Eine Frage der Ehre

Tagtäglich sind Therapeut:innen im Einsatz für ihre Patient:innen. Für einige von ihnen hört das Engagement jedoch nach Dienstschluss nicht auf. Ein Artikel über das Ehrenamt und darüber, wie es auch die Engagierten bereichert.

Therapeut:innen helfen Menschen. Ihr Verdienst für diese Leistungen hält sich bekanntlich in Grenzen. Beide Umstände zusammengenommen könnten eigentlich dazu führen, dass Therapeut:innen eher zurückhaltend sind, wenn es darum geht, sich auch noch in ihrer Freizeit für andere Menschen zu engagieren. Doch weit gefehlt! Die „soziale Ader“ in dieser Berufsgruppe ist scheinbar so ausgeprägt, dass sich viele von ihnen auch nach dem Feierabend noch ehrenamtlich und unbezahlt in die Arbeit stürzen. Die meisten machen das auch für sich selbst und sprechen von einer Win-win-Situation. ZUKUNFT PRAXIS stellt drei Therapeut:innen, ihre Motivation und ihre Erfahrungen, stellvertretend für viele andere vor.

Einsatz in Sri Lanka

Angela Schleicher ist eine vielbeschäftigte Frau. Zusammen mit ihrem Mann Christian hat die Ergotherapeutin aus Eislingen eine gutgehende Praxis mit rund einem Dutzend Mitarbeiter:innen. Zuhause warten drei schulpflichtige Kinder im Alter von zehn, zwölf und 14 Jahren auf sie. Gerade in der Corona-Zeit, mit Herausforderungen wie Homeschooling einerseits und dem Ausfall von Arbeitskräften andererseits, sei das sehr belastend gewesen, sagt Schleicher. „Ich habe mich erschöpft, ausgelaugt und unglücklich gefühlt.“ Doch statt eine Kur oder einen Wellnessurlaub zu buchen, fliegt die 43-jährige vor einem Jahr kurzerhand nach Sri Lanka, um dort in einem Behindertenzentrum zu arbeiten. Auf Vermittlung des Göppinger Vereins „FRIENDS Kinderhilfe international“ hilft sie dort zwei Monate lang Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – sowie deren Betreuer:innen. „Ergotherapie ist in Sri Lanka kein Ausbildungsberuf oder gar Studium“, erzählt sie, einheimische Kolleg:innen hätten meist nicht mehr als einen dreiwöchigen Crashkurs hinter sich und wären daher für jede professionelle Unterstützung mehr als dankbar.

Doch auch Schleicher lernt viel in der Ferne. „Es war beeindruckend, mit welcher buddhistischen Ruhe und Gelassenheit die Menschen dort schlimmste Krisen und Beschwerden hinnehmen und wieviel Optimismus sie dabei noch ausstrahlen“, erzählt sie. Auch mit der Compliance der Menschen habe man dort keine Probleme, alle Patient:innen wären mit Begeisterung bei der Sache. „Ich bin auf jeden Fall sehr froh und dankbar, diese Erfahrung gemacht haben zu dürfen.“

Und wie kamen Praxis und Familie in dieser Zeit zurecht? „Auch das war eine wertvolle Erfahrung“, sagt Schleicher lachend. Denn dank der Hilfe von Mutter und Schwiegermutter zuhause und der tollen Unterstützung der Mitarbeiter:innen bei der Arbeit hätte ihr Mann das alles auch mal ohne sie „gewuppt“.

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Engagement als Lebensprinzip

Andreas Hiereth konnte wahrscheinlich gar nicht anders. Bereits seine Mutter und sein Vater waren beim Roten Kreuz, er selbst ist seit dem sechsten Lebensjahr dabei. „Es wurde mir in die Wiege gelegt“, sagt der Physiotherapeut mit fröhlichem Oberpfälzer Zungenschlag. Spätestens nachdem er beim Roten Kreuz auch seinen Wehrersatzdienst abgeleistet hatte, gab es wohl kein Zurück mehr.

