Telematikinfrastruktur - „Den Nutzen halte ich für sehr groß“

Uwe Eisner, Mitglied im Bundesvorstand und Digitalisierungsexperte bei Physio-Deutschland, rät Physiotherapeut:innen im Interview zu frühzeitigem Anschluss an die Telematikinfrastruktur.

Telematikinfrastruktur - „Den Nutzen halte ich für sehr groß“

Herr Eisner, Physiotherapiepraxen können sich ab 1. Juli freiwillig an die Telematikinfrastruktur (TI) anbinden lassen. Wozu raten Sie: Gleich auf den Zug aufspringen oder lieber abwarten?
Die Frage ist mehrschichtig – ich sehe da drei Ebenen. Erstens: Können wir uns bis dahin überhaupt anschließen, können wir uns gegenüber der TI identifizieren? Zweitens: Spielt unsere Praxissoftware mit? Und drittens: Haben wir einen Nutzen davon? Zum ersten Punkt: Ich bin zuversichtlich, dass wir zum 1. Juli die elektronischen Heilberufsausweise und Institutskarten beantragen können, das hierfür zuständige elektronische Gesundheitsberuferegister (EGBR) wird derzeit in Münster aufgebaut – auch wenn das noch nicht heißt, dass wir die Ausweise sofort bekommen. Mit diesen Dokumenten können wir uns dann gegenüber der TI legitimieren.

Und wie sieht es bei der Praxissoftware aus?
Der Zugang erfolgt grundsätzlich über diese Programme, nicht über Webportale oder dergleichen. Entscheidend wird sein, wie schnell die Softwarehersteller:innen diese Funktion implementieren. Das ist ein Faktor, den ich im Moment noch nicht überblicken kann. Stand heute kann ich nicht sagen: Die Hersteller sind zum 1. Juli am Start. Da mache ich zumindest mal ein Fragezeichen dahinter.

„Die TI ermöglicht den Zugriff auf die elektronische Patientenakte (ePA), auf Medikationspläne, Notfalldaten, Stammdaten, auf die Anwendung „Kommunikation im Medizinwesen“ (KIM) für den sicheren E-Mail-Austausch zwischen Leistungserbringer:innen – dies führt schon zu einem wirklichen Mehrwert in den Praxen.“

Uwe Eisner, Mitglied im Bundesvorstand und Digitalisierungsexperte bei Physio-Deutschland

Dann wären wir beim dritten Punkt, dem Nutzen.
Den halte ich für sehr groß. Die TI ermöglicht den Zugriff auf die elektronische Patientenakte (ePA), auf Medikationspläne, Notfalldaten, Stammdaten, auf die Anwendung „Kommunikation im Medizinwesen“ (KIM) für den sicheren E-Mail-Austausch zwischen Leistungserbringer:innen – dies führt schon zu einem wirklichen Mehrwert in den Praxen. Auch wenn diese Anwendungen teilweise erst nach und nach freigeschaltet werden – dass dies alles kommt, ist absehbar.

Sie raten also Ihren Verbandsmitgliedern, sich so bald wie möglich anschließen zu lassen?
Ja, um alles, was neu hinzukommt, auch sofort nutzen zu können.

Haben Physiotherapeut:innen ausreichende Zugriffsrechte auf die Patientenakte?
Das ist tatsächlich gesetzlich umfassend geregelt worden, es gibt nur wenige Daten der ePA, auf die wir nicht zugreifen dürfen, und das ist auch o. k., das sind Daten, die uns in der Regel nicht interessieren.

Gibt es Argumente, die gegen eine schnelle Anbindung sprechen?
Zu bedenken wäre beispielsweise, dass später einmal auch eine Anbindung ohne Konnektor möglich sein könnte, wie einem Strategiepapier der gematik zu entnehmen ist. Es wäre also abzuwägen, ob ich mir die Hardware kaufe oder lieber auf eine Softwarelösung warte, die möglicherweise günstiger und flexibler sein wird. Aber hier ist die Rede von einem Zeithorizont bis 2025 – und so empfehle ich jedem, der mich heute fragt, jetzt die Hardwarekonnektoren anzuschaffen.

Zudem auch die Kosten erstattet werden.
Wenn man da auf die Ärzteschaft schaut, scheint das nicht immer zwingend kostendeckend zu sein.

Dies wohl in den Fällen, in denen viele mobile Geräte benötigt werden – aus der Ärzteschaft ist zu hören, dass deren Zahl zwar nach Größe der Praxis kontingentiert, aber zu knapp berechnet ist.
Richtig, es gibt Pauschalen, die man ermittelt hat, und sehr große Praxen haben unter Umständen das Nachsehen, kleine dagegen profitieren.

Sind die erstatteten Kosten ansonsten ausreichend?
Es gibt Dienstleistungen, die nicht zu 100 Prozent subventioniert werden. Ein Beispiel ist der elektronische Heilberufsausweis, von dem die GKV sagt, na ja, das ist ja eine Legitimationskarte, die können Sie streng genommen auch für andere Dienste nutzen – ob es da Angebote gibt oder nicht, sei einmal dahingestellt. Dasselbe betrifft die gesicherte Internetverbindung zur TI, damit kann man ja auch im Internet surfen. Zu Punkten wie diesen sehe ich noch Diskussionsbedarf.

Auch beim Anschluss an die TI unterstützt Optica Sie. Nehmen Sie einfach Kontakt zu uns auf!

Mehr Informationen
 

Wie würden Sie vorgehen auf der Suche nach dem richtigen Dienstleister?
Die Anbindung an die TI übernehmen in der Regel spezialisierte Dienstleister, Systemhäuser, die in die Praxis fahren, den Konnektor einrichten, die Verbindung herstellen, die Kartenlesegeräte einrichten. Meinen eigenen IT-Dienstleister kann ich natürlich auch damit beauftragen, wenn er sich das zutraut und vom Hersteller autorisiert ist – es ist eigentlich kein Hexenwerk.

Und wenn ich für meine Praxis noch überhaupt keinen IT-Dienstleister habe – wie finde ich den?
Kriterien bei der Auswahl sollten die räumliche Nähe und die Qualität des Supports sein. Es sollte also ein Anbieter vor Ort sein oder ein sehr großes Haus mit entsprechend vielen Servicetechniker:innen. Da ist der Markt mittlerweile groß – was auch wir in den Verbänden aufgrund der vielen Kooperationsanfragen bemerken.