Anti-Stress: Der Weg der Achtsamkeit

Gerade in der Pandemie sind Physiotherapeut* innen, Ergotherapeut* innen und Logopäd*innen einer hohen physischen und psychischen Belastung ausgesetzt. Ein Weg, dem Stress entgegenzuwirken, ist Achtsamkeit.

Seit Beginn der COVID 19-Pandemie trifft sich Mariele Sibum-Berentelg morgens mit Mitarbeiterinnen ihrer Praxis zu einer kurzen Meditation im Hof des Harener Gesundheitszentrums. „Wir machen einen Sinnesspaziergang, gehen in die Natur und nehmen sie ganz bewusst mit allen Sinnen wahr“, sagt sie. „Ich brauche einen Ausgleich zum anstrengenden Alltag in der Praxis.“ Die Suche nach einem Ausgleich war auch der Grund, dass sich die ausgebildete Physiotherapeutin, Osteopathin und Heilpraktikerin in die Yoga- und Achtsamkeitspraxis vertiefte. Im Alter von 50 Jahren studierte Sibum- Berentelg „Komplementäre Medizin und Kulturwissenschaft“ und schrieb eine Masterarbeit über Achtsamkeit. Anschließend beschäftigte sie sich mit dem Ansatz des achtsamen Selbstmitgefühls. Dies bildet seither die Richtschnur ihres privaten und beruflichen Handelns.

Achtsamkeit in Therapiepraxen bezieht sich erstens auf die Haltung der Praxisleitung gegenüber den Mitarbeitern und zweitens auf die Haltung der Mitarbeiter gegenüber den Patienten. „Das fängt schon bei der Rezeptionsfachkraft an, die den Patienten aufmerksam zuhören und freundlich begegnen sollte“, erklärt Sibum-Berentelg. Der dritte Aspekt des Konzepts ist die Achtsamkeit, die Patienten und Mitarbeitenden für sich selbst aufbringen. Schon einfache Übungen helfen, im Alltag achtsamer zu werden. Achtsamkeit heißt, jeden Moment bewusst wahrzunehmen, ohne ihn zu bewerten. Beim Spazierengehen sollten keine inneren To-do-Listen geführt, sondern die Umgebung genau wahrgenommen werden.

Sibum-Berentelg sieht in Achtsamkeit ein Gegenmittel zu Ängsten, Schmerzen und Depressionen. Sie beschreibt, worum es geht: „Wir nehmen den Moment mit Anfängergeist war, möglichst ohne Bewertung und gerne mit liebevollem Mitgefühl für uns selbst und andere. Dabei entdecken wir eigene Ressourcen und können Resilienz aufbauen.“ In ihrer Praxis mit 37 Mitarbeitenden hat sie es zur Regel gemacht, nach jeder Behandlung eines Patienten eine kurze Pause einzulegen und sich bewusst die Hände zu waschen. „Ein kleiner Freiraum, um durchzuatmen und sich selbst wahrzunehmen“, beschreibt sie das Ritual. Sibum-Berentelg hat auch für sich selbst Freiräume in den Arbeitsalltag integriert, etwa durch klar definierte Arbeitszeiten am Computer. Während der Arbeitszeit lässt sie sich nicht von eingehenden E-Mails ablenken. „Mein Handy kann ich ausschalten, denn ich will entscheiden, wie ich dieses Medium nutze“, betont sie.

Eine bedeutende Quelle von Stress sei das Multitasking im Handeln oder auch das Grübeln im Denken „Wenn ich im Kopf gerade zehn Schubladen gleichzeitig geöffnet habe, gerate ich in Stress“, erklärt die Therapeutin. Es sei wichtig, mental umzuschalten, und sich auf den eigenen Atem zu konzentrieren. Der Geist kann sich beruhigen und die Gedanken werden strukturierter. „Meinen Atem habe ich immer dabei und dieser Prozess selbst ist trainierbar“, sagt die Praxisinhaberin. Sie gibt auch ihren Patienten alltagsrelevante Hausaufgaben mit: achtsame Körperübungen oder Meditationen, die sich auch ohne Yogamatte durchführen lassen, etwa morgens im Bett direkt nach dem Aufwachen.

Angesichts des Anstiegs der Selbstoptimierung rät Sibum-Berentelg dazu, sich in Selbstmitgefühl zu üben: „Ich muss nicht perfekt sein.“ Wenn der eigene Arbeitsalltag jemanden zu überwältigen drohe, sei es sinnvoll, sich Ressourcen von außen zu holen und den Prozess des Bewusst-Seins langsam zu trainieren. Auch „Think outside the box“, ein Wechsel der Perspektive könne helfen. „Wie wäre es, wenn ich selbst der Patient wäre? Was würde ich an dieser Stelle brauchen, um heil zu werden?“
An dieser Stelle mitzuleiden sei auf jeden Fall gefährlich. „Es verursacht eigenes Leid und kann langfristig zu Fürsorgemüdigkeit führen“, warnt Sibum-Berentelg. Anstatt sich das Leiden des Patienten selbst aufzuerlegen, solle der Therapeut professionell handeln und dabei selbst gesund bleiben. „Mitleiden kann über kurz oder lang in den Fürsorge-Burn-out führen“, erklärt Sibum-Berentelg.

Ihr Ehemann Michael Faßbender, der auch in der Geschäftsführung des Harener Gesundheitszentrums aktiv ist, hat das Konzept der „Patientenkybernetik“ entwickelt. Unter diesem Motto bietet der ausgebildete Sportwissenschaftler Beratung und Fortbildung für Therapiepraxen an. „Hier wäre die Möglichkeit, dass Achtsamkeit in den therapeutischen Praxen einen größeren Stellenwert bekommt“, wünscht sich Sibum-Berentelg. Aktuell bietet sie mit ärztlichen, psychologischen oder pädagogischen Kollegen Online-Kurse zum Thema Stressmanagement und achtsamen Selbstmitgefühl an.

Nach einer kurzen aber bewussten Pause fühle ich mich wieder erholt und kann mich voller Elan meiner Aufgabe widmen.
Angelika Mettlach, Schulreferentin von Optica

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass vor allem in Pflegeberufen viele Risikofaktoren für Stress zusammenkommen. Insbesondere der Mangel an ausgebildetem Personal und ein hohes Arbeitsaufkommen tragen dazu bei. Die hohe Arbeitsbelastung kann zu emotionaler Erschöpfung führen. Andauernder Stress schädigt den Körper. Entzündliche Prozesse nehmen zu, das Immunsystem wird geschwächt. Eine bewusste Teepause legt Angelika Mettlach, Schulungsreferentin von Optica, während ihres Arbeitsalltags ein. „Es geht darum, mal eine Pause zu machen und achtsam zu genießen. Nebenbei zu essen und gleichzeitig etwas lesen oder eine Mail schreiben, ist schlecht für die Figur und verursacht auch noch mehr Stress. Lieber nur auf eine Sache konzentrieren und die dann auch richtig machen. Nach einer kurzen aber bewussten Pause fühle ich mich wieder erholt und kann mich voller Elan meinen Aufgaben widmen.“

Angelika Mettlach hat gemeinsam mit der Therapeutin Sibum-Berentelg ein Online-Seminar zu diesem Thema durchgeführt. Seither ist sie überzeugt: „Durch Achtsamkeitsübungen nehme ich meine Umwelt bewusster wahr und konzentriere mich auch besser.“


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