Heute ist Hiereth im Katastrophenfall Bereitschaftsleiter und Zugführer, zudem arbeitet er noch im normalen Rettungsdienst. Letzteres allerdings nur noch am Wochenende oder wenn wirklich Not am Mann ist. Denn der 39-jährige hat eigentlich auch ohne Ehrenamt genug zu tun. So hat Hiereth zusammen mit seiner Frau Veronika eine eigene physiotherapeutische Praxis mit drei Standorten in Seubersdorf, Breitenbrunn und Velburg mit insgesamt fast 40 Angestellten. „Natürlich kann ich hier nicht bei jedem kleinen Unfall alles stehen und liegen lassen,“ sagt Hiereth. Allerdings hätten sie im Landkreis auch schon einmal einen umgekippten Schulbus gehabt und in solchen Fällen habe dann wohl jeder Verständnis, wenn er mal zum Notfall müsse.

Hiereth hat sich noch nie gefragt, ob er sich dieses zeitraubende „Hobby“ weiter antun wolle. Das hat etwas mit seinem tief verwurzelten Verständnis von sozialem Miteinander zu tun, von einer Gesellschaft, die eben nur funktioniert, wenn alle nicht nur nehmen, sondern auch geben. Dabei sind es nicht nur altruistische Motive, die ihn treiben. Denn natürlich fühle er sich auch selbst gut, so der ausgebildete Rettungssanitäter, wenn er zum Beispiel von einem Einsatz nachhause käme und mal wieder ein Menschenleben gerettet habe.

Aber was sagt sie Familie zu seinem Engagement? „Meine Frau war selbst schon als Jugendliche bei der Bergwacht“, sagt Hiereth – und habe ja zudem gewusst, auf was sie sich bei ihm einlasse. Und die gemeinsamen Kinder hätten ohnehin nichts dagegen einzuwenden: Beide sind auch schon beim Roten Kreuz engagiert.

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Mehr als Sterbebegleitung

Janina Wichmann wollte eigentlich schon immer mit Kindern arbeiten. Und mit behinderten Menschen. Wie befriedigend beides sein kann, hatte die 28-Jährige bereits nach der Schule während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres (FSJ) erfahren, das sie an einer Förderschule für behinderte Menschen in Paderborn gemacht hatte. „Die Kinder geben einem sehr viel zurück und sind einfach unheimlich dankbar für jede Hilfe“, sagt sie. Das habe ihr damals gut gefallen. Doch nach ihrer Ausbildung zur Logopädin bekam Wichmann erst einmal eine Anstellung in einer Rehaklinik für Erwachsene. Auch schön, aber eben doch nicht das Gleiche wie während des FSJ.

Wichmann merkte, das ihr etwas fehlte. Deshalb zögerte sie auch nicht lange, als sie eines Tages erfuhr, dass der ambulante Kinder- und Jugendhospizdienst in Paderborn-Höxter ehrenamtliche Mitarbeiter:innen sucht. In einer 90-stündigen Befähigungsschulung ließ sie sich ausbilden. Dabei sind die Aufgaben, auf die die Freiwilligen vorbereitet werden, weit mehr als reine Sterbebegleitung, viele Klient:innen leben viele Jahre mit ihrer Krankheit. Es sind Kinder und Jugendliche wie Kevin. Diagnose: „Cerebralparese“, eine Bewegungsstörung, deren Ursache in einer frühkindlichen Hirnschädigung liegt. Fast ein Jahr lang besucht Wichmann ihn, einmal die Woche, je zwei Stunden. Sie macht Ausflüge mit ihm, bringt ihn zum Lachen. Manchmal ist auch seine kleine Schwester Marina dabei, damit die Eltern in der Zwischenzeit auch mal kurz zur Ruhe kommen können.

Dass Wichmann derzeit keine neue Begleitung mehr annimmt, liegt weniger daran, dass sie mittlerweile den Job gewechselt und nun auch „hauptamtlich“ mit behinderten Kindern in einem integrativen Kindergarten arbeitet. Vielmehr bekommt sie bald ein eigenes Kind und hat daher vorerst Beschäftigungsverbot. Dass es für sie mit dem Ehrenamt danach weitergeht, steht für sie allerdings außer Frage: „In der Öffentlichkeitsarbeit für den Hospizverein gibt es immer genug zu tun – damit mehr Menschen von dieser wichtigen Arbeit erfahren.“

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