Recruiting für Therapeut:innen und Praxisinhaber:innen
Die Boomer-Generation geht. Doch der Nachwuchs kommt diesem Tempo nicht entsprechend nach. Das wissen Sie. Deshalb überspringe ich das große Klagen und komme direkt zu dem, was hilft. Vorab fünf Grundregeln der Personalgewinnung und -auswahl, die sofort wirken. Danach kommt der Teil, der in der Praxis wirklich den Unterschied macht.
Die fünf Grundregeln – kurz und verbindlich
- Ziel deiner Anzeige: zum Handeln verführen.
- Geschwindigkeit: Gib binnen 48 Stunden Rückmeldung. Persönlich. Mit einem echten, persönlichen Satz zur Bewerbung. Tun Sie das nicht, dann ist der:die Kandidat:in weg bzw. ihm:ihr ist dein Unternehmen gleichgültig.
- Gespräch: Sorge dafür, vorbereitet zu sein und das heißt: Vorab zentrale Fragen formulieren und in allen Bewerbungsgesprächen abfragen. Dann können Sie am Ende vergleichen. Und sonst? Mehr zuhören als reden.
- Absage: Auch eine Absage ist Marketing. Ein persönlicher Satz kostet weniger als fünf Minuten und bleibt lange in Erinnerung. Wer weiß, vielleicht ist der:die Kandidat:in in ein paar Jahren erneut auf der Suche und hat sich weiterentwickelt?
- Nach dem Ja: Zwischen Vertragsunterschrift und erstem Arbeitstag Kontakt halten und die Vorfreude auf die Zusammenarbeit spürbar werden lassen. Wer sich jetzt nicht meldet, verliert schon vor dem ersten Tag.
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Die sechs Schritte – wichtig und nachhaltig
Soweit klar? Dann kommen wir jetzt zu dem Teil, den die meisten überspringen. Die fünf genannten Regeln sind das Handwerk. Aber vor dem Handwerk kommt die Frage: Wie kommen Sie überhaupt an Menschen heran? Dafür braucht es keine große Strategie – aber klare Entscheidungen.
Schritt 1: Wer sind Sie eigentlich?
Bevor Sie (Personal-)Werbung machen, müssen Sie wissen, wofür Sie werben. Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Viele Praxen oder Studios beschreiben sich mit vergleichbaren und damit austauschbaren Worten wie „kompetent“, „modern“ oder „kundenorientiert“. Das unterscheidet niemanden.
Überlege konkret: Was ist dein inhaltlicher Schwerpunkt und was machen Sie anders? Vielleicht ist es eine spezielle Trainingsbegleitung, Stimmdiagnostik, pädiatrische Versorgung oder ein besonderer Fokus auf Traumata. Vielleicht haben Sie deine Räume komplett neugestaltet, arbeitest mit modernsten Geräten oder bietest außergewöhnlich flexible Arbeitszeiten. Geh auf die Suche nach deinem USP und bringe ihn ins Wort. Denn all das ist dein eigenes Profil. Und nur wer sein Profil kennt, kann dieses auch kommunizieren. Ein Satz wie „Hier findet jede Stimme ihr Echo" sagt mehr als drei Absätze Standardtext – aber er muss auch stimmen!
Schritt 2: Verschiedene Zielgruppen, verschiedene Ansprache
Der größte Fehler: Eine Stellenanzeige für alle. Das funktioniert nicht. Denn ein:e Berufseinsteiger:in direkt nach der Ausbildung möchte etwas anderes hören als eine Wiedereinsteigerin nach der Familienphase – und letztere denkt wieder anders als jemand, der mit 62 Jahren in Rente geht, aber gerne noch 20 Stunden pro Woche tätig sein möchte. Dabei ganz wichtig: Jede Zielgruppe reagiert auf andere Wörter, Bilder oder Aussagen!
Denke deshalb deine Zielgruppen durch:
- Absolventen und Berufseinsteiger:innen: Wollen Entwicklung, Feedback, Perspektive. Also zeige, was bei dir möglich ist – fachlich wie menschlich.
- Wiedereinsteiger:innen nach Familienphase: Wollen Verlässlichkeit und Rücksicht auf familiäre Rahmenbedingungen. Flexible Arbeitszeiten und klare Strukturen sind hier das Argument.
- Ältere Fachkräfte / Teilzeit im Rentenalter: Wollen gebraucht werden, ohne Druck. Zeige Wertschätzung für Erfahrung – und biete reale Teilzeitmodelle an.
