Der Überforderung im Therapiealltag trotzen

Therapeut:innen sind im Alltag mit vielen Herausforderungen konfrontiert. Wie brennend ist dabei das Thema Überforderung und welche Stellschrauben versprechen Entlastung?

Ergotherapeutin und Seniorin arbeiten an Fingerbewegungen

Immer mehr Menschen kehren Gesundheitsfachberufen den Rücken. Offizielle Erhebungen gibt es nicht. Dabei deuten Rückmeldungen von Therapeut:innen, die ihre Mitgliedschaft in Heilmittelverbänden wegen eines Berufswechsels beenden, darauf hin, dass ein Hauptgrund für die Berufsflucht in den Vorgaben im Gesundheitswesen liegt: „Wir haben sehr viel Bürokratie und sind zur Dokumentation verpflichtet“, so Bettina Simon, Vorstandsmitglied im Deutschen Verband Ergotherapie e.V. (DVE). „Therapeut:innen investieren auch viel Zeit und Geld in Fortbildungen“, so Bettina Simon weiter. Hinzu käme eine hohe Arbeitsverdichtung: Je älter die Bevölkerung werde, desto mehr wachse die Zahl an Patient:innen. Im sich zuspitzenden Fachkräftemangel stehen dem zu wenige Therapeut:innen gegenüber. Dabei erzeuge die Berufswahl aus ethischen Motiven, nämlich um Menschen zu helfen, einen sehr hohen Arbeitsdruck. „Viele halten dem nicht Stand“, stellt sie fest.

Wachsende Überforderung im Heilmittelalltag

Dagmar Schlaubitz, Vorstandsmitglied im Deutschen Verband für Physiotherapie (ZVK) und selber Physiotherapeutin, sieht drei Faktoren, die auf eine Zunahme von Überforderung im Heilmittelalltag hindeuten: „Therapeut:innen haben den Anspruch, ihren Patient:innen gerecht zu werden. Die häufig langen Wartelisten erzeugen Druck. Dabei ist es zweitens kaum mehr möglich, angesichts des Fachkräftemangels weitere Therapeut:innen einzustellen. Und der dritte Faktor sind die Gehälter, mit denen Angestellte Mühe haben, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Da bringt ein Berufswechsel für viele die ersehnte Sicherheit“.

Notwendige Folgeschritte, die nicht gegangen werden

Unter Kolleg:innen nimmt Dagmar Schlaubitz eine zunehmende Gleichgültigkeit wahr angesichts kleiner Schritte, die etwa in den Verhandlungen zum bundesweiten Rahmenvertrag oder zur Heilmittelrichtlinie gegangen werden: „Wir haben neue gesetzliche Bestimmungen bekommen, bei denen die Verbände einiges erreicht haben, etwa die Abschaffung der Grundlohnsummenbindung. Dadurch hatten wir die Möglichkeit, eine Gebührenanpassung von 26 % zu erzielen. Aber diese Errungenschaften verpuffen, weil nötige Folgeschritte nicht oder zu langsam gegangen werden“. Dabei hatte etwa die Heilmittelrichtlinie die Hoffnung auf Entlastung bei der Prüfpflicht geweckt, wenn Vereinfachungen zu einer Reduktion an fehlerhaften Verordnungen führen würden. „Das hat sie leider nicht bewirkt: Trotz leistungsfähiger Arztsoftware bleiben Verordnungen fehlerhaft und führen zu Absetzungen bei den Therapeut:innen“, mahnt Bettina Simon. Solange Therapeut:innen zur Prüfung und Korrektur verpflichtet seien, bekäme man dieses Problem nicht in den Griff. Der bürokratische Aufwand erzeuge große Unzufriedenheit. „Dabei verschärfen notorisch knappe Budgets der Krankenkassen den Druck weiter“, ergänzt sie.   

