Profisport: Stütze des Teams

Traumberuf Therapeut:in im Profisport: Gemeinsam verlieren und gemeinsam gewinnen heißt die Devise. Über einen besonderen Arbeitsbereich.

glückliche Fußballspielerin

Ein Erfolg hat viele Gesichter. Als in diesem Mai Eintracht Frankfurt das Finale der Europa League in Sevilla gewann, waren es vor allem die Gesichter von Rafael Borré, der das Ausgleichs- sowie das Siegtor schoss, und von Kevin Trapp, der im Tor zum Helden des Spiels mit abschließendem Elfmeterschießen wurde. Als bei der Feier im Stadion irgendwann jedoch auch Patrick Kux den Pokal in die Hände bekam und stolz in die Kamera reckte, wunderte sich darüber vielleicht manch einer auf den Rängen. Im Team der Frankfurter wusste jedoch jeder, dass der 36-Jährige seinen Anteil am Erfolg der Mannschaft hatte und völlig zurecht mitfeierte.

Kux ist seit Ende 2017 einer von fünf Physiotherapeuten des Lizenzspielerkaders der Eintracht Frankfurt Fußball AG, mittlerweile quasi ein „alter Hase“. Dass in diese Jahre die größten Erfolge der jüngeren Vereinsgeschichte fallen – 2018 gewann die Eintracht bereits im DFB-Pokalfinale gegen Bayern München – mag auch Zufall sein. Unbestreitbar ist jedoch, dass nur ein gesundes Team leistungsstark sein kann und dass dafür Physiotherapeut:innen, als Teil der medizinischen Abteilung des Vereins, von großer Bedeutung sind. Natürlich ist nicht jede fitte und gesunde Mannschaft automatisch erfolgreich, eine schwache und verletzungsgeplagte Mannschaft ist es aber keinesfalls. Und so kommt es nicht von ungefähr, dass in der offiziellen Verletzungstabelle der Bundeligasaison 2021/2022 Eintracht Frankfurt mit durchschnittlich nur 30,55 Ausfalltagen pro Spieler auf einem hervorragenden zweiten Platz landete, während zum Beispiel die seinerzeit enttäuschende Mannschaft von Borussia Dortmund fast dreimal so viel Ausfalltage hatte (86,32).

Im Sportbereich zu arbeiten, gar eine Profimannschaft betreuen zu können, ist für viele Physiotherapeut:innen ein Traumjob. So auch für Angela Popiol. Die 52-Jährige hat vor drei Jahren eine auf Sportphysiotherapie spezialisierte Praxis gegründet – zusammen mit dem THW Kiel, dem deutschen Handball-Rekordmeister und mehrfachen Gewinner der Champions League. Normalerweise beschäftigen Vereine einzelne Therapeut:innen. Dass der THW im eigenen, neu errichteten Leistungszentrum jetzt eine richtige Praxis hat und gleich als Mitgesellschafter einstieg, ist ungewöhnlich, hat aber natürlich große Vorteile. „Hier ist alles Tür an Tür“, so Popiol. Trainingsbetreuung, Krafttraining, Regeneration und im Fall einer Verletzung Rehabilitation: In Kiel haben die Sportler:innen ebenso wie die Therapeut:innen kurze Wege.

Ein Leben im Profisport besteht aber natürlich nicht nur aus Training und Heimspielen, viel Zeit verbringt die Mannschaft in Teambus, Flugzeug und Hotel. Und das Gleiche gilt für die Physiotherapeut:innen, die ebenfalls bei jedem Auswärtsspiel im In- und Ausland dabei sind. „Einen ,Nine-to-five-Job‘ haben wir hier nicht. Wir kennen keinen normalen Feierabend und auch kein Wochenende“, so Popiol. Allerdings sei die Motivation der Sportler:innen ansteckend. Gemeinsam verlieren und gemeinsam gewinnen ist die Devise. Schöner ist selbstverständlich letzteres: „Mein persönliches Highlight war, als die von mir ebenfalls betreute Seglerin Susann Beucke bei den Olympischen Spielen in Tokio Silber holte und danach auf direktem Weg zu mir in die Praxis kam, mir die Medaille mit den fünf Ringen zeigte und sagte: ‚Dieser Kringel hier ist deiner‘.“

