Tierisch gute Helfer

Ob Logopädie, Physio- oder Ergotherapie: Wenn Tiere zum Einsatz kommen, ist die Freude bei vielen Patient:innen groß. Aber bringt das auch was?

Junge mit Behinderung streichelt Pony

Die Therapeut:innen auf dem Risthof heißen Mona, Mops und Lilli. Sie haben vier Beine, zwei Hörner und wenn man sie etwas fragt, sagen sie allenfalls Mäh. Die Kolleg:innen sind nicht gesprächiger. Denn neben den drei Ziegen arbeiten hier noch Kühe, Schafe, Hühner, Enten, Hasen, Meerschweinchen, Katzen, Hunde, Pferde, Esel sowie Mathilda und Frida, die beiden Schweine. Die Tiere als Therapeut:innen zu bezeichnen, ist natürlich etwas übertrieben, rechtlich gesehen sind sie nur therapeutische Hilfsmittel wie Gymnastikbälle oder Therabänder. Und doch sind sie in der Praxis von Veronika Rist Teil des Teams – das ansonsten selbstverständlich nur aus menschlichen Therapeut:innen besteht.

Der alte Risthof liegt am Alpsee, dem größten Natursee des Allgäus. Er ist malerisch eingebettet in Wiesen und Wälder, Hügel und Berge. All das klingt nach Ferien auf dem Bauernhof – und genau das kann man hier auch machen. Darüber hinaus ist auf dem Hof, der seit mehr als 200 Jahren in Familienbesitz ist, aber eben auch eine große Praxis untergebracht, die neben klassischer Ergotherapie, Logopädie und Physiotherapie die sogenannte „tiergestützte Therapie“ in all diesen Disziplinen anbietet. Das Besondere hier ist, dass nicht nur ausgebildete Therapiehunde oder -pferde zum Einsatz kommen, sondern fast alle Tiere des Bauernhofes. Auf der besonders gutmütigen Therapiekuh Heidi dürfen kleine Kinder sogar auch mal reiten.

Tiergestützte Interventionen bieten sich auch bei seelischen Erkrankungen an

„Es gibt viele Bereiche, in denen unsere Tiere ganz wertvolle Helfer sind“, sagt Veronika Rist, Tochter der Physiotherapeutin Maria Rist, die die Praxis 1984 eröffnete. Sie selbst ist Ergotherapeutin, wie die meisten ihrer Kolleginnen in der Praxis auch. Das kommt nicht von ungefähr. Denn tiergestützte Interventionen bieten sich in der Ergotherapie besonders an, schließlich wird das Verfahren hauptsächlich – aber eben nicht nur – bei psychiatrischen, psychisch/neurotischen und neurologischen Erkrankungen sowie seelischen und/oder geistigen Behinderungen eingesetzt.

Gefragt nach ein paar besonders eindrücklichen Beispielen für ihre Arbeit, weiß Veronika Rist überhaupt nicht, wo sie anfangen und wo sie aufhören soll. Doch dann erzählt sie von dem Kind mit einer Tetraspastik, das über das Reiten zum Laufen gekommen sei: „Es ist vom Pony abgestiegen und hat plötzlich seine ersten Schritte gemacht.“ Vom Mädchen mit Magersucht, das geholfen habe, einen Esel wieder aufzupäppeln, und dadurch selbst wieder zu einem gesunden Umgang mit dem eigenen Körper gekommen sei. Von dem mutistischen Kind, das durch die Kommunikation mit den Tieren wieder sprechen gelernt habe. Vom hypotonen Jungen, der sich einfach nicht bewegen wollte, dann aber mit Begeisterung den Ziegen hinterherkletterte. Oder von den vielen Kindern mit Problemen in der Feinmotorik, die durch das Anfertigen von Futterketten beispielsweise lernen würden, einen Reißverschluss selbstständig schließen und öffnen zu können.

Lahme die wieder gehen, Stumme die wieder sprechen können? Das klingt vielleicht doch zu sehr nach Wundern. Aber Veronika Rist ist weit davon entfernt, tiergestützte Interventionen als solche verkaufen zu wollen. Im Gegenteil: Bei all dem betont sie, dass der Einsatz von Tieren nur ein Baustein in der Therapie sei, manchmal aber eben genau der Baustein, der bei anderen Therapien fehle. „Die Tiere sind oft nur der Eisbrecher,“ sagt sie – um die Patient:innen zu öffnen. Das funktioniere beispielsweise bei Kindern, die in einer Depression oder in einem Trauma festhingen und mit dem Tier plötzlich ein Gegenüber hätten, das sie nicht bewerten würde und bei dem sie sich plötzlich bedenkenlos entspannen könnten.