- Quereinsteiger:innen: Denke in Fähigkeiten, nicht in Berufsabschlüssen. Was muss jemand können, damit er:sie in deiner Praxis / deinem Studio wirksam arbeiten kann? Kommunikationsstärke, Empathie, handwerklisches Geschick – das sind Kompetenzen, die Menschen aus Pflege, Pädagogik oder Sport oft mitbringen.
Für jede Zielgruppe braucht es eine eigene Botschaft. Diese erregt Aufmerksamkeit und spricht die Personen direkt an!
Schritt 3: Hürde für Bewerbungen radikal senken
Formulare, Anschreiben, Zeugnisse – das schreckt ab, bevor das Gespräch überhaupt begonnen hat. Versuche es anders: Vielleicht reichen ja Name und Handynummer vollkommen aus! Und dann rufen Sie aktiv an. Das ist ungewohnt – und genau deshalb wirkungsvoll. Ein kurzes, direktes Gespräch ist oft wertvoller als zehn eingereichte Bewerbungsmappen.
Schritt 4: Raus aus dem Büro – rein in die Welt deiner Zielgruppe
Gute Kandidat:innen sitzen nicht auf Jobportalen und warten. Sie trainieren im Fitnessstudio, engagieren sich im Sportverein, schwimmen, laufen oder sitzen im Elternbeirat. Geh dorthin – gezielt und mit Haltung, nicht mit ausgedruckten DIN A4 Stellenanzeigen.
Konkrete Möglichkeiten:
- Schulen und Gymnasien: Kontakt zu Lehrer:innen und Schulleiter:innen aufbauen. Praktika ab der 9. Klasse anbieten, P-Seminare begleiten, als Expert:in in den Unterricht kommen.
- Kooperationen: Physiotherapieschulen, Sportvereine, Fitnessstudios. Als Sponsor:in, als Referent:in, als Ausbilder:in auftreten. Einen Gesundheitstag organisieren – das schafft Sichtbarkeit bei genau den Menschen, die für Gesundheitsberufe offen sind.
- Besondere Formate: Ein Tag der offenen Tür – mit gezielt verteilten Einladungen, nicht als Massenveranstaltung. Ein Firmenfest, bei dem auch Partner:in und Familie willkommen sind. Ein Ehemaligentreffen. Ein gemeinsames Sportevent.
Schritt 5: Die eigene Homepage – das wichtigste Aushängeschild
Bevor jemand anruft oder sich bewirbt, schaut er:sie auf deine Website. Was er:sie dort findet, entscheidet über den ersten Eindruck. Mindestens diese Inhalte sollten klar sichtbar sein: Echte Bilder aus dem Alltag (keine Stockfotos), eine ehrliche Vorstellung des Teams, konkrete Stellenbeschreibungen, Informationen zur Ausbildung, Aufgabenbereiche, Voraussetzungen, Fort- und Weiterbildungsangebote, Benefits, Einblick in einen typischen Arbeitstag – und nicht zuletzt ein einfacher Weg zur Kontaktaufnahme. Wer all das gut umsetzt, ist schon besser als die meisten.
Schritt 6: Mitarbeitende als Mitstreiter:innen gewinnen
Baue auf das Netzwerk deines Teams und frage konkret: Wo haben deine Mitarbeitenden ihre Ausbildung gemacht? In welchen Vereinen sind sie aktiv? Wen kennen sie, der:die gut zu deiner Praxis passen könnte? Das ist kein Headhunting – das ist Netzwerken.
Biete Anreize: Wer eine:n neue:n Mitarbeitende:n empfiehlt, der:die nach der Probezeit bleibt, bekommt eine echte Anerkennung – ein Grillabend mit der Familie, ein freier Tag, ein persönliches Dankeschön. Mache Mitarbeitende zu Botschafter:innen: als Ansprechperson an der Schule, als Gesicht auf Social Media, als jemand, der:die Bewerbungsinfos im Sportverein weitergibt.
Nicht vergessen: Recruiting ist keine Aufgabe, die man erledigt – es ist eine Haltung, die man einnimmt. Wer jetzt anfängt, ist morgen vorbereitet.
Über Thomas Völkl
Thomas Völkl ist Recruiting-Coach, Rhetoriktrainer und Experte für Personalauswahl. Er begleitet Unternehmen dabei, Recruiting zur verlässlichen Kompetenz zu machen – nicht zum Zufallsprozess.
Weitere Impulse zum Thema Recruiting und Personalauswahl: thomasvoelkl.de