Der unwissende Betrachter soll es nicht erkennen

Falk Dehnbostel hilft mit Epithesen Menschen, die einen Teil ihres Gesichts verloren haben – oder nie hatten.

Abrechnung Epithetik

Im Interview spricht der langjährige Forscher, Praktiker und Präsident des Deutschen Bundesverbands der Epithetiker über Herausforderungen und Prioritäten seines Berufes.

Herr Dehnbostel, wie sind Sie beruflich zu dem geworden, was Sie heute sind?

Zunächst habe ich eine Ausbildung zum Zahntechniker abgeschlossen und nach einigen Jahren Berufspraxis in einem zahntechnischen Labor eine Abteilung geleitet. Der nächste Schritt führte an die Medizinische Hochschule Hannover in die Forschung der Implantologie, die in den 1980er-Jahren noch in den Kinderschuhen steckte. Dort habe ich auch Studierende ausgebildet und parallel dazu Dissertationen begleitet. Im Anschluss habe ich mich selbstständig gemacht und mehrere eigene Dentallabore aufgebaut. Fachlich hatte ich mich damals auf die Zahntechnik konzentriert, die Epithetik, die ich an der Hochschule auch verfolgt hatte, übernahm meine Frau. Meine Söhne haben vor etwa zehn Jahren die Dentallabore übernommen, meine Frau und ich konzentrieren uns seitdem auf die Epithetik und betreiben mehrere Praxen in Deutschland und in der Schweiz.

Ist die Zahntechnik der Einstieg in die Epithetik?

Die Einstiegsvoraussetzungen bestehen entweder einem abgeschlossenen Zahnmedizinstudium oder einer zahntechnischen Qualifikation. Danach kann die dreijährige Fortbildung absolviert werden, die mit einer Prüfung zum zertifizierten Epithetiker in Hamburg abgeschlossen wird.

Was macht Ihnen bei Ihrer Arbeit besonders viel Freude, was weniger?

Eine Herausforderung ist der administrative Aufwand, der in den vergangenen Jahren durch immer mehr gesetzliche Regelungen stark gewachsen ist. Das führt dazu, dass ich viel Zeit im Büro verbringen muss, die ich gerne in die Arbeit mit unseren Patientinnen und Patienten investieren würde. Wichtige und spannende Themen für mich sind die Nachwuchsförderung und die Nachfolgeregelung, nicht nur für unsere eigene Praxis, sondern auch für andere niedergelassene Kolleginnen und Kollegen.

Was zeichnet Sie und Ihre Praxis aus?

Die Epithetiker sind insgesamt sehr engagierte Fachleute. Uns zeichnet aus, dass wir schon in der Pionierzeit in den 1980er-Jahren dabei waren und das Gebiet aktiv mitgestaltet haben. Dazu zählt auch die Implantologie, die sich in großen Schritten verbessert und verfeinert hat. Wir haben in 30 Jahren Berufstätigkeit einen enormen Erfahrungsschatz erworben, den wir nun an die jüngeren Kolleginnen und Kollegen weitergeben.

Was betrachten Sie als eine der großen Herausforderung in Ihrem Geschäft?

Zu den großen Herausforderungen zählen die gesetzlichen Änderungen, die Neuordnung des Fünften Sozialgesetzbuches, wodurch der gesamte Hilfsmittelmarkt völlig neu positioniert wurde. Dabei denke ich beispielsweise an die Medical Device Regulation, die eine erhebliche Herausforderung für die Epithetiker und alle anderen Berufe der Hilfsmittelbranche sind oder die Datenschutzverordnung. All diese Neuerungen haben einen Sinn, kosten aber Zeit und Mühe, die zu Mehraufwand im Büro führen.

Mit welchen Problemen kommen die Menschen zu Ihnen, wie helfen Sie?

80 Prozent der Patientinnen und Patienten leiden an Krebs, 10 Prozent haben durch einen Unfall einen Teil ihres Gesichts verloren. Weitere 10 Prozent haben genetischen Nicht-Anlagen, also beispielsweise Kinder, die ohne Ohren oder Augen geboren wurden. Ein Drittel sind in der Altersgruppe vom Baby bis zum Ende der Berufsausbildung, ein Drittel im Beruf und ein Drittel sind Pensionäre.

"Wir sehen die meisten in dem Moment zum ersten Mal, wenn sie in der Klinik ihre Diagnose bekommen, und das ist oft sehr berührend."

Gerade bei den ersten beiden Gruppen wollen wir eine möglichst schnelle Rehabilitation erreichen, damit die Menschen am Alltag teilnehmen können. Allerdings sind die Abläufe meist langfristig: Von der Operation über die Implantate bis zu den letzten Schritten vergeht oft mehr als ein Jahr.

Berühren Sie die Schicksale Ihrer Patientinnen und Patienten?