Dabei geht es im Profisport bekanntlich nicht nur um den Wettkampf, sondern ebenso ums Geschäft. Die körperliche Fitness und Gesundheit der Sportler:innen hat deshalb eine wirtschaftliche Komponente, die sich auch in Zahlen beziffern lässt. So schätzt eine britische Studie aus dem Jahr 2020 die finanziellen Ausfälle durch Verletzungen in einem durchschnittlichen Verein der Fußball-Spitzenliga Premier League auf 45 Millionen Pfund pro Saison. Gerade Muskelverletzungen stellen eine ernste Belastung dar. Entsprechend wichtig sind hier speziell entwickelte Aufwärmprogramme zur Verletzungsprävention (z. B. FIFA 11+) und Kräftigungsübungen (z. B. Nordic Hamstring Exercise). Die Evidenz solcher Programme nachzuweisen, ist indes nicht ganz einfach. Neuere Studien gehen aber davon aus, dass beispielsweise Verletzungen der ischiocruralen Muskulatur durch trainingsbasierte Präventionsprogramme um rund 60 Prozent reduziert werden können.

60 Prozent weniger Verletzungen der ischiocruralen Muskulatur

 können durch trainingsbasierte Prävention erreicht werden.

Und wie ist die Arbeit mit den Profisportler:innen im Vergleich zu der mit „normalen“ Patient:innen? „Toll“, findet Angela Popiol und lacht. Zum einen müsse man sich über die Compliance der Klient:innen keine Gedanken machen: „Denen muss man nicht erklären, dass sie mitmachen müssen, wenn sie wieder fit werden wollen.“ Zum anderen ist man bei deren Behandlung natürlich nicht an das gebunden, was die Krankenkasse vorgibt und bezahlt. „Die Leute wundern sich immer, wenn ein Profisportler mit Kreuzbandriss nach vier Monaten wieder auf dem Platz steht“, sagt Popiol. Aber das läge eben – neben der Tatsache, dass solche Sportler:innen in der Regel eine bessere körperliche Konstitution hätten – hauptsächlich daran, dass sie eine schnelle, abgestimmte und professionelle Diagnose und Behandlung bekämen.

Kein Wunder also, dass dieser Job bei vielen jungen Physiotherapeut:innen so beliebt ist. Allein: Bis sie tatsächlich mal am Spielfeldrand eines Bundesligaspiels sitzen oder die Wade eines Profis massieren dürfen, vergeht in der Regel sehr viel Zeit. „Ohne Erfahrung und eine gewisse Reputation und Fürsprache in den entsprechenden Kreisen geht da gar nichts“, stellt Popiol klar. Zudem müssten die Interessent:innen Zielstrebigkeit und Ausdauer an den Tag legen – wie zum Beispiel Patrick Kux von Eintracht Frankfurt, der selbst einmal Fußballer war und genau wusste, wo er hinwollte. Bereits während seiner Ausbildung zum Therapeuten spezialisierte er sich auf das Thema „Sportrehabilitation und Prävention“. Nach dem Abschluss ergriff er die Gelegenheit, bei Borussia Mönchengladbach anzuheuern. Er begann mit der Betreuung der Handballmannschaft, um dann aber schon bald zum Fußball wechseln zu können. Über die U15, U16 und U17 arbeitete er sich langsam nach oben, bis ihm schließlich – dank persönlicher Kontakte – der Sprung zum Profi-Kader von Eintracht Frankfurt gelang. Und nun? Eigentlich fehlt jetzt nur noch der Pokal der Champions League. Und für die hat sich die Eintracht mit ihrem Europapokal-Sieg auch dank Patrick Kux qualifiziert.


Interview: Dr. Eric Raehmisch über Ergotherapie im Spitzensport

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