtert werden könnte. Auch angesichts des demografischen Wandels und einer alternden Gesellschaft sollten sich Praxisbetreiber auf solche Patienten besser heute als morgen einstellen“, sagt Ludwig. Sozialverbände wie der VdK setzen sich schon lange für mehr Barrierefreiheit in ambulanten Gesundheitseinrichtungen ein. Doch selbst Praxisbetreiber, die Barrierefreiheit in Bestandsimmobilien anbieten wollen, müssen oft sehr flexibel sein. Das zeigt der Fall der Physiotherapeuten Rita und Martin Reinhart, die in Baden-Württemberg drei Praxen betreiben, eine in Tettnang, zwei im benachbarten Weingarten. „Der ältere der beiden Weingartener Standorte war nicht barrierefrei, und das war für viele Patienten wirklich schwierig, besonders, da wir Logopädie und Ergotherapie mitanbieten“, sagt Rita Reinhart. Das Therapeutenpaar suchte lange nach geeigneten Räumlichkeiten zur Miete und fand nur eine weitere kleine Immobilie, die den Anforderungen entsprach und sich beispielsweise auch für den Besuch mit einem elektrischen Rollstuhl eignete. „Deshalb haben wir jetzt zwei kleine statt einer großen gemeinsamen Praxis in Weingarten, obwohl eine natürlich deutlich praktischer wäre. Aber für die Barrierefreiheit war es uns das wert“, sagt Reinhart.


 

So geht barrierefrei:

Viele Fragen rund um die Barrierefreiheit in der medizinischen Versorgung beantwortet die Webseite „Praxis-Tool Barrierefreiheit“, ein Gemeinschaftsprojekt des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales, der Stiftung Gesundheit Fördergemeinschaft e. V. und der Stiftung Gesundheit. Das Tool ist zwar für Arztpraxen gedacht, gibt aber auch Heilmittelerbringern wertvolle Hinweise, was nötig ist, um Barrierefreiheit in der eigenen Praxis umzusetzen. Auch finden sich dort direkte Links auf alle Landesbauordnungen in Deutschland.


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