Kundenservice 0711 61947-222

Blankoverordnung: mehr Freiheit für Therapeuten

Mit der Blankoverordnung sollen Therapeuten in Kürze entscheiden dürfen, womit und wie lange sie ihre Patienten behandeln. Noch besser wäre allerdings der Direktzugang.

Wenn sie könnten, würden Therapeuten manchmal gerne anders entscheiden als der Arzt. Gerätetraining statt obligatorische Krankengymnastik bei klassischen Rückenschmerzen zum Beispiel. Die Krankengymnastik am Gerät könne Patienten auf ein späteres Training im Fitnessstudio vorbereiten, sodass sie ihre Beschwerden langfristig aktiv selber managen könnten, wissen Therapeuten aus ihrer Erfahrung. Verschrieben wird dies aber selten – auch weil es teurer sei. Mit dem neuen Entwurf des Terminservice- und Versorgungsgesetz (TSVG) kommt neuer Wind in die Diskussion um mehr Freiheiten für Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden und Podologen bei der Behandlung ihrer Patienten. Dem Gesetzesentwurf zur Folge soll der Arzt zwar weiterhin die Diagnose stellen und eine Therapie verschreiben. Dabei stellt er aber bei bestimmten Indikationen nur noch flexible „Blankoverordnungen“ aus: Methode, Zeitabstand und Dauer der Behandlung soll der Therapeut selber bestimmen.

Bei welchen Krankheitsbildern die Blankoverordnung greifen soll, muss noch verhandelt werden. Der Gesetzentwurf sieht vor, dass die Berufsverbände sich dazu bis Ende März 2020 mit dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung abstimmen. Das Ganze sei „ein Schritt in die richtige Richtung“, sagt Michael Heine vom Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK). Der IFK hat das Modell der Blankoverordnungen von 2011 bis 2017 bereits in 40 Praxen getestet, zusammen mit dem gesetzlichen Krankenversicherer BIG. Heine begleitete das Projekt als wissenschaftlicher Mitarbeiter. „Die Therapeuten hatten in diesem Modellprojekt mehr Spielraum. Den haben sie zum Beispiel dafür genutzt, klassische Krankengymnastik mit ergänzenden Verfahren wie Wärmebehandlungen zu kombinieren, während die Ärzte sonst oft nur ein Verfahren verschreiben. Es hat sich dann gezeigt, dass die Patienten schneller wieder fit waren, wenn die Therapeuten mehr Freiheiten hatten“, sagt Heine.

Kassenärztliche Bundesvereinigung gegen Direktzugang

Mit Blick auf die Gesamtkosten durch Blankoverordnungen lagen diese ein Jahr nach Behandlungsbeginn tatsächlich geringfügig höher als bei strengeren Vorgaben durch den Arzt. Das hat eine Evaluation des Modellprojekts durch die Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaft ergeben. Allerdings ließen sich die Ausgaben womöglich senken, wenn Patienten den Therapeuten künftig ganz ohne Verschreibung vom Arzt aufsuchen könnten und dessen Honorar somit entfällt. Ein solcher Direktzugang habe weitere Vorteile, sagt Heine. Wenn der Therapeut selber Diagnosen stellen und die Behandlung entsprechend anpassen dürfe, könnten Patienten noch individueller und dadurch effektiver behandelt werden: „Der Arzt stellt eben die ärztliche Diagnose und hat seinen eigenen Blickwinkel.“ So schauten die Mediziner etwa auf schwere Grunderkrankungen. „Aber die funktionelle Diagnostik des Bewegungssystems ist die Kernkompetenz der Physiotherapeuten,“ sagt Heine.

Ein Direktzugang zur Physiotherapie ist bereits in etlichen anderen Ländern üblich, so etwa in den Niederlanden, Großbritannien, Schweden und Norwegen. In Deutschland gibt es Widerstand gegen das Modell. So stemmt sich etwa die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) seit Jahren dagegen. Selbst an den Blankoverordnungen gibt es von den Ärzten Kritik: Die KV Baden-Württemberg hat schon Modellprojekte zur Blankoverordnung abgelehnt, die nicht nur der IFK sondern auch der Verband Physikalische Therapie (VPT) gestartet hatten. Diese führten „zu weniger Therapiesicherheit des Patienten,“ heißt es auf KV-Seite. Für die Berufsverbände der Therapeuten hingegen ist die Blankoverordnungen nur eine Übergangslösung. Ihr Ziel ist der Direktzugang.

 

Im neuen Gesetz sollte man in einem nächsten Schritt Modellvorhaben zum Direktzugang erlauben. Es bietet sich gerade eine historische Chance, die auf keinen Fall vertan werden sollte
Michael Heine, Bundesverband selbstständiger Physiotherapeuten (IFK)

Behandlungen dem Einzelfall anpassen

Meinolf Wiese hat mit seiner Dortmunder Praxis am IFK-Modellprojekt teilgenommen und Patienten anhand von Blankoverordnungen behandelt. Auch seine Erfahrung war positiv: „Es hatte den Vorteil, dass ich Behandlungen viel konkreter planen und besser an den Einzelfall anpassen konnte“, sagt Wiese. Als Beispiel nennt er einen Patienten, der nach einem Kreuzbandriss zu ihm in die Praxis kam. „Der Arzt würde typischerweise sechsmal Krankengymnastik je zweimal die Woche verschreiben. Es handelte sich aber um einen jungen sportlichen Mann, der schnell wieder auf die Beine wollte. Also habe ich ihn viermal die Woche behandelt. Gut sei es auch, wenn Behandlungen nicht mehr unterbrochen werden müssten, weil Patienten eine neue Verschreibung vom Arzt brauchen.
Grundsätzlich ist auch Wiese dafür, Therapeuten mehr Freiheiten einzuräumen und langfristig den Direktzuggang zu schaffen. „Das muss aber entsprechend vorbereitet werden“, sagt Wiese. Die totale Freiheit berge die Gefahr, dass manche Kollegen über das Ziel hinaus schießen, und bei ihren Behandlungen das Gebot der Wirtschaftlichkeit vergessen. „Dann könnte uns das Ganze schnell auf die Füße fallen. Die Krankenkassen würden Alarm schlagen, und der Gesetzgeber könnte zurückrudern“, befürchtet Wiese. Vorstellen könnte er sich Schulungen zum wirtschaftlichen Handeln für die Kollegen, aber vielleicht auch eine weitere Mengenbegrenzung der Anwendungen bei einigen Standardindikationen. Auch Michael Heine vom IFK will beim Vorhaben Direktzugang nichts überstürzen, sondern durch neue Modellvorhaben zunächst eine gute Datengrundlage schaffen, um die Politik von dem Modell zu überzeugen. „So ließe sich sicher zeigen, dass man Ärzte damit entlasten und auch Kosten einsparen könnte. „Damit allerdings müsse man jetzt beginnen: Im neuen Gesetz sollte man in einem nächsten Schritt Modellvorhaben zum Direktzugang erlauben. Es bietet sich gerade eine historische Chance, die auf keinen Fall vertan werden sollte.“ 

Sie möchten weitere aktuelle Infos zur Blankverordnung, zu den neuen bundeseinheitlichen Preisen und zu den Verhandlungen zwischen Verbänden und Kostenträgern? Melden Sie sich zu unserem Newsletter an. Wir halten Sie weiter auf dem Laufenden.

TSVG-News per Mail


 

Funktionalität eingeschränkt! Bitte aktivieren Sie JavaScript.