Geschichten für die Seele

Schwierige Situationen bewältigen, liegt Therapeuten im Blut. Selbst die Corona-Krise, können sie bewältigen – wenn sie die positiven Dinge nicht aus den Augen verlieren. Barbara Freitag-Herse hat einige aufgeschrieben.

Liebe Praxisinhaber, liebe Therapeuten, liebe Menschen, bitte nehmen Sie sich ein weißes Blatt Papier, egal wie groß, und machen Sie irgendwo auf dem Papier mit einem Stift einen Punkt. Dabei ist es vollkommen egal, mit welcher Farbe Sie diesen kleinen Punkt machen. Auch die Platzierung wird nicht bewertet. Nun kommt das Wichtige: Stehen Sie auf, betrachten Sie das Papier aus einem größeren Abstand, ein oder zwei Meter. Was sehen Sie?


Geschätzte 97 Prozent der Menschen, denen ich diese Frage in meinen Seminaren gestellt habe, antworteten: „Einen Punkt!“
Und genau da liegt unser Problem mit dem Stressmanagement verborgen, mit dem eigenen Stabilisieren und Leveln, mit dem Work-Live-Balancing. Gerade in unserem Beruf, in dem wir von Beginn an lernen, Auffälligkeiten, Defizite etc. zu sehen. Wir sehen schwarze Punkte. Wir richten unseren Fokus auf das, was nicht klappt, was problematisch und schwierig ist. Daran halten wir uns fest und kauen darauf herum. Wir fühlen uns schlecht, weil uns eine Sache misslungen ist, sich ein Patient beschwert, eine Abrechnung oder ein Bericht oder nicht perfekt war. Wir sehen nicht die 64.735 richtig abgerechneten Verordnungen, die vielen zufriedenen Patienten, all das, was gut läuft, was wir schon geschafft haben und jeden Tag vollbringen, gerade in dieser Zeit. Wir sehen das weiße Blatt nicht mehr.


Die vergangenen Monate haben uns eine Unsumme an schwarzen Punkten und Pünktchen geliefert: was wir noch nicht umgesetzt haben, was sich 14-tägig ändert, Fallzahlen, Absagen, geschlossene Heime, Kurzarbeit oder Therapeutenmangel, drohender Lockdown. Bestimmt sind mehrere Punkte eher mit dem Malerquast gemalt als mit einem spitzen Bleistift. Und gerade dann ist es unsere Pflicht als Arbeitgeber und Therapeuten, die freien Stellen auf dem Papier zu sehen, uns gegenseitig zu unterstützen und zu stärken. Ich werde nie vergessen, wie einmal mein jüngster Sohn, damals drei Jahre alt, mich daran erinnerte. Ich hatte mir als persönliche Gedächtnisstütze ein weißes Blatt mit einem schwarzen Punkt in der Mitte an den Kühlschrank geheftet. Ich komme also in die Küche und sehe meinen Sohn, wie er auf einem Stuhl stehend bewaffnet mit vielen Buntstiften darauf herumkrickelt. Bevor ich auch nur Luft holen konnte, strahlte er mich an und sagte „toll, du hast mir ganz viel Platz für die Farben gelassen!“


Daher wollte ich von Ihnen wissen: Was spielt sich bei Ihnen auf dem weißen Blatt Papier neben dem Punkt ab? Was haben Sie alle in Ihren Praxen, Ihren Teams erlebt, was auch anderen Stärke und Hoffnung geben kann? Was haben Sie aufgrund der Situation verändert und es hat sich als so großartig erwiesen, dass Sie es beibehalten wollen? Ein paar dieser „Hühnersuppengeschichten“ – so genannt von Autor und Motivationstrainer Jack Canfield, der irgendwann entdeckt hat, dass es in jeder Familie Geschichten gibt, die der Seele guttun, sie nähren und wärmen wie eine Hühnersuppe, wenn man sich eine Erkältung eingefangen hat – möchte ich (in anonymisierter Form) mit Ihnen teilen.


Eine nette Geste: Geschenkkorb

Ich kam morgens zur Praxis. Ich bin immer die Erste, und vor unserer Tür stand ein kleiner Geschenkekorb mit einer Karte. Mehrere Patienten, die sich in unserem Stadtteil kennen, haben sich zusammengetan und uns Kaffee, Gebäck, selbst gemachte Marmelade und Geld für die Kaffeekasse hineingelegt. Dabei war eine Karte: „Für uns seid ihr relevant!“ Da musste ich so heulen und es hat mich so motiviert, trotz dieser ganzen Einschränkungen weiterzumachen. (Therapeutin aus Stuttgart)

Echte Tränen vom Chef

Ich arbeite als Ergotherapeutin in einer interdisziplinären Praxis mit Physios und Logos. Natürlich haben wir uns unsere Gedanken gemacht, wie das weitergehen soll, wenn die Heime von einem auf den anderen Tag geschlossen sind. Dann kam irgendwann die große Teamsitzung, in der unser Chef uns über Kurzarbeit aufgeklärt hat. Er ist immer sehr tough und fair, aber wenig emotional. Wir hatten alle schon miteinander geredet und Kündigungen befürchtet. Ehrlich gesagt waren wir sogar ziemlich gegen ihn eingestellt, weil er sich kurz vorher noch ein neues Auto gekauft hatte. In der Teamsitzung saß er dann vor uns wie ein Schatten seiner selbst. Er legte uns Zahlen, Auswertungen und Tabellen vor, Gesetze zum KUG, Infoschreiben und so weiter. Wir waren alle zwölf ganz still. Irgendwann sagte die Rezeptionskraft zu ihm: „Entspann dich. Wir wissen, dass du das nicht freiwillig tust!“ Da hat er angefangen zu weinen, ihm rollten einfach die Tränen herunter. Er sagte nur, es tue ihm so leid, mit der Kurzarbeit versuche er, jeden einzelnen Arbeitsplatz zu retten, und er wisse, dass das eine Scheißlösung für jeden einzelnen ist. Er selbst setze sich auch auf Kurzarbeit, alles andere fände er unmoralisch. Inzwischen sind wir alle aus der Kurzarbeit raus und unser Chef hat unseren vollen Respekt! (Therapeutin aus Mönchengladbach)


Also: Feiern Sie die weißen Flächen, denn wir werden gebraucht! Gemeinsam!

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