Das tut es immer, aber im Laufe von 30 Jahren muss man lernen, ein wenig Abstand zu halten und sich darauf zu konzentrieren, die Fälle professionell zu behandeln und den Patientinnen und Patienten eine Perspektive zu bieten. Wir sehen die meisten in dem Moment zum ersten Mal, wenn sie in der Klinik ihre Diagnose bekommen. Das kann einem sehr nahe gehen.

Was erwarten die Patienten von Ihnen, worauf legen sie besonders großen Wert?

Am wichtigsten ist es den Patientinnen und Patienten, sich wieder normal im Leben und Alltag bewegen zu können. Die Versorgung soll sich so unauffällig in die gesunden Gesichtszüge einbetten, dass der unwissende Betrachter es nicht erkennt. In zweiter Linie wollen sie möglichst zügig versorgt werden und sich nicht allzu lange mit dicken Verbänden im Gesicht bewegen müssen.

Neben Ihrer Arbeit in Ihrem Institut sind Sie auch Präsident des Deutschen Bundesverbands der Epithetiker. Welche Themen beschäftigen Sie in dieser Rolle gegenwärtig am meisten?

Das sind wir wieder bei den Änderungen im Sozialgesetzbuch, bei den Medical Device Regulations, bei den ständigen Verhandlungen mit den Krankenkassen. Vor einigen Wochen habe ich die Verträge mit dem Verband der Ersatzkassen VDEK in Berlin abgeschlossen, der die größten Krankenkassen in Deutschland mit vielen Millionen Versicherten vertritt. Hinzu kommen regelmäßige Sitzungen mit dem GKV-Spitzenverband, der die Hilfsmittelrichtlinien erarbeiten, die Zusammenarbeit mit dem Gemeinsamen Bundesausschuss, der alle deutschen Ärztinnen und Ärzte repräsentiert.

Wie gestaltet sich für Sie die Zusammenarbeit mit den Krankenkassen?

Sehr positiv, wir haben über die Jahre ein gutes Verhältnis aufgebaut. Wenn bei den Kassen Fragen auftauchen, sei es bei Sachbearbeitern oder Entscheidungsträgern, dann kommen sie ganz einfach auf uns zu und bitten um eine Erklärung oder Stellungnahme. Es existiert ein intensiver Austausch, auch umgekehrt, und eine Atmosphäre der gegenseitigen Wertschätzung.

Was kennzeichnet Rezepte in der Epithetik im Vergleich zu anderen Hilfsmittelbereichen?

Zum einen die Präzision: Das wichtigste ist die Areal-Beschreibung, das heißt, um welchen Bereich es genau geht – Ohr, Nase, Augen oder Wangen. Zum anderen müssen unseren Verordnungen auch die obligatorische gemeinsame Vorstellung der Patienten in den Kliniken enthalten. Wir sind in der Regel bei den Operationen dabei, übernehmen die Assistenz, vor allem bei der Platzierung der Implantate. Sie sind das Fundament für die spätere Epithetik. All das muss entsprechend verordnet werden und sich auch in den Kostenvoranschlägen niederschlagen.

"Die Versorgung soll unauffällig sein und sich so in die gesunden Gesichtszüge einbetten, dass der unwissende Betrachter es nicht erkennt."

Stellen Kostenvoranschläge für Sie eine besondere Herausforderung dar?

Der elektronische Kostenvoranschlag wird Pflicht, führt aber derzeit noch oft zu Klärungsbedarf. Obwohl ich ihn seit zwei Jahren anwende, erziele ich nur eine Erfolgsquote von 80 Prozent. Außerdem kostet er zurzeit noch viel Zeit, etwa doppelt so viel wie ein klassischer Kostenvoranschlag. Gut ist, dass Optica uns hier mit einer Plattform unterstützt, die den elektronischen Kostenvoranschlag vereinfacht. Da sich die Krankenkassen in verschiedenen Konstellationen zusammengeschlossen haben, werden Schnittstellen zu drei Plattformen benötigt. Die Optica-Oberfläche bietet den Vorteil, diese vereinheitlicht anzusprechen.

Wie werden Sie in Ihrer Arbeit von Optica unterstützt?

Die Epithetik ist kein Massengeschäft, deshalb erwarte ich eigentlich gar keine besondere Behandlung von einem großen Anbieter wie Optica. Was ich aber hervorheben möchte, ist der gute persönliche Kontakt zu Optica. Wir haben wir dort eine Betreuerin, die sich für unseren Bereich sehr stark engagiert und einsetzt. Sie besucht regelmäßig unsere Fachtagungen und Jahreshauptversammlung und baut hervorragend Brücken in die Managementebene bei Optica, wenn es einmal etwas zu besprechen oder zu entscheiden gibt.

Herr Dehnbostel, herzlichen Dank für das Gespräch!