Talk mit Piel | Jetzt kommt es auf Zusammenarbeit an.
Mein Eindruck? So richtig glücklich scheint mit dem ersten Gesetz niemand zu sein. Wahrscheinlich nicht einmal diejenigen, die es beschlossen haben. Denn am Ende betrifft es uns alle: Menschen, die ins Krankenhaus müssen, eine Arztpraxis aufsuchen, Physiotherapie benötigen oder auf die Versorgung durch ein Sanitätshaus angewiesen sind.
Gleichzeitig sollten wir uns nichts vormachen. Die gesetzliche Krankenversicherung gibt im Jahr 2025 rund 336,4 Milliarden Euro aus. Eine Summe, die so groß ist, dass sie sich kaum noch vorstellen lässt. Wer solche Beträge verantwortet, kommt an der Frage nach Wirtschaftlichkeit und Prioritäten nicht vorbei. Sparen ist längst keine theoretische Debatte mehr, es ist Realität.
Doch zwischen einem verabschiedeten Gesetz und einer funktionierenden Versorgung liegen oft Welten.
Genau dort beginnen meine eigentlichen Sorgen. Denn während die gesetzlichen Vorgaben nun feststehen, bleiben viele praktische Fragen offen. Wie sollen Krankenkassen und Leistungserbringer die neuen Regelungen im Vertrags- und Abrechnungsalltag umsetzen? Wer beantwortet die zahlreichen Detailfragen? Und was passiert, wenn jede Krankenkasse ihre eigene Auslegung entwickelt?
Die Antwort darauf könnte genau das Gegenteil dessen sein, was eigentlich erreicht werden soll: unterschiedliche Verfahren, zusätzlicher Verwaltungsaufwand und mehr Rechtsunsicherheit. Dann wären die erhofften Einsparungen schneller durch neue Bürokratie aufgezehrt, als uns lieb sein kann.
Gerade deshalb braucht das Gesundheitswesen jetzt etwas, das zwar oft beschworen, aber viel zu selten konsequent gelebt wird: Zusammenarbeit.
Kostenträger, Leistungserbringer und Verbände sollten die offenen Fragen nicht nebeneinander, sondern miteinander beantworten. Ein gemeinsamer Fragenkatalog, abgestimmte Positionen und ein geschlossenes Auftreten gegenüber dem GKV-Spitzenverband und dem Bundesministerium für Gesundheit würden die Chance auf einheitliche, praxistaugliche Lösungen deutlich erhöhen. Das wäre nicht nur effizienter, sondern vor allem im Interesse aller Beteiligten.
Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, Erfahrungen zu sammeln und Probleme offen anzusprechen. Wo entstehen durch den Drei-Prozent-Abschlag praktische Hürden? Welche Regelungen sind unklar? Welche Prozesse funktionieren schlicht nicht? Aus vielen einzelnen Rückmeldungen kann eine gemeinsame Position entstehen – und genau die wird jetzt gebraucht.
Während wir diese Herausforderungen noch sortieren, steht mit dem HiB bereits die nächste Reform vor der Tür. Vereinfachte Vertragsstrukturen, weniger Aufwand bei der Präqualifizierung, Entlastungen bei gesetzlichen Zuzahlungen, eine bundesweite Schiedsstelle und schnellere Verfahren, Vieles davon klingt vernünftig. Ehrlich gesagt: Vieles davon ist längst überfällig.
Doch Gesetze entfalten ihre Wirkung nicht auf dem Papier, sondern im Versorgungsalltag. Bürokratie verschwindet nicht, weil sie per Gesetz abgeschafft wird. Sie verschwindet erst dann, wenn Prozesse tatsächlich einfacher werden.
Vielleicht ist genau das die wichtigste Lehre aus den vergangenen Monaten: Wir sollten nicht immer erst reagieren, wenn das nächste Gesetz beschlossen ist. Wir sollten unsere Erfahrungen jetzt bündeln, gemeinsam Lösungen entwickeln und die kommenden Reformen von Anfang an konstruktiv begleiten. Mit dem neuen Bundesgesundheitsminister beginnt zugleich eine Phase, in der gesundheitspolitische Weichen neu gestellt werden. Umso wichtiger ist es, dass die Erfahrungen aus der Versorgungspraxis frühzeitig in diesen Prozess einfließen.
Denn eines scheint mir in diesen bewegten Zeiten klarer denn je: Kraft entsteht aus Einheit. Und wenn das stimmt, dann ist genau jetzt der richtige Zeitpunkt, damit zu beginnen.
Thomas Piel verfügt über drei Jahrzehnte Branchenerfahrung, vor allem im Hilfsmittelbereich. Als Leiter Gesundheitspolitik/Strategische Kooperationen bei Optica ist er bestens vernetzt mit Verbänden, Krankenkassen und politischen Entscheidern und immer auf der Suche nach neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit, um die Branche voranzubringen. In seiner Freizeit trifft man ihn laufend, radfahrend oder auf Spurensuche mit seinem Dackel Luca im Wald.