"Ganz erstaunliche Erfolge"

Die Physiotherapeutin und Hippotherapie-Expertin Sabine Lamprecht über Chancen und Grenzen einer krankengymnastischen Reittherapie.

Sabine Lamprecht, Hippotherapieverband

Frau Lamprecht, was kann die Hippotherapie, was eine normale Physiotherapie nicht kann?

Der große Vorteil ist, dass die Patient:innen aktiv mitmachen, ohne dass sie es selbst merken. Für sie ist es einfach nur Reiten. Gerade bei therapiemüden Kindern ist das wichtig, die in der Physio Sachen machen müssen, auf die sie einfach keine Lust mehr haben. Wenn dann aber ein Pferd ins Spiel kommt, hat das gleich etwas von Freiheit und Abenteuer und nichts mehr von Therapie.

Für welche Indikationen kommt denn die Hippotherapie in Frage?

Sie wirkt bei neurologischen Erkrankungen, insbesondere bei Multipler Sklerose und bei schwerstkörperbehinderten Kindern, zum Beispiel bei Zerebralparese. Aber auch bei Querschnittpatient:innen gibt es ganz erstaunliche Erfolge. Das Schweizer Paraplegiker-Zentrum in Nottwil, die europaweit renommierteste Spezialklinik für Querschnittmedizin, arbeitet beispielsweise auch mit fünf Isländern. Darüber hinaus ist die Hippotherapie sehr gut anwendbar bei Rückenschmerzen und Skoliosen.

Unterscheidet sich die Hippotherapie von anderen Formen therapeutischen Reitens?

Ja, selbst wenn da leider häufig nicht differenziert wird. Aber die Hippotherapie hat eindeutig physiotherapeutische Ziele wie Spastiklockerung, Muskelaktivierung, Schmerzreduktion oder Gelenkpositionierung und keine psychotherapeutischen Ziele. Auch bei uns geht es natürlich um die „Soft Skills“ – Spaß, Freude, Kommunikation – aber im Fokus steht bei uns eindeutig der Körper. Die positiven Aspekte für den „Geist“, die die Arbeit mit einem Pferd mit sich bringt, nehmen wir aber natürlich gerne mit.  

Die Fokussierung auf den Körper hat auch mit Ihrer eigenen Ausbildung als Physiotherapeutin zu tun.

Das ist richtig. Wir bilden bei uns allerdings auch Ergotherapeut:innen aus, die da noch einmal ein ganz anderes Know-how mitbringen. Das heißt, ich spreche mich gar nicht dagegen aus, die Hippotherapie mit anderen Formen des therapeutischen Reitens zu kombinieren. Man muss nur die jeweiligen Ziele, die man mit der Therapie erreichen möchte, in der Befundung klären, um dann nachprüfen zu können, ob die Therapie auch funktioniert hat.

Und wie sind Ihre Erfolgsquoten?

Mit der Hippotherapie kann man bei bestimmten Patient:innen und bestimmten Indikationen sehr viel erreichen. Das können wir anhand konkreter Beispiele auch gut dokumentieren. Allerdings hat die Therapie natürlich auch ihre Grenzen und ist nicht die passende Antwort auf alle physiotherapeutischen Probleme. Und leider muss man auch sagen, dass nicht alles, was hierzulande unter Hippotherapie angeboten wird, diese Bezeichnung wirklich verdient. Hier lohnt es sich, genauer hinzuschauen. 

Über den Nutzen kann man aber grundsätzlich geteilter Meinung sein. Zumindest sieht der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) in dieser Therapie keinen gesicherten Nutzen. Ein Ärgernis für Sie?

Die Begründung ärgert mich, zumal bei vielen Positionen des Heilmittelkataloges die Evidenz noch viel weniger gesichert ist und sie teilweise noch nicht einmal mit den Leitlinien übereinstimmen. Von daher ist das meines Erachtens eher eine Frage des politischen Willens und weniger der Evidenz. In der Schweiz gab es zum Beispiel diesen politischen Willen, mit dem Ergebnis, dass dort die Hippotherapie bei bestimmten Indikationen schon seit vielen Jahren übernommen wird – trotz der damit selbstverständlich verbundenen Mehrkosten.

Das heißt, Ihre Patient:innen müssen diese Leistung grundsätzlich privat zahlen?

In der Regel: ja. Es gibt nur vereinzelte Kulanzfälle bei der Beihilfe und der Berufsgenossenschaft. Und bei Privatversicherten ist eine Kostenübername abhängig vom jeweiligen Vertrag. Darüber hinaus werden manchmal auch die Kosten von Stiftungen übernommen
 


Die Physiotherapeutin Sabine Lamprecht ist Inhaberin einer Praxis für Physiotherapie und Neurorehabilitation in Kirchheim/Teck, Autorin des Fachbuchs „Hippotherapie“ sowie Vorsitzende des Vereins „Deutsche Gruppe für Hippotherapie“ (www.dgh-ev.com).