Tiere entlasten Patient:innen und Therapeut:innen

Ein weiterer großer Vorteil: die Tiere sind die geborenen Motivationstrainer. Das liegt zum einen daran, dass es einfach mehr Spaß macht, wenn ein Tier dabei ist. Zum anderen hat es aber auch damit zu tun, dass durch sie menschliche Therapeut:innen – die natürlich ebenfalls immer während der Behandlung anwesend sind – nicht als störend empfunden werden. So sind gerade schwer oder mehrfach behinderte Kinder oft schlichtweg therapiemüde. Sie haben keine Lust mehr darauf, von Therapeut:innen zu Übungen angetrieben zu werden, sie wollen einfach nur noch ihre Ruhe haben. „Doch bei uns merken sie oft gar nicht, dass sie gerade eine Intensivtherapie mitmachen, für sie sind das nur Ferien auf dem Bauernhof“, schwärmt Veronika Rist.

Von Kindern bis zu Senior:innen: Therapie mit Tieren tut vielen gut

Aber auch ohne das Bullerbü-Feeling im Oberallgäu können Tiere extrem motivierend sein, berichtet Angela Rembold aus Würselen. Die Inhaberin einer Logopädie- und Ergotherapiepraxis bietet seit rund 16 Jahren ebenfalls eine tiergestützte Therapie an – allerdings nicht mit Bauernhoftieren, sondern ausschließlich mit drei gut ausgebildeten Hunden, der Golden-Retriever-Hündin Layla, der Norfolk-Terrierin Käthe und der Mischlingshündin Paula. „Als Therapeut:in musst du einmal die Weiterbildung machen, um tiergestützte Therapien anbieten zu können“, berichtet sie, „die Hunde haben jedoch alle zwei Jahre eine Nachprüfung.“ Schließlich müsse sichergestellt werden, dass das Tier tatsächlich genau das macht, was von ihm verlangt wird, und nicht doch irgendwann einmal zuschnappt, wenn es ihm während der Behandlung zu bunt wird.

Wie in der Praxis von Veronika Rist zählten auch bei Angela Rembold anfangs hauptsächlich Kinder zur Klientel. „Inzwischen haben wir aber auch sehr viele Anfragen aus Seniorenheimen“, so die ausgebildete Logopädin. Es sei faszinierend, wie die Tiere gerade bei Demenzpatient:innen die Türen öffneten. „Manche sprechen mehr mit dem Hund, als mit mir“, sagt sie lachend. Durch diese indirekte Kommunikation über das Tier würde man manches erfahren, was man sonst kaum herausbekäme. 

Wie erfolgreich eine tiergestützte Therapie tatsächlich ist, lässt sich indes nicht beweisen; es fehlen die entsprechenden wissenschaftlichen Studien und der politische Wille, diese durchführen zu lassen. Das ist auch der Grund, warum der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) im Jahr 2006 „mangels vorhandener Nutzenbelege“ zumindest in Bezug auf eine krankengymnastische Reittherapie (siehe auch Interview "Ganz erstaunliche Erfolge") eine Kostenübernahme durch die Krankenkassen ablehnte. Selbst wenn der G-BA andere tiergestützte Verfahren ausdrücklich nicht untersuchte, hatte dieser Beschluss entsprechende Auswirkungen: Die Kosten werden grundsätzlich nicht von gesetzlichen Krankenkassen und nur in wenigen Ausnahmefällen von anderen Kostenträgern übernommen. Therapeut:innen haben deshalb nur die Möglichkeit, eine tiergestützte Therapie als Selbstzahlerleistung anzubieten oder das Tier als therapeutisches Medium zu wählen – wie andere ein therapeutisches Spiel – ohne die Mehrkosten dafür erstattet zu bekommen. „Immerhin kann man alle Kosten im Zusammenhang mit dem Tier von der Steuer absetzten, von dessen Ausbildung über das Futter bis hin zu den Tierarztkosten“, so Angela Rembold. 

Und dass die Therapie – unabhängig wissenschaftlicher Evidenz – verblüffend erfolgreich ist, zeigt sich nach Ansicht von Angela Rembold gerade dann, wenn man sie nicht anbieten kann: „Ich konnte wegen Corona zwei Jahre nicht mehr mit meinen Hunden in die Seniorenheime, und es war für alle erkennbar, was für ein großer Verlust das für die alten Leute war.“

 


Interview mit Physiotherapeutin und Hippotherapie-Expertin Sabine Lamprecht

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