Die neue Heilmittelrichtlinie kommt ab 1. Oktober 2020

Seit dem 19. September ist es offiziell: Die neue Heilmittelrichtlinie tritt in Kraft. Welche Änderungen es geben wird, haben wir kurz und knapp zusammengefasst.

Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat die Änderung der Heilmittelrichtlinie sowie die Überarbeitung des Heilmittelkatalogs beschlossen. Vorrangiges Ziel ist es, die Leistungserbringer zu entlasten und Bürokratie abzubauen. Dabei berücksichtigt die Neufassung auch die durch das TSVG vorgegebenen Beschlüsse. Die Änderungen werden zum 1. Oktober 2020 in Kraft treten, sofern das Bundesministerium für Gesundheit keine Beanstandungen vornimmt. Bis dahin haben die Ärzte nun Zeit, ihre Praxissoftware an die neue Heilmittelrichtlinie anzupassen.  

Der vollständige Text zur geänderten Heilmittelrichtlinie kann beim G-BA eingesehen werden. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

Die wichtigsten Neuerungen im Überblick

Orientierende Behandlungsmenge statt komplizierter Regelfallsystematik

Die Begriffe Erstverordnung, Folgeverordnung und Verordnung außerhalb des Regelfalls gehören mit Inkrafttreten der neuen Heilmittelrichtlinie wahrscheinlich bald der Vergangenheit an. Stattdessen sollte man sich die Formulierung „orientierende Behandlungsmenge“ merken.
Künftig soll es nur einen Versorgungsfall und daran geknüpft die sogenannte „orientierende Behandlungsmenge“ geben. Heißt für Heilmittelerbringer: Diese Behandlungsmenge kann je nach medizinischem Bedarf des Patienten abweichen. Passé sind damit ungenaue und fehlerhafte Verordnungen, weil der Regelfall überschritten ist.

Abschaffen des Genehmigungsverfahrens

Wenn es keine Verordnungen außerhalb des Regelfalls mehr gibt, fällt in derselben Konsequenz auch das bisherige Genehmigungsverfahren einiger Krankenkassen weg. Auch in Fällen, in denen die orientierende Behandlungsmenge überschritten wird, ist keine Begründung mehr erforderlich. Der Arzt muss die Gründe nur in der jeweiligen Patientenakte vermerken – Therapeuten werden entlastet.

Versorgungsdatum statt behandlungsfreiem Intervall

Ab wann gilt eine neue Erstverordnung? Wie lange gilt das behandlungsfreie Intervall? Oder handelt es sich doch um eine Versorgung außerhalb des Regelfalls? Diese Fragen müssen sich Therapeuten bald nicht mehr stellen. Denn zukünftig gilt nicht mehr der letzte Behandlungstermin, sondern das Datum der letzten Heilmittelverordnung – und diese ist beim verschreibenden Arzt gespeichert. Konkret sieht das so aus:

  • Liegt die letzte Verordnung keine sechs Monate zurück, wird der bisherige Verordnungsfall fortgesetzt. Auch die „orientierende Behandlungsmenge“ gilt weiter – außer es besteht darüber hinaus eine medizinische Notwendigkeit
  • Wenn die letzte Verordnung mehr als sechs Monate zurückliegt, wird ein neuer Verordnungsfall verschrieben.
Schlucktherapie als eigenes Heilmittel

Bald kann auch die Schlucktherapie auf Verordnungen eingetragen werden. Sie wird im Rahmen der neuen Heilmittelrichtlinie ein eigenes Heilmittel. Damit wird aus der Stimm-, Sprech- und Sprachtherapie zukünftig die Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie.

Der Heilmittel-Katalog wird übersichtlicher

Mehr Übersichtlichkeit im Heilmittel-Katalog bringt die Zusammenfassung von Diagnosegruppen. Deutlich wird das vor allem in der Physiotherapie, wo sich die Anzahl von 22 auf 13 Gruppen verringert. Damit nicht genug, denn auch innerhalb der Diagnosegruppen wird ab Oktober 2020 nicht mehr zwischen kurz-, mittel- und langfristigem Behandlungsbedarf unterschieden. Außerdem entfällt die sogenannte Aufrechnung der Verordnungsmengen von vorherigen Verordnungen für verwandte Diagnosegruppen und auch ein Wechsel zwischen verwandten Diagnosegruppen ist nicht mehr nötig (z. B. von WS1 zu WS2). Darüber hinaus muss künftig nur noch zwischen „vorrangigen“ und „ergänzenden“ Heilmitteln unterschieden werden – die optionalen wurden in die vorrangigen Heilmittel integriert.