Dem Fachkräftemangel nur wenig entgegenzusetzen

Eine Möglichkeit, der zunehmenden Überforderung zu trotzen, liegt im Thema Ausbildung und Akademisierung. Dabei setzten Schulgelder dem Berufszugang jahrzehntelang eine Hürde entgegen. „Selbst wenn das jetzt nach und nach wegfällt, befeuern diverse weitere Gründe, wie Geburtenrückgänge, den Fachkräftemangel, dem wir wenig entgegensetzen können“, so Bettina Simon. Deswegen müsse man an Perspektiven arbeiten, die Ausbildung etwa durch Akademisierung und eine bessere Vergütung attraktiver zu gestalten. Dagmar Schlaubitz sieht zudem Potenzial, die Arbeitszufriedenheit durch mehr Eigenverantwortung zu steigern. So ergebe sich etwa in der therapeutischen Arbeit, in welchem Zeitintervall Patient:innen am effizientesten behandelt werden sollten. „Die Bevormundung unserer Arbeit durch Krankenkassen und Ärzt:innen muss zum Wohl unserer Patient:innen und mit Blick auf bessere Arbeitsbedingungen beendet werden“. 

Viel Luft hin zu wertschätzenden Arbeitsbedingungen

Viele Kolleg:innen treibe die Angst vor Altersarmut um, so Dagmar Schlaubitz. „Es muss sich etwas an den Rahmenbedingungen ändern.“ Zu diesem Zweck haben sich die Verbände und Krankenkassen aktuell zu neuerlichen Vertragsverhandlungen und Schiedsverfahren zusammengefunden. „Etliche im Terminservice- und Versorgungsgesetz vorgegebene Faktoren sind im aktuellen Rahmenvertrag noch nicht umgesetzt, angefangen mit der wirtschaftlichen Vergütung über neue Leistungsbeschreibungen bis hin zur Verwaltung von Rezepten“, so Dagmar Schlaubitz. „Da ist noch viel Luft und die brauchen wir, um wertgeschätzt arbeiten zu können.“ 

Attraktive Arbeitsbedingungen, um Fachkräfte zu halten

Der wachsenden Überforderung begegnen die Verbände außerdem mit individuellen Beratungsangeboten, etwa zur wirtschaftlichen Praxisführung, Digitalisierung oder zu der Frage, wie sich Arbeitsplätze attraktiver gestalten lassen, denn „freie Stellen zu besetzen ist nur eine Seite der Medaille“, so Bettina Simon. Zusätzlich gelte es, vorhandene Therapeut:innen zu halten. „Ein höheres Gehalt ist meist nicht möglich, aber es gibt weitere Stellschrauben, zum Beispiel Wunscharbeitszeiten, Teilzeitmodelle, aktive Mittagspausen, kostenfreies Obst und Getränke oder flexible Öffnungszeiten“, so Bettina Simon. Sie wünscht sich ein kompetenzorientiertes Denken von Praxisinhaber:innen: „Wenn ich meine Mitarbeiter:innen in Bereichen einsetze, die ihnen liegen und für die sie qualifiziert sind, dann beuge ich deren Überforderung vor“. In einem überwiegend weiblich besetzten Berufsfeld sieht sie zudem Potenzial, Mitarbeiterinnen in der Zeit der Familiengründung zu halten, etwa durch regelmäßigen Kontakt und Teilzeitmodelle, auch in der Elternzeit. 

Patient:innen wieder zum selbstständigen Handeln bringen

„Auf Heilmittelerbringer:innen wartet mehr Arbeit, als es Arbeitende gibt!“, stellt Bettina Simon fest. Daran werde sich in den nächsten zehn Jahren und darüber hinaus wenig ändern. Deswegen sei es an der Zeit, auch in der Therapie umzudenken und angesichts länger werdender Wartelisten dafür zu sensibilisieren, nach welchen Kriterien Patient:innen in Zukunft ausgewählt werden: „Das ist auch eine ethische Frage. Viele Therapeut:innen haben Dauerpatient:innen. Auf der anderen Seite stehen akut Erkrankte, die nicht zum Zuge kommen“, so Bettina Simon. Es gelte, zu den Wurzeln des therapeutischen Berufs zurückzukehren und Patient:innen wieder zum selbstständigen Handeln zu befähigen. Dazu kann auch eine Therapiepause für Langzeitpatient:innen beitragen, in der akut Erkrankte und frisch Operierte ihren Platz im Behandlungszimmer einnehmen können.