Leitsymptomatik: mehr Flexibilität statt starrer Vorschriften

Wo bisher nur eine Leitsymptomatik angegeben werden konnte, wird künftig Platz für mehrere unterschiedliche Leitsymptomatiken – auch eine patientenindividuelle Leitsymptomatik wird möglich werden. Letztere müssen lediglich die individuellen Angaben des Heilmittel-Katalogs widerspiegeln. Das bedeutet vor allem für Ärzte mehr Entscheidungsfreiheit.

Mehrere Heilmittel gleichzeitig verordnen

Was bisher nur in der Ergotherapie möglich war, gilt mit der neuen Heilmittelrichtlinie auch für die Physiotherapie sowie die Stimm-, Sprech-, Sprach- und Schlucktherapie: Es können bis zu drei vorrangige Heilmittel gleichzeitig verordnet werden.

Flexible Behandlungsfrequenz für weniger Bürokratie

Bisher mussten Abweichungen der Frequenzangaben immer zwischen Therapeut und Arzt abgesprochen werden. Das wird es in dieser Form nicht mehr geben, denn die Frequenzemfpehlungen sollen künftig als Spannen (1-3 Mal wöchentlich) hinterlegt werden. Durch die Vorgabe einer Frequenzspanne können die Behandlungstermine je nach Bedarf flexibler zwischen Heilmittel-Therapeut und Patient vereinbart werden – eine zeitaufwändige Rücksprache mit dem Arzt zu Abweichungen ist nicht mehr nötig.

Späterer Behandlungsbeginn

Bisher hatte der Patient 14 Tage Zeit, seine Behandlung zu beginnen. Im Rahmen der Überarbeitung sind es jetzt 28 Tage. Sollte ein dringlicher Behandlungsbedarf bestehen, wird ein Feld auf der Verordnung geschaffen, das der Arzt bei Bedarf ankreuzen kann. Das soll weniger nachträgliche Änderungswünsche mit sich bringen und den längeren Wartezeiten bei Heilmittelerbringern Rechnung tragen.

Noch mehr Vereinfachung mit nur noch einem Verordnungsformular

Darüber wird bisher nur gemutmaßt, aber voraussichtlich soll es mit Einführung der neuen Heilmittelrichtlinie auch nur noch ein Verordnungsformular für alle Heilmittel (Physiotherapie, Podologie, Ergotherapie, Ernährungstherapie, Stimm-, Sprech-, Sprach- sowie Schlucktherapie) geben. Die Verhandlungen zwischen KBV und GKV-Spitzenverband laufen noch bis Ende 2019. Dann gibt es Gewissheit.

Verordnungsfall ist immer arztbezogen

In der Heilmittel-Richtlinie wird klargestellt, ab wann ein Arzt von einem neuen Verordnungsfall ausgehen kann: Ein Verordnungsfall bezieht sich immer auf den verordnenden Arzt. Somit erfolgt auch die Bemessung der orientierenden Behandlungsmenge immer arztbezogen. Vorteil: Ärzte müssen keine Verordnungsmengen von anderen Ärzten berücksichtigen, entsprechende Recherchen und Rücksprachen bleiben Ärzten künftig erspart.

Quelle: Kassenärztliche Bundesvereinigung

Was nicht berücksichtigt wird

Dem Beschluss voraus gegangen waren Anhörungen mit den Heilmittelverbänden. Sie konnten zu den geplanten Neuerungen Stellung beziehen und weitere Forderungen einbringen.  „Von den Top Ten der größten Probleme im Rahmen der Anwendung der Heilmittelrichtlinie werden acht oder neun ausgeräumt“, bilanziert Thorsten Vogtländer von Physio Deutschland.

Offen bleibt der von vielen Heilmittelverbänden geforderte Direktzugang: Patienten werden also weiterhin nur mit ärztlicher Verordnung einen Therapeuten aufsuchen können. Stattdessen kommt die Blankoverordnung: Gültig für 16 Wochen ermöglicht sie es Therapeuten, aufgrund der vom Arzt gestellten Diagnose, selber über Auswahl, Dauer und Frequenz der Behandlung zu entscheiden. Die Indikationen, für welche dies zutreffen soll, müssen noch zwischen den maßgeblichen Verbänden und dem GKV-Spitzenverband vereinbart werden.

Auch eine Abschaffung der Prüfpflicht wird es nicht geben. Kommen soll jedoch noch eine Anlage 3 der neuen Heilmittelverordnung. Diese regelt, in welchen Fällen und in welcher Form fehlerhafte Verordnungen geändert werden müssen.

Und auch eine von vielen Heilmittelerbringern geforderte neue Hausbesuchsregelung wird nicht kommen: Auch in Zukunft wird eine Behandlung nur dann explizit am Wohnort möglich sein, wenn Patienten aus medizinischen Gründen nicht in die Praxis kommen können.

 


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